von Kay Lehmkuhl & Daniel Lorenz
Der deutsche Reifenfachhandel fährt in einer stabilen Spur. Klar, auch das Geschäft mit Reifen ist durch eine gewisse Kaufzurückhaltung und Preissensibilität gekennzeichnet. Für die im Rahmen des BRV-Branchenbarometers befragten Mitgliedsbetriebe sieht es ertragsseitig aber solide aus. Der Reifenfachhandel bleibt der stärkste Absatzkanal und kann in puncto Umsatz und Rohertrag zulegen. Insgesamt ist das Absatzvolumen zwar leicht rückläufig und auch die Dynamik bei Ganzjahresprofilen schwächt sich ab, der Umsatz mit Reifenservice-Dienstleistungen ist im Branchenschnitt aber um rund 4,9 Prozent, der Umsatz mit Autoservice gar um 9,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. In zuversichtlicher Haltung empfing die BRV-Spitze um Stephan Helm, Yorick M. Lowin und Michael Schwämmlein die Branche im restlos gefüllten Saal des Congress-Centrums Nord der Koelnmesse.
Im Zentrum der Mitgliederversammlung stand die Frage, wie die Reifenhandelsbranche angesichts veränderter Konsumgewohnheiten, steigender Kosten, Personalknappheit und Nachfolgeproblemen und des zunehmenden Wettbewerbs auch künftig eine agile Instanz der Mobilität bleibt. Nach dreijähriger Amtszeit standen turnusgemäß die Vorstandswahlen an. Stephan Helm als Vorsitzender und Roland Richter als sein Stellvertreter wurden ebenso im Amt bestätigt wie die fünf Beisitzer Nikolaus M. Ehrler, Marc Johann, Rolf Körbler, Thomas Ludwig und Goran Zubanovic. An ihrer Seite wirken künftig Bettina Jens (Reifen Jens GmbH) und die erst 32-jährige Juliane Pinke (Reifen Pinke GmbH), die neu in das Gremium gewählt wurden. Damit sind künftig sieben von acht möglichen Positionen als Beisitzerin oder Beisitzer im BRV-Vorstand besetzt und erste Schritte hinsichtlich eines Generationswechsels vollzogen.
Der Verband setzte überdies weitere Zeichen, die auf die Zukunftsfähigkeit der Branche einzahlen sollen. So würdigte der BRV auch im Jahr 2026 mit seinem Ausbildungs-Award zum insgesamt neunten Mal besonderes Engagement in der beruflichen Ausbildung. Dass hierfür eine Rekordzahl an Einreichungen verzeichnet wurde, „spricht dafür, dass wir gut ausbilden”, konstatierte Stephan Helm als BRV-Vorsitzender erfreut. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr Ben Fritz Vetter mit dem ersten Platz im Wettbewerb, gefolgt von Maya Wellmann auf Rang zwei und Elias Radermacher, der das Ausbildungs-Podium komplettierte.
Ben Fritz Vetter absolvierte eine Ausbildung zum Mechaniker für Reifen- und Vulkanisationstechnik bei den Pneuhage Reifendiensten am Standort Hoyerswerda, während sich Maya Wellmann für einen kaufmännischen Beruf entschied und Kauffrau im Groß- und Außenhandelsmanagement beim Großhändler Bohnenkamp in Osnabrück lernte. Der Drittplatzierte Elias Radermacher ist auch der amtierende 3. Bundessieger der letztjährigen Deutschen Meisterschaft im Handwerk in seinem Berufsbild und hat die dreijährige Ausbildung zum Mechaniker für Reifen- und Vulkanisationstechnik im Familienbetrieb Reifen Radermacher in Kempenich absolviert. Mit der anvisierten Unternehmensnachfolge ist sein weiterer Berufsweg vorgezeichnet, die nächsten Schritte sind geplant: Erst eine kaufmännische Weiterbildung zum „Manager im Reifenfachhandel“ aus dem Nachwuchsförderprogramm der Kooperationszentrale GRS, danach geht es direkt weiter mit dem Meister, „den ich unbedingt machen möchte, da man in meinen Augen nie auslernt und auch die Technik sich weiterentwickelt“, so Radermacher.
„Wer sich frühzeitig kümmert, schafft Optionen”
Während bei Reifen Radermacher die mittelfristige Nachfolge somit bereits geklärt ist, stellt die Betriebsübergabe für viele BRV-Mitglieder eine nicht unerhebliche Herausforderung dar. Wie der durchaus komplizierte und mitunter auch emotionale Prozess erfolgreich zu bewältigen ist, war daher das zentrale Thema einer Podiumsdiskussion im weiteren Verlauf der Tagung. Die neue BRV-Vorständin Juliane Pinke erläuterte dabei, wie sie im point-S-Betrieb Reifen Pinke sukzessive mehr Verantwortung von ihrem Vater Jörg übernimmt. „Loslassen muss man auch lernen”, betonte der Senior-Chef mit Blick auf den für viele Betriebsinhaber sicherlich schwierigsten Schritt bei der eigenen Nachfolge. Diese Erfahrung bestätigte auch Harald Braschoss vom Verein Die Nachfolge-Experten: „Steuern und Zahlen sind Beiwerk, wichtig ist das Persönliche”. Laut Braschoss gehen rund ein Drittel aller Unternehmensnachfolgen schief, weshalb es ratsam sei, den Prozess extern begleiten zu lassen. Genau das ist bei Reifen Pinke der Fall, wo sich die Betriebsübergabe zudem über mehrere Jahre und Etappen erstreckt. Neben Gedanken zur strategischen Art der Übergabe ist das laut Harald Braschoss der mit Abstand wichtigste Faktor: „Wer sich frühzeitig kümmert, schafft Optionen”, so der Experte.
Für die diesjährige Keynote konnte der BRV mit Prof. Dr. Ulrich Reinhardt einen renommierten Zukunfts- und Konsumforscher gewinnen, der mit seinem Vortrag „Konsumwelt 2030 – zwischen Schnäppchenmentalität und Serviceoffensive“ aufzeigte, wie sich Preissensibilität, Qualitätsansprüche und Serviceerwartungen verändern – und welche Chancen sich daraus für den Reifenfachhandel ergeben. „Früher war eigentlich nichts besser", so die durchaus überraschende Grundnote, die Reinhardt auf Basis von Kriterien wie Lebenserwartung, extremer Armut, Kindersterblichkeit oder dem weltweiten BIP pro Kopf überzeugend herleitete. Seine dringlich formulierten Aufforderungen zur Zuversicht wurden gleichsam als Appell an die Verantwortlichkeit und das Bewusstwerden über das generationsübergreifende Potenzial im Saal gehört.
Dass die Branche über ein riesiges Reservoir fähiger Menschen und deren Ideen verfügt, wird auf The Tire Cologne 2026 zu erleben sein. Einen Vorgeschmack sollte auch die Verleihung des BRV-Service-Awards bieten, der für besondere Leistungen auf Industrieseite in den Bereichen Servicequalität, Partnerschaft und Unterstützung des Fachhandels vergeben wurde. Die Mitgliedsbetriebe des BRV zeigten sich in einer Befragung mit dem Service von Falken am zufriedensten. Das Mutterhaus Sumitomo Rubber will nun aber die Marke Dunlop stärker ins Zentrum seiner Geschäftstätigkeiten rücken, das Voting für Falken dürfte sicher Rückenwind auch für die TTC-Präsenz geben. Michelin und Bridgestone werden als zweit- und drittplatzierte Reifenmarken in Köln nicht als Aussteller vertreten sein, insofern das Branchenevent für diese Würdigung seitens der BRV-Mitglieder auch nicht als Präsentationsschub direkt nutzen können. Lassen sich halt andere feiern...
Wir berichten in dieser Woche in verschiedenen Formaten ausführlich über The Tire Cologne 2026.