Der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V. hat in einer Reihe an Mitteilungen in den vergangenen Monaten eine außerordentliche Dramatik und einen Überlebenskampf der deutschen Kautschukindustrie gezeichnet. Werden Sie von der neuen Bundesregierung nicht gehört?
Boris Engelhardt: Die aktuellen Herausforderungen der deutschen Kautschukindustrie unterscheiden sich vom Grundsatz her nicht wesentlich von denen anderer Industriebranchen. Insbesondere, wenn diese als Zulieferer Produkte und Lösungen für Mobilität anbieten. Wie zahlreiche Unternehmen anderer Branchen, so fragen sich auch in der Kautschukindustrie Unternehmensleitungen und Inhaber, ob es am Standort Deutschland und Europa für sie eine Zukunft gibt. Und das bereits lange vor dem Regierungswechsel im Frühjahr.
Was sich verändert hat, ist die nun greifbare normative Kraft des Faktischen. Unternehmen ziehen sich zurück, bauen Personal ab, werden verkauft oder geschlossen. Die neue Bundesregierung präsentiert sich als wirtschaftsnah. Aber der traditionelle deutsche Mittelstand liegt irgendwie außerhalb des Sichtfeldes. Nicht einmal unser branchenübergreifendes Verbände-Bündnis “Faire Energiewende” findet mit seinen wichtigen Standort-Anliegen politische Resonanz.
Ihre speziellen Forderungen an die politischen Handlungsträger lauten: die Abschaffung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes sowie ein Vereinfachungskonzept für entwaldungsfreie Lieferketten. Erläutern Sie bitte die Details Ihrer Appelle an die Politik.
Boris Engelhardt: Erst einmal: Die Kautschukindustrie steht voll hinter den Zielen der Lieferkettengesetzgebung. Dem Schutz von Mitmenschen und Natur. Warum die europäische und deutsche Administration parallel und mit verschiedenen Ressort-Zuständigkeiten unsere Lieferketten dreifach reguliert, ist eine Frage, die wir der Bundesregierung seit Jahren stellen. Unsere gemeinsam mit vielen Teilen der Wirtschaft geforderte Aufgabe des deutschen Sonderwegs in der Lieferkettenregulierung hat in der vergangenen Legislaturperiode Unterstützung von der CDU/CSU und auch der FDP erhalten. Die neue Bundesregierung und insbesondere Bundeskanzler Merz haben noch vor ihrem Regierungs-Start die Rücknahme des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes zugesagt. 100 Tage neue Bundesregierung liegen hinter uns. Bisher passiert ist: Nichts. Parallel versucht die EU seit mehreren Jahren, Lieferketten zusätzlich zu regulieren, die gegebenenfalls in Konflikt mit dem Schutz von Wäldern kommen könnten. Gleiche Zielsetzung des Schutzes von Mensch und Umwelt – mit nochmals massiv mehr Bürokratie. Was in die EU importiert wird, soll aus entwaldungsfreien Quellen stammen. Das an den Außengrenzen beim Import zu kontrollieren, wäre doch ausreichend. Stattdessen muss nach der neuen EU-Deforestation-Regulierung jeder innerhalb der EU, der z. B. den importierten Naturkautschuk weiterverarbeitet, nachweisen, in welchem Einzelprodukt welche Charge Kautschuk verarbeitet wurde. Und zwar genau von welchem Anpflanzungsgrundstück der Kautschuk stammt. Das klingt aufwändig. Und das ist es auch. Bürokratie pur. Der Versuch, die von den EU-Regulierern erfundenen Prozedere in Bürokratie umzusetzen, überfordert die EU und die national zuständigen Behörden schon jetzt. Nicht umsonst ist der Start bereits um ein Jahr verschoben. Und noch ein interessanter Aspekt: Verlege ich meine Produktion außerhalb der EU und mein Bauteil wird, zum Beispiel eingebaut in ein Fahrzeug, in die EU importiert, so muss ich die Deforestation-Regulierung nicht beachten oder nachweisen.
Unsere Forderung steht: Der Erste, der den einschlägigen Rohstoff in die EU importiert oder als EU-Erzeuger (Holz, Rindfleisch) verantwortet, weist die Konformität nach. Ziel erreicht. Keine weitere Bürokratie für die nachlaufende Wertschöpfungskette erforderlich.
Jüngst forderten Sie auch einen permanenten Rohstoffdialog zwischen Bundesregierung und Wirtschaft. Wie soll dieser aussehen?
Boris Engelhardt: Naturkautschuk war durch die EU bis vor kurzem als ‚kritischer Rohstoff‘ gelistet. Kautschuk hat tatsächlich strategische Bedeutung. Deshalb wurde nach den beiden Weltkriegen im vergangenen Jahrhundert auch die International Rubber Study Group (IRSG) von mehreren Staaten – darunter die USA und England – gegründet. Man wollte nicht mehr aus Unkenntnis in eine Kautschuk-Unterversorgung laufen. Seither befasst sich auch der wdk als IRSG-Mitglied strategisch mit der Angebots- und Nachfragelage bei Naturkautschuk. Bereits vor einigen Jahren haben wir bei unseren Kontakten zur Bundesregierung festgestellt, dass unsere Anliegen zur Rohstoffpolitik in verschiedenen Ministerien auf eine sehr heterogene Ansprechpartner-Struktur stießen. Eine Koordination war nicht erkennbar. So haben wir ab 2017 bei der Bundesregierung für die Einführung eines ‚Rohstoff-Beauftragten‘ geworben. Und hatten in dieser Frage auch die Unterstützung des BDI. Leider ohne Erfolg.
Sehen Sie sich die aktuellen Diskussionen über ‚Seltene Erden‘ an! Das Thema Versorgungssicherheit ist heute brisanter denn je. Und wir brauchen zeitnah Klarheit über quantitative Bedarfe und über geklärte Zuständigkeiten in der Bundesregierung. Bemerkenswert ist übrigens, dass die EU-Kommission jetzt den Beschluss erwirkt hat, aus der IRSG auszutreten. Ohne den Fortbestand der strategischen Funktion dieser Plattform vorab zu sichern.
Die großen Reifenhersteller trimmen ihre Produktionsnetzwerke auf Effizienz. Werksschließungen und die Verlagerung nach Osteuropa sind die ausschließlichen strategischen Mittel, wie es derzeit scheint. Wie kann man diese Entwicklung abfangen und wie wirkt der wdk als Branchenverband entgegen?
Boris Engelhardt: Unser Ziel ist es, den Mehrwert, den deutsche Werke bieten, sichtbar zu machen. Deutsche Werke verfügen über hochqualifizierte Fachkräfte, eine dichte Forschungs- und Entwicklungslandschaft und ausgeprägte Qualitätsstandards. Zentral ist dabei die Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen. Hohe Energiepreise, Abgabenlast und Bürokratie schwächen die Wettbewerbsfähigkeit. Der wdk tritt deshalb für den Abbau von überbordender Bürokratie, wettbewerbsfähige Industriestrompreise, beschleunigte Genehmigungen und innovationsfreundliche Regulierung ein. Gleichzeitig setzt er auf konstruktive Lösungen, die Industrieerhalt und Nachhaltigkeit miteinander verbinden. Hier wirkt der Verband als Sprachrohr der Branche und macht gegenüber Politik und Verwaltung konkrete Vorschläge, wie diese Standortnachteile abgebaut werden können.
Bei Naturkautschuk beträgt die Importabhängigkeit 100 Prozent. Angesichts der Abhängigkeit in Rohstofffragen, der Energie- und Personalkosten hierzulande sowie der strategischen Zielrichtung der Managements – wird in zehn Jahren überhaupt noch ein Reifenhersteller in Deutschland fertigen?
Boris Engelhardt: Ja!