Eine neue Komplettrad-Straße und ein neuer 3D-Komplettradkonfigurator – warum sind diese beiden Investitionen für das Geschäft von Reifen Straub von zentraler Bedeutung?
Marc Straub: Für uns sind beide Investitionen deshalb so wichtig, weil sie zwei Dinge miteinander verbinden: maximale Effizienz im eigenen Haus – und gleichzeitig maximalen Nutzen für unsere Kunden. Beides hängt aus meiner Sicht untrennbar zusammen. Unser alter Konfigurator war rund zehn Jahre im Einsatz und technisch einfach nicht mehr State of the Art. Und für mich ist Digitalisierung kein ‘Tool’, das man mal eben einführt, sondern eine Grundvoraussetzung, um als Großhändler überhaupt noch echten Mehrwert bieten zu können. Heute zählt jede Sekunde, jeder Klick und jede Information, die sofort verfügbar ist. Unser neuer 3D-Konfigurator spart unseren Kunden genau diese Zeit – und zwar jeden einzelnen Tag.
Die neue Komplettrad-Straße ergänzt das perfekt. Sie bringt die digitale Geschwindigkeit in die physische Umsetzung. Sobald ein Kunde ein Komplettrad konfiguriert, können wir im Idealfall sofort montieren – direkt aus unserem eigenen Bestand, ohne zusätzliche Wartezeiten. Und genau das ist für Werkstätten heute Gold wert. Dort fehlt es bekanntlich nicht selten an Monteuren – vor allem in den Wochen, in denen es richtig rund geht, zählt jede Hand und jede Minute. Natürlich kann man in der ruhigen Zeit den ein oder anderen Satz selbst vor Ort montieren. Aber in der Hochsaison wird jede Entlastung zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Für mich persönlich steckt dahinter immer die gleiche Grundidee: Wir wollen nicht einfach Reifen und Felgen verkaufen, sondern Probleme lösen und Abläufe vereinfachen. Die Komplettrad-Straße und der 3D-Konfigurator sind genau solche Lösungen – für heute und für die Zukunft.
Euren 3D-Komplettradkonfigurator bezeichnet Ihr als digitales Herzstück. Erläutere dies bitte. In welchen Bereichen seht Ihr außerdem noch Digitalisierungsbedarf?
Marc Straub: Unser 3D-Konfigurator ist deshalb ein digitales Herzstück, weil er perfekt repräsentiert, wie wir Digitalisierung verstehen: nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug, das unseren Kunden spürbar Zeit, Aufwand und Unsicherheiten abnimmt. Was viele nicht wissen: Unsere komplette IT – unser B2B-Portal, unsere Lagerlogistik, unser CRM – ist selbst programmiert. Wir sehen IT nicht als Add-on, sondern als echte Kernkompetenz.
Die Welt dreht sich immer schneller, und es kommen ständig neue Herausforderungen auf uns zu. Wenn man sich darauf einstellt, verändert man den Blick auf Probleme, die grundsätzlich nichts Negatives sind – es ist einfach eine Aufgabe, die darauf wartet, gelöst zu werden. Und genau dafür ist die eigene IT entscheidend. Sie gibt uns die Flexibilität, Dinge sofort anzupassen, zu verbessern und stabiler zu machen, ohne auf externe Dienstleister oder starre Standardsysteme warten zu müssen. Digitalisierung ist für uns keine Zukunftsmusik – sie ist Teil unserer DNA. Gleichzeitig stehen wir sicher erst am Anfang dessen, was durch KI möglich wird. Wir sehen großes Potenzial im Bereich automatisierter, intelligenter Prozesse. Maschinen ersetzen dabei keine Mitarbeiter – sie schaffen Freiräume. Und diese Freiräume nutzen unsere Kunden wiederum, um das zu tun, was Menschen besser können als jeder Algorithmus: beraten und Beziehungen pflegen. Digitalisierung ist quasi wie ein Co-Pilot: Er nimmt dir die Routineaufgaben ab, aber du bleibst der Mensch, der das Ziel setzt und entscheidet. Genau dieses Zusammenspiel wollen wir weiter ausbauen.
Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Welche Bilanz ziehst Du für das Reifenhandelsgeschäft 2025? Was waren die Trends?
Marc Straub: 2025 war ein starkes Jahr – aber auch eines, das gezeigt hat, wie wichtig Anpassungsfähigkeit geworden ist. Wir konnten in allen Segmenten zulegen: Pkw, Lkw, Transporter, Motorrad, Felgen und RDKS. Nicht, weil der Markt automatisch wächst – sondern weil wir unsere Strategie laufend anpassen. Das ist für mich der entscheidende Punkt: Erfolg entsteht heute nicht mehr durch ‚weiter so‘, sondern durch aktives Steuern. Ein klarer Trend, den wir sehen: Der Markt wird spürbar volatiler. Rahmenbedingungen ändern sich schneller als früher. Mögliche Strafzölle auf Pkw-Reifen Made in China, die EU-Entwaldungsverordnung oder neue Lieferkettengesetze verändern das Spielfeld. Die Branche steht unter Druck – aber genau in solchen Momenten trennt sich die Spreu vom Weizen. Was interessant ist: Unsere Partner haben diese Entwicklung früh erkannt. Das ist kein Zufall. Sailun produziert längst nicht mehr ausschließlich in China, sondern auch in Vietnam, Kambodscha und ab 2026 sogar in Ägypten. Linglong baut in Serbien produzierte Ware aus und stärkt damit Europa als Produktionsstandort. Und Momo lässt den Großteil der Reifen ohnehin in Europa fertigen. Wenn man weiß, dass sowohl Sailun als auch Linglong das ambitionierte Ziel verfolgen, bis 2030 zu den fünf größten Reifenherstellern der Welt zu gehören, versteht man auch: Wer solche Ziele ausspricht, überlässt nichts dem Zufall. Das sind Hersteller mit Weitblick, strategischem Denken und einer enormen Entschlossenheit.
Für uns – und vor allem für unsere Kunden – bedeutet das Sicherheit: In einer immer komplexeren Welt braucht man starke Partner, die weiter denken als von Saison zu Saison. Hersteller, die investieren, Produktionsrisiken streuen, neue Werke aufbauen und regulatorische Veränderungen frühzeitig einpreisen. Ich sehe Herausforderungen deshalb nicht als Hindernisse, sondern als Entwicklungsbeschleuniger. Der Markt verändert sich ständig: Mobilitätsverhalten, Kaufkraft, Ansprüche – vieles ist im Wandel. Aber wer diese Veränderungen akzeptiert und aktiv nutzt, ist automatisch vorne dabei. Und genau das ist unser Anspruch bei Reifen Straub: Wir wollen Partnern Orientierung geben, Stabilität bieten und gemeinsam Chancen nutzen, die aus Veränderungen entstehen.
Ganzjahresreifen haben auch in diesem Jahr wieder zugelegt, allerdings mit regional bedingt unterschiedlicher Ausprägung. Ist ein Ende des Wachstums dieses Segments absehbar?
Marc Straub: Der Trend zu Ganzjahresreifen ist ungebrochen – und zwar nicht nur im Norden, sondern inzwischen auch in südlicheren Regionen und sogar in Österreich. Vor zehn Jahren hätte man das in dieser Form sicher nicht erwartet. Grundsätzlich ist unbestritten, dass sich die Qualität moderner Ganzjahresreifen verbessert hat. Viele Modelle verdienen den Namen tatsächlich. Trotzdem gilt: Ein Ganzjahresreifen bleibt ein Kompromiss. Er wird sowohl gegen einen reinen Winter-Experten als auch einen reinen Sommer-Experten nicht ankommen. Zudem sagt man ihm rund 30 Prozent weniger Laufleistung im Vergleich nach. Aber für viele Kunden ist dieser Kompromiss vollkommen in Ordnung. Zweitwagen, kurze Strecken, Homeoffice, wenig Fahrleistung – da zählt heute Flexibilität oft mehr als Perfektion. Und parallel dazu entwickeln die Hersteller das Segment konsequent weiter. Immer mehr große Dimensionen sind heute als Ganzjahresreifen verfügbar. Das wirkt wie ein Multiplikator: Je größer die verfügbare Bandbreite, desto größer das mögliche Absatzvolumen.
Besonders deutlich sieht man die Entwicklung im Transporter- und Van-Bereich. Dort herrscht Pragmatismus vor. Standzeit ist der größte Feind – das Fahrzeug verdient nur, wenn es rollt. Viele Betriebe montieren deshalb bewusst Ganzjahresreifen, die entsprechend das ganze Jahr einsatzfähig sind und im Zweifel auch mal einen Wintereinsatz mitmachen. Alternativ setzt man Winterreifen als Ganzjahreslösung ein. Der Wechsel auf Sommerreifen schwindet in diesem Segment aus meiner Erfahrung.
Ein weiterer Aspekt wird oft unterschätzt: Das Fahrverhalten verändert sich. Durch die Elektrifizierung der Mobilität fahren viele Menschen automatisch defensiver. Reichweite maximieren statt ‚Bleifuß‘, ruhiges Cruisen statt dauerhafter Volllast. Gleichzeitig erleben wir mehr Stop-and-Go-Verkehr, volle Autobahnen und Situationen, in denen Reifen kaum noch an ihre Grenzen gebracht werden. Moderne Assistenzsysteme entschärfen zudem viele kritische Situationen schon, bevor der Fahrer überhaupt eingreifen muss. Wenn ein Fahrzeug selbst bremst, Abstand hält oder korrigiert, sinken die Extrembelastungen für den Reifen – und genau dann können Kompromisslösungen attraktiv werden.
Ich würde mir wünschen, dass der Ganzjahresreifen nicht einfach pauschal als ‘eierlegende Wollmilchsau’ behandelt wird, sondern die Bedarfsermittlung am PoS darüber entscheidet, welcher Reifentyp schlussendlich die beste Wahl ist. In alpinen Regionen oder bei hoher Fahrleistung bleibt der saisonale Wechsel auf Sommer- und Winterreifen die beste Wahl. Unsere Aufgabe als Großhändler ist es, diese Vielfalt abzubilden, ehrlich zu erklären und unseren Kunden Orientierung zu geben.
Erkennt Ihr aus Großhandelssicht besondere Präferenzen? Marken, die besonders stark nachgefragt werden, oder eine Verschiebung hin zu preisgünstigen Produkten?
Marc Straub: Ja, absolut. Aus Großhandelssicht beobachten wir einen sehr deutlichen Wandel – die Schere geht weiter auseinander. Auf der einen Seite bleibt die Premium-Kundschaft, die bewusst auf Continental, Michelin & Co. setzt. Auf der anderen Seite wächst die Gruppe der Kunden, die klar nach Preis-Leistung fragt. Diese Entwicklung ist nicht negativ, sondern vollkommen logisch, wenn man sich die gesamte Marktdynamik ansieht. Was sich außerdem verändert hat, ist die Wahrnehmung von Budget- und Mittelklasse-Marken. Die ältere Generation hatte lange das Bild im Kopf: ‘Günstige Reifen = schlechte Reifen’. Und das war vor 20 Jahren oft auch so. Heute ist das schlicht nicht mehr zutreffend. Ich bin 33, und für meine Generation ist „Made in China“ kein Warnsignal mehr – wir wachsen seit Jahrzehnten mit Smartphones, E-Bikes und Elektronik auf, die aus Fernost kommen und hervorragend funktionieren. Da passiert gerade ein echter Paradigmenwechsel.
Wir fokussieren im ‘Gut&Günstig’-Segment drei Hersteller, die wir auch als Generalimporteur vertreten: Sailun, Linglong und Momo. Alle drei Marken haben in den letzten Jahren extrem aufgeholt und produzieren zunehmend sogar Made in Europe. Ein beachtliches Line-up bis 22 Zoll, Technologien wie Runflat oder Silent, spezielle Reifen für E-Fahrzeuge, beachtenswerte Testergebnisse beispielsweise im AvD-Ganzjahresreifentest 2025, in welchem Linglong als „Preis-Leistungssieger“ abschließen konnte, stellen genau diesen Qualitätswandel unter Beweis. Auch die Automobilindustrie sieht echte Alternativen in diesen Marken und baut die Zusammenarbeit in Europa wie auch weltweit aus. Viele vergessen zudem: Werkstätten brauchen in ihrem Sortiment verlässliche Alternativen im Economy-Segment, die sie ruhigen Gewissens empfehlen können. Wenn ein Kunde nur 400 Euro Budget für vier Reifen hat, dann geht Premium schlicht nicht – aber Sicherheit und Qualität müssen natürlich trotzdem stimmen. Der Clou: Sailun, Linglong und Momo sind nicht nur günstiger, sondern ermöglichen Werkstätten und Autohäusern zudem auch noch höhere Erträge. Der oft gehörten Äußerung ‘Mit Reifen lässt sich kein Geld verdienen’ würde ich daher definitiv widersprechen bzw. ergänzen – ‘nicht mit allen Marken. Mit den richtigen, aber durchaus.’ Kurz gesagt: Ja – der Markt verschiebt sich. Aber nicht weg von Qualität, sondern hin zu intelligenteren, preis-leistungsorientierten Lösungen. Und genau dort sind unsere drei Marken sehr gut positioniert.