Im Jahr 2007 wurde das europäische Reifenhandelsnetzwerk TEN (Tyre European Network) ins Leben gerufen. Nun soll der Initiative zur Bündelung der Interessen markenunabhängiger Reifenhandelskooperationen wieder Schwung verliehen werden. Das Treffen im Rahmen von The Tire Cologne war der Re-Start?
Suraj Batija: Ja, das kann man durchaus so bezeichnen. TEN besteht bereits seit fast zwei Jahrzehnten und die Verbindungen zwischen den Partnern sind grundsätzlich nie verloren gegangen. Allerdings wurde das Netzwerk in den vergangenen Jahren nicht mehr mit der Intensität genutzt, die eigentlich möglich wäre. Das Treffen im Rahmen der Tire Cologne war deshalb für uns ein wichtiger Impuls, TEN wieder aktiver aufzustellen. Wir haben uns bewusst die Zeit genommen, gemeinsam darüber zu sprechen, welchen Mehrwert ein europäisches Netzwerk heute bieten kann und wie wir die Zusammenarbeit künftig gestalten wollen. Dabei geht es nicht darum, TEN komplett neu zu erfinden. Vielmehr wollen wir auf den bestehenden Strukturen und Beziehungen aufbauen und das Netzwerk Schritt für Schritt wieder mit mehr Leben füllen.
Das Ziel der Gespräche war es, die zukünftige Ausrichtung des Netzwerks zu definieren. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gelangt?
Suraj Batija: Ein wesentliches Ergebnis war zunächst das klare gemeinsame Bekenntnis zu TEN und zu einer stärkeren europäischen Zusammenarbeit. Wir wollen den regelmäßigen Austausch zwischen den Mitgliedern wieder intensivieren und TEN stärker als Plattform nutzen, um Erfahrungen, Know-how und Best Practices zu übergreifenden Branchenthemen miteinander zu teilen. Gleichzeitig haben wir vereinbart, die strategische Ausrichtung des Netzwerks weiterzuentwickeln und daraus konkrete Handlungsfelder abzuleiten. Dazu gehört auch, TEN künftig nach außen wieder sichtbarer zu machen. In den kommenden Monaten werden wir deshalb unter anderem unsere Kommunikationsaktivitäten weiterentwickeln und zum Beispiel eine neue Homepage aufbauen. Entscheidend ist für mich aber, dass wir nicht nur über Strategie sprechen. TEN muss für seine Mitglieder einen konkreten Nutzen schaffen.
Zu den Gründungsmitgliedern von TEN gehörten neben der Top Service Team, Tyrenet (GB), SEAS 24 (Spanien/ Portugal), Profile Tyrecenter in den Niederlanden und Belgien und das Tyre Team aus Italien. Aus welchen europäischen Reifenhandels-Akteuren bildet sich das aktuelle TEN-Netzwerk?
Suraj Batija: TEN ist heute ein europäisches Netzwerk mit Partnern aus verschiedenen Märkten. Aktuell sind Unternehmen beziehungsweise Netzwerke aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Italien, Schweden und Finnland innerhalb von TEN vertreten. Damit bringen wir sehr unterschiedliche Marktstrukturen und Erfahrungen an einen Tisch. Genau diese Vielfalt macht das Netzwerk interessant. Die jeweiligen Unternehmen kennen ihre nationalen Märkte sehr genau und verfügen gleichzeitig über langjährige Erfahrung im Reifenhandel und Automotive Aftermarket. Unser Fokus liegt aktuell zunächst darauf, die Zusammenarbeit innerhalb des bestehenden Netzwerks weiterzuentwickeln, den Erfahrungsaustausch zu intensivieren und TEN wieder stärker miteinander zu vernetzen.
Unterschiedliche Märkte, unterschiedliche Herausforderungen – könnte man meinen. Vor welchen länderübergreifenden Aufgaben aber stehen freie Reifenhandelsunternehmen und wie lassen sich diese in TEN bündeln und adressieren?
Suraj Batija: Natürlich unterscheiden sich die einzelnen Märkte. Aber wenn man miteinander spricht, stellt man sehr schnell fest, dass viele der grundlegenden Herausforderungen ähnlich sind. Dazu gehören die Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen, der zunehmende Fachkräftemangel, steigende Anforderungen an Werkstatt- und Serviceleistungen, technologische Veränderungen sowie die Frage, wie sich der unabhängige Reifenfachhandel langfristig erfolgreich weiterentwickeln kann.
TEN bietet uns die Möglichkeit, diese übergeordneten Entwicklungen gemeinsam zu betrachten und Erfahrungen auszutauschen. Nicht jedes Mitglied muss bei jeder Herausforderung bei null anfangen. Wenn in einem Land beispielsweise bei digitalen Prozessen, Mitarbeiterqualifizierung oder Werkstattorganisation bereits gute Erfahrungen gemacht wurden, können andere Mitglieder davon lernen und prüfen, welche Ansätze sich auf ihre jeweiligen Strukturen übertragen lassen. Dabei bleibt selbstverständlich jedes Unternehmen in seinen geschäftlichen und wettbewerblichen Entscheidungen vollständig eigenständig.
Was lässt sich aus Ihrer Sicht als Geschäftsführer einer deutschen Kooperation aus den Markterfahrungen aus beispielsweise Spanien oder Großbritannien lernen und adaptieren?
Suraj Batija: Sehr viel. Genau darin sehe ich persönlich einen der größten Mehrwerte von TEN. Jeder Markt entwickelt sich unterschiedlich. Bestimmte Prozesse, digitale Lösungen, Serviceangebote, Formen der Mitarbeiterqualifizierung oder organisatorische Ansätze sind in einem Land möglicherweise bereits weiterentwickelt als in einem anderen. Für uns geht es deshalb nicht darum, Konzepte eins zu eins zu übertragen. Wir wollen verstehen: Was funktioniert dort besonders gut? Welche Erfahrungen wurden damit gemacht? Und können wir daraus Impulse für die Weiterentwicklung unserer eigenen Organisation gewinnen? Gleichzeitig funktioniert dieser Austausch natürlich in beide Richtungen. Auch wir können Erfahrungen und Best Practices aus Deutschland in das Netzwerk einbringen. So entsteht ein Wissenstransfer, von dem alle TEN-Partner profitieren können.
Eine europäische Plattform für Best-Practice-Austausch und gemeinsame Projekte wurden angekündigt. Können Sie dies genauer ausführen?
Suraj Batija: Wir wollen den Austausch künftig strukturierter gestalten. Bislang findet vieles bilateral oder anlassbezogen statt. Unser Anspruch ist es, relevante übergeordnete Themen innerhalb von TEN systematischer miteinander zu diskutieren und voneinander zu lernen. Das können beispielsweise Erfahrungen mit Digitalisierung und Automatisierung, Werkstattprozessen, Personalentwicklung und Qualifizierung, Nachhaltigkeit oder neuen technologischen Anforderungen an den Reifen- und Kfz-Service sein.
Darüber hinaus wollen wir prüfen, bei welchen nicht wettbewerbssensiblen Themen gemeinsame Initiativen sinnvoll sein können, beispielsweise beim Wissenstransfer, bei Schulungs- und Qualifizierungsthemen oder bei allgemeinen Zukunfts- und Technologiethemen unserer Branche. Wir stehen hier bewusst noch am Anfang. Der Workshop in Köln hat die Grundlage geschaffen. Jetzt geht es darum, die identifizierten Themen zu priorisieren und Schritt für Schritt in konkrete Aktivitäten zu überführen.
Was werden die zentralen Herausforderungen des Reifenfachhandels in den nächsten Jahren sein und worin liegt die Stärke der TEN-Gemeinschaft?
Suraj Batija: Ich glaube, dass der Reifenfachhandel in den kommenden Jahren vor einer ganzen Reihe von Veränderungen stehen wird. Digitalisierung und Automatisierung werden weiter an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wird die Gewinnung, Qualifizierung und Bindung von Mitarbeitern eine der zentralen Herausforderungen bleiben. Auch das Leistungsportfolio verändert sich. Der klassische Reifenhandel entwickelt sich zunehmend in Richtung eines breiteren Mobilitäts- und Servicegeschäfts. Neue Fahrzeugtechnologien verändern die Anforderungen an Werkstätten und Mitarbeiter und gleichzeitig steigen die Erwartungen der Kunden an Geschwindigkeit, Transparenz und digitale Prozesse.
Die Stärke von TEN liegt für mich darin, dass wir diese Entwicklungen nicht isoliert betrachten müssen. Wir haben erfahrene und starke Partner in verschiedenen europäischen Märkten und können dieses Wissen miteinander verbinden. Die Herausforderungen unserer Branche machen nicht an Ländergrenzen halt. Warum sollten wir also bei der Suche nach guten Ideen und neuen Impulsen an Ländergrenzen denken? Genau hier liegt für mich die Zukunft von TEN: voneinander lernen, Erfahrungen teilen und gemeinsam Wissen aufbauen. Dabei bleibt jeder Partner selbstverständlich unternehmerisch eigenständig und trifft seine Markt- und Geschäftsentscheidungen unabhängig. Wenn uns dieser Austausch gelingt, können wir einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den unabhängigen Reifenfachhandel in Europa auch für die kommenden Jahre zukunftsfähig aufzustellen.