Wie immens groß die Problematik Reifenabrieb ist, verdeutlichen verschiedene Studien und Untersuchungen aus der jüngeren Vergangenheit. Mikroplastik-Partikel, die eindeutig Reifen zuzuordnen sind, konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in verschiedenen Nahrungsmitteln wie Gemüse und Salat nachweisen. Insgesamt fallen EU-weit jährlich rund 500.000 Tonnen Reifenabrieb an. Die großen Industrie-Player sind sich dessen durchaus bewusst und versuchen auf verschiedenen Wegen, das Problem anzugehen. Als selbsterklärter Vorreiter in puncto Nachhaltigkeit hat etwa Michelin das Analysesystem Sample gestartet, um die Eigenschaften der emittierten Partikel zu untersuchen und diese mittelfristig biologisch abbaubar zu machen. Eine ADAC-Studie bescheinigt den Profilen des französischen Herstellers bereits vergleichsweise niedrige Abriebmengen. Diese wollen die Verantwortlichen mit ihren Ansätzen noch weiter senken und zugleich – insbesondere auch aus Wettbewerbsgründen – strengere diesbezügliche Grenzwerte etablieren.
Entsprechende Vorgaben für den zulässigen Reifen- und Bremsenabrieb macht bereits die neue Euro-7-Norm. Im Hinblick darauf rüsten sich bereits diverse Branchenakteure und haben – wie etwa Bosch oder TMD Friction – in Prüfstände für die Partikelmessung investiert. Dem Thema Reifenabrieb wiederum widmet sich nun eine neue Projektgruppe aus Fraunhofer-Instituten. Unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF wollen die Expertinnen und Experten Reifenabrieb und vor allem auch dessen Umweltauswirkungen reduzieren.
Vier Fraunhofer-Institute bündeln Kompetenzen
„Im Rahmen des Projekts ‘TERIS - Technologieplattform für Reifenabrieb und dessen Emissionsidentifikation im Straßenverkehr’ wird eine innovative Abriebmaschine entwickelt, die es ermöglicht, realistischen Gummiabrieb unter kontrollierten Laborbedingungen zu erzeugen. Diese Daten sind entscheidend für die Entwicklung umweltfreundlicherer Reifenmaterialien und die Durchführung ökotoxikologischer Bewertungen”, heißt in einer Mitteilung zu dem Projekt. Ein wichtiger Baustein sei dabei die Analyse der Degradation des erzeugten Abriebs unter realistischen Umweltbedingungen, wofür unter anderem neue Techniken der Laborbewitterung und chemische Analysen zum Einsatz, kämen. Die gewonnenen Erkenntnisse wiederum sollen in Fahrzeugflottensimulationen einfließen und eine präzisere Prognose der Emissionen ermöglichen.
Die Arbeit der Institute Fraunhofer LBF (Abriebmaschine und Bewitterungskonzepte), ICT (Abriebcharakterisierung und Emissionsprognose), IGD (KI-gestützte Optik) und IWM (Modelle für Reibstrukturen, Verschleiß und Partikelemission) geht dabei nach Aussage der Verantwortlichen ausdrücklich über die bestehende Forschung hinaus. Neben Reifenherstellern sollen zudem auch Elastomer-Produzenten, Automobilhersteller sowie Prüfdienstleister von den Forschungsergebnissen profitieren. Weitere Infos zu dem Projekt gibt es hier.
Reifenabrieb steht auch im Fokus eines weiteren Projekts mit Fraunhofer-Beteiligung. Seit Beginn des Jahres erforscht das Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im Rahmen des Projekts RAMUS den Reifenabrieb und dessen möglichst exakte Simulation. Erst vor wenigen Tagen hatte ferner der TÜV Süd einen neuen Prüfstand für den Reifenverschleiß eingeweiht.