Die Schließung des traditionsreichen Vredestein-Produktionsstandortes in Enschede hat der indische Reifenhersteller Apollo bereits im April angekündigt – und damit eine Schockwelle in die europäische Belegschaft gesendet. Nun verkündet das Apollo-Management eine grundlegende Entscheidung für das seit 2017 bestehende Reifenwerk in Gyöngyöshalász: Am ungarischen Standort will der Hersteller künftig keine TBR-Reifen mehr produzieren, die komplette Fertigung wird in indische Produktionseinheiten abgezogen. Apollo begründet diese Entscheidung aber nicht damit, das ungarische Werk effizienter auf die Pkw-Reifenproduktion der Marken Apollo und Vredestein auszurichten, sondern eine verbesserte TBR-Produktversorgung für Europa erreichen zu wollen. Seit 2018 wurden am Standort Gyöngyöshalász Lkw- und Busreifen hergestellt.
Die undurchsichtige Begründung zur Produktionsverlagerung nährt weitere Spekulationen über die Produktionstätigkeit des indischen Reifenherstellers in Europa. Apollo Vice President Commercial EMEA, Yves Pouliquen, versucht zu erklären: “Unsere Änderung der Produktionsstrategie ist ein wichtiger Schritt nach vorne in der Fähigkeit von Apollo Tyres, Kunden in ganz Europa zu bedienen. Durch die Kombination modernster Produktion in Indien mit maßgeschneiderter Forschung und Entwicklung sowie Engineering und Support in Europa stellen wir kontinuierliche Innovation im TBR-Bereich sicher, verbunden mit einer höheren Produktverfügbarkeit und dem Service-Exzellenz-Standard, den unsere Kunden erwarten.“ So richtig greifen will diese Erläuterung aber nicht. Kurze Wege in die europäischen Märkte sind entscheidendes Kriterium, um sich gegen andere Player im Commercial-Segment aus Asien zu behaupten. Entwickelt in Europa, aber komplett außerhalb Europas produziert – mit dieser Commercial-Strategie will der Konzern kurioserweise eine verbesserte Produktversorgung für Europa erreichen.
Die Verlagerung soll laut Apollo-Führung die Erweiterung des TBR-Portfolios im Jahr 2026 beschleunigen. Bis Ende des nächsten Jahres sollen bis zu 80 Prozent aller Formate und Größen, die europäische Lkw- und Busunternehmen nachfragen, abgedeckt werden, heißt es in einer Mitteilung. Andersherum formuliert: Bisher hat der Konzern die Bedürfnisse europäischer Lkw- und Busunternehmen nicht zufriedenstellend bedienen können. Das für die TBR-Verlagerung nun bestimmte Werk in Indien verfügt über eine jährliche Produktionsleistung von 5,5 Millionen Einheiten. Um seine Produktionsstrategie zu ergänzen, richtet Apollo Tyres den Kundensupport in Europa neu aus. Die Abteilung Product Technical Service soll Kunden technischen “First-Line-Support” bieten, während das neue Field Technical Service-Team künftig als technische Einheit von Apollo Tyres TBR in der Region fungiert. “Es unterstützt Kunden bei Bedarf vor Ort, übernimmt die Produktvalorisation und arbeitet eng mit den Account Managern und Handelspartnern der Marke zusammen”, so die Erläuterung. Apollo Tyres werde zusätzlich in sein europäisches Forschungs- und Entwicklungszentrum in Enschede investieren und das Benchmarking von TBR-Produkten, die Konzeptentwicklung und die Validierung von Prototypen ausbauen. Im Rahmen dieser Entwicklungen werde es auch strategische Weiterentwicklungen geben, wobei der Schwerpunkt weiterhin auf der Stärkung des auf den Einzelhandel ausgerichteten Vertriebs in der Region liege.