Dass das Aftermarket-Geschäft für Automobilhersteller und Zulieferer zunehmend an Bedeutung gewinnt, haben diverse Jahresbilanzen und strategische Nachjustierungen der jüngeren Vergangenheit gezeigt. Der Global Automotive Outlook 2026 (GAO) von Berylls by AlixPartners untermauert diese Entwicklung nun noch einmal mit entsprechenden Zahlen: Laut der Analyse wächst der gesamte adressierbare Ersatzteilmarkt für die EU30 von heute 198 Milliarden Euro bis 2035 auf rund 270 Milliarden Euro. „Haupttreiber sind die kontinuierlich alternde Fahrzeugflotte, steigende Ersatzteilpreise sowie höhere Arbeitskosten im Servicegeschäft“, erläutert Arthur Kipferler, Partner und Managing Director bei Berylls by AlixPartners, die prognostizierte Entwicklung. Der Untersuchung zufolge kommt der Independent Aftermarket (IAM) dabei bis 2035 auf ein durchschnittliches Wachstum von 1,5 Prozent jährlich, während der OES-Markt lediglich 0,7 Prozent Wachstum pro Jahr erreicht. Dadurch steigt der IAM-Anteil am Gesamtmarkt auf knapp 66 Prozent. „Während sich die öffentliche Diskussion weiterhin stark auf Elektromobilität und den Neuwagenmarkt konzentriert, entstehen die größten wirtschaftlichen Potenziale zunehmend im Aftermarket”, konstatiert der Global Automotive Outlook 2026.
Fahrzeugbestand wächst – vor allem in Mittel- und Osteuropa
Zugute kommt dem Aftermarket dabei auch das perspektivische Wachstum des Fahrzeugbestands innerhalb der EU30: 40 Millionen zusätzliche Fahrzeuge erhöhen den Pool bis 2035 auf rund 344 Millionen Einheiten. Diese Entwicklung übertrifft der Aftermarket als Ganzes jedoch sogar noch, wie Arthur Kipferler betont: „Mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 3,2 Prozent wächst der Markt deutlich schneller als der Fahrzeugbestand selbst.” Dabei bleiben die EU5 – Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien – aufgrund ihres kombinierten Volumens weiterhin klar dominant. Die höchsten Wachstumsraten beim Fahrzeugbestand entstehen allerdings künftig in Mittel- und Osteuropa, wobei sich vor allem in Ländern wie Rumänien, Estland und Litauen eine überdurchschnittliche Dynamik zeigt. „Die Folge ist eine schrittweise Verschiebung der europäischen Marktanteile. Der Anteil der traditionellen EU5-Märkte nimmt bis 2035 ab”, so Arthur Kipferler. „Für internationale Marktteilnehmer entstehen damit attraktive Wachstumsmöglichkeiten außerhalb der bisherigen Kernmärkte, insbesondere für Unternehmen mit skalierbaren Aftermarket- und Servicekonzepten.“
Altersbedingt unterschiedliche Wettbewerbsdynamik
Der Fahrzeugbestand in der EU30 wächst laut der Untersuchung also, wird dabei aber zugleich auch älter. Florian Tauschek, Associate Partner bei Berylls by AlixPartners, spricht von einer „grundlegenden Veränderung der Altersstruktur”: „Rund 80 Prozent des gesamten Bestandswachstums entfallen auf Fahrzeuge, die älter als sieben Jahre sind. Bis 2035 wird dieses Segment bereits für 77 Prozent aller Automobile in Europa stehen.“ Damit verschiebt sich der Analyse zufolge die Wertschöpfung nachhaltig in jene Marktsegmente, in denen unabhängige Werkstätten, Teilehändler und digitale Serviceplattformen traditionell besonders stark beheimatet sind. Zugleich steigt der IAM-Anteil in dieser Altersgruppe von heute rund 73 Prozent auf etwa 75 Prozent.
Somit ergeben sich laut der Studie klare altersbedingte Unterschiede in der Wettbewerbsdynamik: Während das Segment junger Fahrzeuge zwischen einem und drei Jahren die wirtschaftliche Domäne von OEMs und autorisierten Servicenetzwerken bleibt, entwickelt sich das Fahrzeugsegment zwischen vier und sechs Jahren zum zentralen Wettbewerbsfeld zwischen autorisierten Werkstätten und unabhängigen Marktteilnehmern. Die Experten von Berylls by AlixPartners resümieren abschließend: „Die GAO-Ergebnisse machen deutlich, dass einheitliche europäische Marktstrategien künftig zunehmend an Wirkung verlieren. Erfolgreiche Unternehmen werden ihre Investitionen konsequent nach Ländern, Fahrzeugsegmenten und Vertriebskanälen priorisieren müssen. Während OEMs ihre Marktposition im jungen Fahrzeugbestand verteidigen müssen, liegen die größten Wachstums- und Ertragspotenziale des kommenden Jahrzehnts in älteren Fahrzeugflotten, dynamischen osteuropäischen Märkten sowie einem zunehmend vom Independent Aftermarket geprägten Servicegeschäft.”