Schrumpfung der R&D-Quote auf unter 10 Prozent

Conti streicht weitere 3000 Stellen in Forschung und Entwicklung

continental_unternehmenszentrale_hannoverAuf der Überholspur ist Continental derzeit nicht.   Foto: Continental

Im Wording zum Stellenabbau versucht das Konzernmanagement die nächste Hiobsbotschaft für die Continental-Bediensteten in ein "Stärken der Wettbewerbskraft von Forschung und Entwicklung" umzukehren. Man mag es alles nicht mehr richtig glauben. Die Klagen und Argumentationslinien von der Conti-Führung zum Stellenabbau zielten bislang eher in Richtung eines nicht wettbewerbsfähigen Produktionsstandorts Deutschland und einer herausfordernden Wirtschaftssituation – und damit in der Begründung eher auf externe Faktoren. Der Automobilzulieferer kämpft aber offenbar noch viel dringlicher um eine neue Struktur und seine Zukunftsfähigkeit. Der Druck ist so groß, dass es nun an die Substanz der Keimzelle für die Zukunftsicherung eines weltweit agierenden Automobilzulieferers geht. Investitionen in Forschung und Entwicklung sind immer der eindeutigste Indikator für den Hunger und die Innovationskraft eines Unternehmens. 

Sicher, betroffen ist die Sparte Automotive – und die hat ja bekanntlich innerhalb des Conti-Konzerns ohnehin keine Zukunft mehr. Vor dem anvisierten Spin-off wird die Division aber nochmal geschrumpft und F&E-nachfrisiert. Derartiges Wortwerk ist angesichts der Unsicherheiten in der Belegschaft eigentlich unangebracht, das rigorose Vorgehen der Verantwortlichen lässt aber auch Journalisten der automotiven Wirtschaftswelt fassungslos in die Redaktion starren. Soll dies strategische Weitsicht sein? Oder ist es nur kalte Management-Härte? In einer Mitteilung heißt es: "Die verbesserte globale Aufstellung geht mit einem verringerten Stellenbedarf einher, der zusätzliche Effizienzmaßnahmen im R&D-Bereich ermöglicht. Damit reagiert Automotive gleichzeitig auf das gegenwärtig herausfordernde Marktumfeld im Zuge der grundlegenden Markttransformation in Richtung Zukunftstechnologien. Von den zusätzlich geplanten Maßnahmen sind bis Ende 2026 weltweit insgesamt rund 3.000 Stellen in der Forschung und Entwicklung betroffen, hiervon entfallen weniger als die Hälfte auf deutsche Standorte. Ein großer Teil der Stellenanpassungen soll über natürliche Fluktuation, beispielsweise durch Renteneintritte und einen Fokus auf interne Einstellungen, umgesetzt werden." Viel mehr zerstörerische Entfaltung als die Stellenstreichungszahlen entwickelt vermutlich die Fülle an Negativ-Signalen, die die Conti-Führung der Belegschaft in den letzten Monaten übermittelt hat. 

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Er lächelt, macht aber ernst: Philipp von Hirschheydt, Vorstandsmitglied von Continental und Leiter Automotive. Foto: Continental

Die "Optimierung des globalen Netzwerks an R&D-Standorten sowie die Verschlankung der Prozesse" soll zugleich eine beschleunigte Anpassung an Kundenbedarfe ermöglichen. Wie ineffizient muss für eine solche Begründung denn vorher die R&D-Struktur aufgesetzt gewesen sein? Dies liegt ganz allein in der Verantwortung der Entscheider im Konzern. Philipp von Hirschheydt ist als Vorstandsmitglied von Continental und Leiter Automotive nun in der unangenehmen Position, die böse Kunde zu überliefern. In seiner noch nicht mal zwei Jahre andauernden Funktion als Chairman of Automotive wurde er eines der Gesichter der Stellenstreichungen. Für das offensichtlich strukturelle Desaster ist von Hirschheydt nicht verantwortlich. Die Ursachen reichen weit vor seine Zeit als Automotive-Verantwortlicher zurück. Was er jetzt sagt, klingt so: "Zukunftsweisende Technologieangebote sind für unser Unternehmen von entscheidender Bedeutung. Wir investieren daher in den kommenden Jahren substanziell in Forschung und Entwicklung für neue Produkte und Systeme. Zugleich verbessern wir unsere Wettbewerbsstärke im Sinne unseres nachhaltigen Markterfolgs kontinuierlich. Nur in dieser Kombination machen wir unser R&D-Team zu einem der leistungsstärksten im Weltmarkt und sichern langfristig attraktive Arbeitsplätze.“

Standorte Babenhausen und Frankfurt hauptbetroffen

Diese jetzt kommunizierten "zusätzlichen Effizienzmaßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit" beziehen sich in Deutschland schwerpunktmäßig auf die Standorte Babenhausen, wo gemäß Planung rund 12 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen sind, sowie auf Frankfurt (rund 5 Prozent). Weitere "Effizienzmaßnahmen" im geringeren Umfang seien in Ingolstadt, Regensburg und Schwalbach vorgesehen. Zusätzlich seien Maßnahmen bei den Tochtergesellschaften Elektrobit und Continental Engineering Services geplant. Weltweit betroffen sind laut Management bei Elektrobit 480 Stellen, davon rund 330 Stellen in Deutschland. Bei Continental Engineering Services beziehen sich die Maßnahmen weltweit auf 420 Stellen, davon rund 330 in Deutschland. Im Zuge des globalen Standortkonzepts plant Continental Engineering Services den Rückzug aus dem Standort Nürnberg.

Zur weiteren Einordnung noch diese Zahlen: Der Unternehmensbereich Automotive beschäftigt rund 92.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (31. Dezember 2024), davon circa 31.000 in der Forschung und Entwicklung.

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