Im Großhandelsbereich sind starke Konsolidierungsprozesse sichtbar. Auch Pneuhage hat immer wieder zugekauft. In diesem Jahr wurde die Grasdorf-Gruppe integriert, zuvor die Gewe Reifen- und Rädergroßhandel GmbH und Reifen Center Wolf. Wie bewerten sie die Akquisitionen und Synergieeffekte? Welche Stellschrauben müssen noch feinjustiert werden?
Johannes Kuderer: Mit Grasdorf konnten wir auf der Agritechnica ein tolles Comeback feiern. Durch die neue strategische Partnerschaft mit GRI für deren neue AS-Reifen hat Grasdorf wieder ein Alleinstellungsmerkmal. Die langjährige Zusammenarbeit mit Ceat wird ebenfalls fortgesetzt. Und natürlich gibt es noch andere bekannte Lieferanten, deren Reifen auf Lager sind. Gepaart mit der von vielen geschätzten AS-Räderfertigung sehen wir gute Marktchancen. Unsere eigenen Retail-Betriebe sollten sich im AS-Bereich künftig weitgehend innerhalb des Konzerns „bedienen“ können. Auch das soll neue Potenziale
erschließen.
Bei Gewe und RCW haben wir jeweils in die Lagerlogistik investiert und dafür Erfahrungen von Interpneu geteilt. Es stehen auch Investitionen in die Warenwirtschaftssysteme an, wo die beiden Firmen Synergien nutzen werden. Speziell bei Gewe darf sich der Aluräderbereich eigenständig weiterentwickeln. Zur etablierten Eigen-Marke Tec kam jetzt mit Asa eine weitere Marke hinzu. Bei der Essen Motor Show gab es sehr gutes Feedback diesbezüglich. Über unsere vernetzten Systeme haben alle Firmen und Kunden der Unternehmensgruppe Zugriff darauf.
Unser strategischer Ansatz ist von Beginn an: Bestehende Stärken der einzelnen Händler ausbauen und im Konzern Synergien nutzen, wann und wo es Sinn macht. Es profitieren alle von zentralen Gesprächen mit Lieferanten und entsprechenden Konditionen. Und es erlaubt uns, Schwerpunkte in den Sortimenten so zu setzen, dass die Kunden ihren Bedarf decken können.
Es war nie unsere Absicht, Betriebe zuzukaufen, nur um der Größe willen. Wir sehen in jeder einzelnen Akquisition eine sinnvolle Ergänzung unseres Geschäftsmodells. Die Angebote waren beziehungsweise sind natürlich da. Aber wir prüfen genau, ob uns das einen Mehrwert bringt. Wir haben die Erfahrung gemacht: Viele kleine dezentrale Lager können die Vielfalt an Größen und Modellen nicht abbilden. Der Vorteil einer kurzen Lieferkette ist nur dann einer, wenn es zufällig gerade passt. Und wir sehen in unserem großen Zentrallager in Speyer, dass die immer größeren Reifendimensionen auch immer mehr Platz benötigen.
Auch Bewegungen der Internationalisierung sind zu beobachten. Gibt es auch bei Pneuhage strategische Überlegungen, andere Märkte intensiver zu bearbeiten?
Johannes Kuderer: Wir sind seit über 20 Jahren mit Erol in Paris und seit über 25 Jahren mit Pneuhage/Interpneu in Polen erfolgreich aktiv. Mit Interpneu beliefern wir viele Kunden in Europa. Bei Reifen1+ sind wir in Österreich gut gestartet. Sollte sich irgendwo in Europa eine sinnvolle Chance ergeben, werden wir sie sorgfältig prüfen. Aktiv nach Zukäufen gesucht haben wir übrigens nie. Wir wurden jeweils angesprochen, beziehungsweise kannte man sich als Unternehmer.
Die Pneuhage-Unternehmensgruppe ist mit ihren Unternehmungen im Commercial- und Consumer-Segment gleichermaßen präsent. Das Flottengeschäft wird für Reifendienste immer bedeutsamer. Wie entwickeln sich die Pneuhage Fleet Solutions?
Johannes Kuderer: Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung der Pneuhage Fleet Solution GmbH. Sie bündelt ja die Organisation des Flottengeschäftes für alle Tochterfirmen und teilnehmenden Partner. MyFleetPlus unterstützt softwareseitig, vor allem im Commercial-Geschäft. Wir sehen im Consumer-Bereich den Trend, dass Autos vermehrt auch privat geleast werden – bei den Neupreisen auch kein Wunder. Gerade die Leasinggesellschaften erwarten eine Abwicklung, die genau ihren Prozessen entspricht. Oft inzwischen auch mit Kfz-Service. Das kann ein kleiner Reifenhandelsbetrieb allein ohne System im Hintergrund nur schwer managen.
Marktpräsenz sichert sich Pneuhage auch über Partnersysteme und das Filialnetzwerk von Reifen 1+ und First Stop. Welches Wachstumspotenzial sehen Sie?
Johannes Kuderer: Die erwähnte Komplexität im Flottengeschäft bringt immer mehr Händler zu Systemen wie den unsrigen. Auch Leistungen wie zentrale Webseiten und Marketing sind gefragt. Wir haben den Anspruch, bei Reifen1+ unsere Partner persönlich zu betreuen und sie in ihrem Geschäft durch Nutzung der Bausteine voranzubringen. Stellen wir nach einiger Zeit fest, dass die Eingruppierung nicht passt, dann stufen wir ab, bzw. wieder auf eine ganz normale Interpneu-Kundschaft zurück. Die natürliche Fluktuation an Händlern gleichen wir mit neuen Partnern aus. Und in Österreich geben wir ja gerade frisch Gas mit dem System.
Auch bei First Stop ist die persönliche Unterstützung der Partner über den Außendienst sehr wichtig. Das Konzept ist mit der umfangreichen Partnereinkaufsplattform aber etwas anders aufgestellt. Die Lieferanten haben es hier selbst in der Hand, welche Vorteile sie den Partnern gewähren. Einige stehen bewusst im Wettbewerb. Ziel des First-Stop-Partnerkonzeptes ist, ein perfekt passendes Angebot zusammenzustellen. Die breite Vielfalt zeigt sich zum Beispiel in der begleitenden Ausstellung bei der jährlichen Partnerkonferenz.
Insgesamt sehen wir noch Potenzial für beide Systeme. Aber die jeweiligen Partner müssen auch dazu passen. Die reine Anzahl sagt nichts über die Qualität der Geschäftsbeziehung aus. Sonst könnten wir gerade bei Reifen1+ inzwischen locker weit über 1.000 Partner haben. Für uns steht die Qualität im Vordergrund.
Noch einmal auf die Wettbewerbssituation und Konsolidierungen im nationalen Großhandel geblickt – sind weitere strategische Zukäufe eine Option?
Johannes Kuderer: Wie schon erwähnt, muss ein Angebot zu uns passen und uns Mehrwerte bieten, beziehungsweise muss es innerhalb der Pneuhage-Firmenfamilie entsprechende Entwicklungschancen geben.