Juli 2026: Barcelona, Bürogebäude, vermutlich siebter Stock, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Florian Ritzel sitzt vor einer Excel-Tabelle, wie er das häufig tut in seinem siebenwöchigen Praktikum, das er für die Uni-Zulassung absolvieren muss. Das Nützliche mit dem Schönen verbinden. Barcelona bietet für einen 18-Jährigen abseits der beruflichen Verpflichtung natürlich eine Fülle auch freizeitlicher Verlockungen. Aber erstmal die Pflicht, noch eine Zeile, noch eine Formel. Vor dem Podcast-Mikro wechselt er die Rolle: vom Praktikanten, der Zahlen in Zellen tippt, zum Gründer, dessen App genau das automatisiert, was er hier gerade von Hand macht. „Ich muss eben nicht mehr vor irgendwelchen Excel-Tabellen ewig lang sitzen", sagt er, „wie ich es hier bei meinem Praktikum lustigerweise noch mache." Der Satz ist auch eine kleine Pointe über sein eigenes Leben: Zuhause in Hamburg wartet Marlow, die App, die genau dieses Problem für andere lösen soll.
Die Idee: Kosten, die niemand im Blick hat
Ritzel hat noch keinen Führerschein – die praktische Prüfung hat vor seinem Abflug nach Barcelona nicht ganz geklappt, das soll nachgeholt werden, sobald er wieder in Hamburg ist. Ein Auto besitzt er auch nicht. Trotzdem hat er mit Jannik Kirchhoff eine App gebaut, die genau das abbilden soll, was die beiden selbst noch nicht am eigenen Fahrzeug erlebt haben: die Gesamtkosten eines Autos. Der Auslöser war die Iran-Krise und der Anstieg der Spritpreise. „Wir haben gemerkt, wie relevant für viele Leute das Auto ist und wie viele sich das eigentlich nicht mehr leisten können, ihr Auto so zu nutzen, wie sie das eigentlich gerne hätten", sagt Ritzel im Podcast von Automotive Insights. Die Kernthese, mit der Marlow sich von klassischen Spritpreis-Apps abgrenzt: Der Preis an der Zapfsäule ist nur ein Ausschnitt. „Das Auto ist insgesamt ein Kostenfaktor", so Ritzel – und der größte Posten sei nicht das Tanken, sondern der Wertverlust. Wer dort ansetzt, kann nach Ritzels Überzeugung mehr sparen als über den Vergleich von Spritpreisen.
Den entscheidenden Impuls lieferte ausgerechnet der eigene Vater. Auf die Frage, ob er einen Überblick über seine Autokosten habe, erntete der Junior ein Achselzucken. „Und ich dann so: Hä? Wenn nicht mal mein Vater auf sowas achtet, dann muss es ja an irgendwas hapern." Aus einem Gespräch wurden viele – mit Familie, Freunden, Bekannten. Das Ergebnis war für Ritzel eindeutig: „Autokosten in der Gesamtheit checken macht in der Realität kaum jemand, weil es schlicht und ergreifend zu kompliziert ist."
Ohne Code, ohne Kapital, mit viel KI
Programmierkenntnisse hatten weder Ritzel noch Kirchhoff. Stattdessen: Recherche und KI-Tools, ausprobiert und weiterentwickelt, bis der erste Prototyp stand. „Den ersten Prototypen zu entwickeln, das ging innerhalb von zwei Stunden. Vor drei Jahren noch wäre das so nicht möglich gewesen", sagt Ritzel. Auch komplexere Aufgaben wie die Modellierung des Wertverlusts aus großen Datenmengen hätten ihm die KI-Tools abgenommen: „Diese Arbeit muss man sich per Hand jetzt nicht mehr machen." Finanziert ist Marlow bislang komplett aus eigener Kraft, ohne Investorengeld. Ein bewusstes Prinzip: „Ich halte nicht so viel davon, zu sagen, wir haben eine Idee und die sind so ein bisschen erfolgreich, dann lass uns doch direkt mehr Geld einsammeln", so Ritzel. Wer früh Kapital aufnehme, gebe auch früh Anteile ab. Aktuell zählt die App rund 2.500 Downloads. Das ist noch überschaubar, aber genug, um erst einmal den Kern des Produkts zu festigen, bevor überhaupt an Investoren gepitcht wird. Selbst beim eigenen Namen musste nachgebessert werden: Die App hieß zunächst anders, ein Namensrechte-Konflikt zwang zum Rebranding. „Wir mussten den Namen ändern und wurden im Gegenzug nicht abgemahnt", erzählt Ritzel – rückblickend kein Schaden, sondern Anlass für ein Update mit mehr eigener Handschrift. Aus der Umbenennung wurde Marlow.
Dass die App seit dem Launch am 31. März noch Lücken hatte, verschweigt Ritzel nicht. Nutzerfeedback kommt direkt und ungefiltert per Mail. Ein Beispiel, das er selbst nicht auf dem Schirm hatte: Ein Nutzer schrieb, seine Frau könne am Arbeitsplatz kostenlos ihr E-Auto laden, der Regler für den Strompreis in der App ließe sich aber erst ab 20 Cent pro Kilowattstunde einstellen. Korrigiert, ins nächste Update eingeflossen. Die Lade-Trackingfunktionalitäten waren zunächst kostenpflichtig, während Verbrennerfunktionen frei zugänglich waren. „Da haben sich Leute zurecht beschwert, dass man für E-Autos bezahlen muss und für den Verbrenner nicht", sagt Ritzel. Inzwischen ist auch das korrigiert.
Rein in die Werkstatt
Aktuell ist Marlow ein B2C-Produkt. Der nächste Ausbau soll die Service-Seite einbeziehen: Werkstätten und Autohäuser sollen künftig direkt über die App Angebote abgeben und Serviceaufträge dokumentieren können, im Idealfall als digitales Checkheft, das beim Weiterverkauf transparent machen soll, woraus sich der Wertverlust zusammensetzt. Ritzel ist sich bewusst, dass Betriebe, ob gebunden oder ungebunden, ihre Kundendaten ungern mit externen Plattformen teilen. Sein Modell dagegen sieht eine bezahlte Funktion vor, an der Werkstätten mitverdienen. Autofahrerinnen und Autofahrer sollen sich künftig das manuelle Pflegen von Serviceberichten sparen. Wettbewerber, die das Konzept kopieren, sieht Ritzel bislang nicht. Die größte Hürde bleibt aus seiner Sicht eher inhaltlich: der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass Spritpreise nur ein kleiner Teil der Rechnung sind. Bei PR setzt er entsprechend nicht auf breite Presseverteiler, sondern auf gezielte persönliche Ansprache – eine Lektion aus einem Wettbewerb der Boston Consulting Group. „Die Erfolgsquote ist bei allgemeinen Presse-Pitches doch extrem schlecht", sagt er.
Trotz Wertverlust-Fokus ist Ritzel beim Auto selbst kein Skeptiker. Die früher oft gehörte These, individuelle Mobilität werde bald überflüssig, teilt er nicht: „Ich finde, das Auto ist so die größtmögliche Freiheit, die es eigentlich gibt." Sammeltaxis für alle in 30 Jahren, daran glaubt er nicht. Carsharing dagegen könnte attraktiver werden, schlicht weil die meisten Autos die meiste Zeit ungenutzt herumstehen. Wo er selbst in zehn Jahren steht, lässt er offen. Erst mal beginnt für Ritzel das Studium. Marlow soll parallel weiterlaufen – wie weit, wird sich zeigen.