ArGeZ schlägt Alarm

Deutsche Zulieferindustrie in tiefer Strukturkrise gefangen

Auch Felgenhersteller kämpfen am Produktionsstandort Deutschland um ihr Überleben.   Foto: Kay Lehmkuhl

Die Krise der deutschen Zulieferindustrie hat sich im Jahr 2025 noch einmal verschärft: Sie verzeichnete einen Umsatzrückgang von 1,1 Prozent, während die Produktion um 1,0 Prozent sank. Damit war laut ArGeZ 2025 bereits das vierte Jahr in Folge mit rückläufiger Produktion. Ohne das zwischenzeitliche Corona-Erholungsjahr 2021 zeigt die Entwicklung seit 2019 eine strukturell abwärts gerichtete Tendenz. Eine Folge ist ein drastischer Personalabbau – die Krise wirke sich immer tiefgreifender auf die Beschäftigung aus: Diese lag 2025 um 3,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Und auch der Jahresauftakt 2026 liefert nach Angaben der Interessengemeinschaft, die rund 9.000 vornehmlich mittelständisch geprägte Zulieferunternehmen vertritt, keine Anzeichen für eine Trendwende. In den ersten beiden Monaten sei die Beschäftigung mit -3,4 Prozent weiter rückläufig gewesen. Die Produktion der deutschen Zulieferer liege nach den ersten beiden Monaten bereits wieder bei einem Minus von 0,4 Prozent.

Schwache Nachfrage seitens Automobilindustrie

Der ifo-Geschäftsklimaindex der deutschen Zulieferer spiegelt diese Entwicklung wider. Im März 2026 fiel das saisonbereinigte Geschäftsklima deutlich von -14,4 Punkten im Februar auf -24,1 Punkte. Sowohl die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage als auch die Erwartungen für die kommenden sechs Monate haben sich angesichts des Kriegs im Iran deutlich verschlechtert. „Nur etwa jeder zehnte Zulieferer bewertet seine aktuelle Lage als gut, während lediglich 16 Prozent der Branche eine Besserung in den kommenden sechs Monaten erwarten. Die Stimmung bleibt damit klar im negativen Bereich“, so Christian Vietmeyer, Sprecher der ArGeZ. Ursächlich sei vor allem die weiterhin schwache Nachfrage in den zentralen Abnehmerbranchen. Volatile Auftragseingänge und externe Risiken verschärfen die Situation. Geopolitische Spannungen und handelspolitische Unsicherheiten wirken belastend, während steigende Energiepreise die Kosten erhöhen und Investitionen bremsen, heißt es in einer ArGeZ-Mitteilung zur Wirtschafts-PK. 

Während die deutsche Zulieferindustrie um Stabilisierung ringt, steigen die Importe in wichtigen Produktgruppen deutlich an. Waren aus Eisen und Stahl wurden laut ArGez-Angaben im Jahr 2025 rund 10 Prozent stärker importiert als noch im Vorjahr. Bei zahlreichen Automobilteilen sei das Wachstum nochmals höher ausgefallen. Die Zulieferer richten erneut Appelle der Dringlichkeit an die Bundesregierung. Die Hauptprobleme seien unverändert ungelöst, verschärften sich sogar. Die ArGeZ-Verantwortlichen fordern die Absenkung der Arbeitskosten, um weitere Produktionsverlagerungen in kostengünstigere Länder zu verhindern. Die Interessengemeinschaft thematisiert auch "eine Erhöhung des Arbeitsvolumens durch längere Arbeitszeiten" sowie die Eindämmung des hohen Krankenstands. Zusätzlich müssten die Lohnzusatzkosten durch Reformen auf maximal 40 Prozent zurückgeführt werden. Es brauche nun eine Reform der Sozialversicherungen und Gesetze, "um wieder Vertrauen in den Standort Deutschland entstehen zu lassen und Investitionszurückhaltungen aufzubrechen." Erforderlich seien überdies wirksame Investitionsanreize und Fördermaßnahmen, die eine Erhöhung der Produktivität durch Automatisierung und den Einsatz neuer Technologien ermöglichten. 

Die Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie mahnt überdies auch an, dass die versprochene Absenkung der Energiepreise für die Industrie bislang nicht spürbar angekommen sei. Konkret benennt ArGeZ: "Viele Zulieferbetriebe bleiben bei der Reduktion der Stromsteuer außen vor, während der sogenannte Industriestrompreis für das produzierende Gewerbe zu einer Absenkung des Strompreises um 1 bis 2 Cent/kWh, d. h. im Mittel um rund 10 Prozent, führt. Der Bundeszuschuss zu den Netzentgelten wirkt sich nicht in jedem Netzgebiet entlastend aus. Das ist im Ergebnis zu wenig und führt noch nicht zu einem wettbewerbsfähigen Strompreis. Gas bleibt für viele industrielle Wärmeprozesse nach wie vor alternativlos mangels Verfügbarkeit anderer wettbewerbsfähiger Energieträger. Für den Mittelstand ist der Gaspreis belastet mit dem nationalen CO₂-Preis, der nur deutsche Unternehmen trifft und höher ist als der CO₂-Preis für große Emittenten im ETS. Der nationale CO₂-Preis muss jetzt ausgesetzt werden, bis der europäische CO₂-Preis für Kleinanlagen (ETS 2) kommt. Nur so kann ein Level Playing Field im gemeinsamen Markt sichergestellt werden." 

Investitionen in ausländische Standorte

„Immer wieder treffen Geschäftsleitungen von Zulieferern die Entscheidung, in ausländische Werke anstatt in den deutschen Standort zu investieren. Oder die Kunden ziehen die Aufträge aus Deutschland ab. Wir bluten langsam aus“, so Dr. Martin Theuringer, Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie. Nach Ansicht der Zulieferer-Gemeinschaft zielt der Vorschlag der EU-Kommission für ein „Made in Europe“ grundsätzlich in die richtige Richtung. Eine stärkere Verankerung europäischer Wertschöpfung könne dazu beitragen, die industrielle Basis zu stabilisieren und die Resilienz gegenüber externen Schocks zu erhöhen. Entscheidend sei jedoch, dass entsprechende Regelungen praxistauglich ausgestaltet würden und nicht zu zusätzlichen bürokratischen Belastungen führten. 

Auch hinsichtlich der Nachhaltigkeits- und Recycling-Leitplanken teilt sich die Interessengemeinschaft mit. Die für den Sommer erwartete Einführung der EU-Altautoverordnung (ELVR) werde die Verwertungsquoten insbesondere in den Materialklassen Glas-, Elektronik- und Kunststoffbauteile erhöhen. Die Rücknahmeverpflichtungen und Recyclingquoten erforderten Investitionen in neue Bauteile, die leicht demontierbar, recyclingfähig und rezyklatgeeignet seien. Hersteller von Zulieferteilen aus Kunststoff dürfen die ab dem Jahr 2032 geforderte Rezyklatquote von 15 Prozent nur durch Post-Consumer-Abfälle erfüllen, die laut ArGeZ nicht in ausreichenden Mengen vorhanden sein werden. Denn auch andere Produktbereiche (Verpackung, Bau, Elektro) würden auf diesen geringen Rezyklatstrom zugreifen müssen. Die qualitativ wichtige Quelle der Produktionsabfälle aus der Teileherstellung werde unverständlicherweise ausgeschlossen. Außerdem bestehe heute noch kein tragfähiger Markt, der eine wirtschaftliche Demontage der Kunststoffbauteile und deren anschließende Verwertung/Vermarktung zulasse. Die Folge sei derzeit bereits eine Abnahme von Kunststoff-Recycling-Betrieben, auch weil  Kunststoff-Originalware kostengünstiger zur Verfügung stünde. "Der politisch gewollte Kreislauf ist aus der Idee des Ressourcenschutzes heraus zu unterstützen, jedoch muss die Wettbewerbsfähigkeit der Sekundärmaterialien gewährleistet und deren Herstellung wirtschaftlich sein. Bei der Umsetzung der Altautoverordnung muss auf schlanke, bürokratiearme Prozesse und Entlastung der Recyclingbetriebe bei den Energiekosten geachtet werden, denn nur wirtschaftlich rentable Rezyklate werden den Eingang über die Kunststoffverarbeiter in europäische Fahrzeuge finden und die erhoffte internationale Wettbewerbsfähigkeit der Fahrzeuge ermöglichen“, fordert Michael Weigelt.

Ähnliche Artikel

09.01.2026, 11:51 3 Min.
Wachstumsmarkt Autoglas
Gute Aussichten dank Smart Glass
04.12.2025, 10:01 1 Min.
Konsolidierungsbewegungen im Reifenmarkt
Patrick von Herz zu Übernahmen
Berylls Studie 2025
03.07.2025, 15:21 2 Min.
Berylls by AlixPartners legt Top-100-Zuliefererstudie 2025 vor
Zuliefererbranche unter Druck
Forvia Hella
27.09.2024, 10:34 2 Min.
Forvia Hella beschleunigt Maßnahmen zur Kostensenkung
Automobilzulieferer