Laut dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (wdk) ging im Jahr 2025 die Beschäftigungszahlen im fünften und die Produktion im vierten Jahr in Folge zurück. Die Nachfrage nach ehemals heißbegehrten Gummiprodukten „Made in Germany“ sei sowohl im In- als auch im Ausland schwach. „Selbst auf dem von heimischen Anbietern dominierten Binnenmarkt finden nie gesehene Marktanteilsverschiebungen statt. Die Auftragsvergaben für industrielle Gummiprodukte orientieren sich derzeit nahezu ausschließlich an Kostenfaktoren. Das ist ein eklatanter Unterschied zu den bislang dominierenden qualitätsbasierten Bestellungen,“ erklärt Michael Berthel. Der wdk-Chefvolkswirt führt den scharfen internationalen Kostenwettbewerb an, hier könnten sich die mittelständischen deutschen Qualitätsanbieter kaum behaupten – zu erdrückend seien die standortbezogenen Energie-, Bürokratie-, Steuer- und Arbeitskosten.
Laut Michael Berthel sind die Unternehmen der deutschen Kautschukindustrie gezwungen, den Kostenbelastungen im Inland zu entgehen und Investitionen ins Ausland zu verlagern, obwohl die Unternehmen ihre Verwurzelung im deutschen Standort noch immer leben. „Sie haben in den vergangenen Jahren die strategisch notwendige Transformation ihrer Unternehmen vollzogen und wollen in Deutschland die Kurve kriegen. Stattdessen machen sie die Grätsche“, so Berthel. Auch wdk-Präsident Michael Klein meldet sich anlässlich der Bekanntgabe der Zahlen zu Wort und fordert die Bundesregierung zum Handeln auf. „Die schlechte Lage des Industriestandorts in Deutschland ist hinlänglich bekannt und ausgiebig durchdiskutiert worden. Was wir jetzt brauchen, ist eine klare politische Unterstützung zur Belebung der Nachfrage und zur Verbesserung der deutschen und europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Nicht übermorgen, nicht morgen, sondern heute. Die deutsche Kautschukindustrie ist in den systemkritischen Bereichen Gesundheit, Infrastruktur, Sicherheit und Mobilität unersetzlich. Sie darf nicht sehenden Auges verloren gehen.“ Der wdk vertritt als Spitzenorganisation die deutschen Hersteller von Bereifungen und Technischen Elastomer-Erzeugnissen – dies sind laut dem Verband über 200 Unternehmen mit mehr als 60.000 Beschäftigten und einem Gesamtjahresumsatz von mehr als zehn Milliarden Euro.
Bereits im vergangenen August hatte wdk-Hauptgeschäftsführer Boris Engelhardt im Interview mit Automotive Insights die Dringlichkeit von Maßnahmen zur Standortsicherung formuliert. „100 Tage neue Bundesregierung liegen hinter uns. Bisher passiert ist: Nichts”, so sein Statement. Die neue Bundesregierung präsentiere sich als wirtschaftsnah, aber der traditionelle deutsche Mittelstand liege außerhalb des Sichtfeldes. Nicht einmal das branchenübergreifende Verbände-Bündnis „Faire Energiewende” findee mit seinen wichtigen Standort-Anliegen politische Resonanz. Ob in zehn Jahren überhaupt noch ein Reifenhersteller in Deutschland fertige, beantwortete Boris Engelhardt aber mit einem klaren „Ja!".