KTI-Experte Helge Kiebach im Interview

„Grundlegende Kenntnisse der Assistenzsysteme sollten bei allen Mitarbeitern vorhanden sein”

Helge Kiebach KTIHelge Kiebach – hier beim ZKF-Branchenkongress im vergangenen Jahr – ist seit Anfang 2022 Geschäftsführer des KTI.  Foto: Daniel Lorenz

Herr Kiebach, zum Einstieg: Was ist der wichtigste Punkt, den Servicebetriebe bei der ADAS-Kalibrierung beachten sollten? 

Helge Kiebach: Die Kalibrierung der Sensoren muss die Anforderungen und Vorgaben des jeweiligen Fahrzeugherstellers erfüllen, da die Assistenzsysteme für eine zuverlässige Funktion auf korrekte Sensordaten angewiesen sind.

Wie groß sind dabei die Unterschiede zwischen den einzelnen Herstellern und Marken hinsichtlich der diesbezüglichen Vorgaben sowie der Bereitstellung der Informationen?

Helge Kiebach: Die Bereitstellung der Informationen erfolgt bei praktisch allen Fahrzeugherstellern über ein markenspezifisches Reparaturdaten-Portal im Internet, für das sich alle Werkstätten, Sachverständige und andere Marktbeteiligten freischalten lassen können. Unterschiede bestehen hierbei in der Detailliertheit der Informationen, der Menüstrukturen und verwendeten Begriffe zum Finden der Leitfäden. Der Abruf der Informationen ist in der Regel kostenpflichtig.

Technische Unterschiede sind nicht nur Marken- sondern auch Modellabhängig. Sie entstehen insbesondere durch die Verschiedenheit der einzelnen Sensoren (Radar, Kamera, Lidar…), unterschiedliche Verbausituationen und die Anforderungen der jeweiligen Assistenzsysteme an die Informationsqualität der Sensoren. Außerdem ist zu beachten, dass sich Reparaturinformationen ändern können und deshalb stets aktuelle Informationen verwendet werden sollten.

In Ihrem Vortrag auf der BRV-Versammlung zu diesem Thema haben Sie insbesondere die Bedeutung von qualifiziertem Personal betont. Warum ist der Faktor Mensch in diesem Zuge so wichtig? 

Helge Kiebach: Die Sensoren arbeiten in einem komplexen Umfeld und für eine einwandfreie Funktion sind viele Einflüsse entscheidend. Neben der Ausrichtung spielen beispielsweise der Softwarestand, die Einbindung der Sensoren in die weitere Fahrzeugelektronik oder auch den Sensoren vorgelagerte Bauteile wie Stoßfänger oder Windschutzscheiben eine große Rolle. Um zu gewährleisten, dass auch nach einer Reparatur die Assistenzsysteme richtig funktionieren können, sind umfassende Kenntnisse über Zusammenhänge von Komponenten, Funktionen und Fehlermöglichkeiten notwendig.

Helge Kiebach KTI
Gefragter Experte: Helge Kiebach auf der diesjährigen BRV-Versammlung in Würzburg. Foto: Daniel Lorenz

Die Qualifikation der Mitarbeitenden kostet Geld, das zugehörige Equipment ebenso. Wann lohnt sich dieser Schritt für Werkstätten und Servicebetriebe bzw. wie könnte ein Einstieg in diesen Geschäftsbereich aussehen?

Helge Kiebach: Die Qualifikation der Mitarbeiter muss laufend an die technischen Anforderungen an die im Betrieb durchgeführten Arbeiten angepasst werden. Eine nicht ausreichende Qualifikation führt sehr schnell zu Bearbeitungsfehlern, die für den Betrieb deutlich höhere Kosten verursachen können. Mit Blick auf diesen Aspekt hat die TAK und der ZDK eine generische ADAS/FAS-Schulung entwickelt. Bei der Neuanschaffung von Werkstattausrüstung sollten die jeweiligen betrieblichen Gegebenheiten wie z.B. der vorhandene Platz oder die regelmäßig bearbeiteten Fahrzeugmarken berücksichtigt werden. Die Qualifikation der Mitarbeiter sollte möglichst vor oder parallel zur Anschaffung neuer Geräte erfolgen.

Was ist bei der Wahl der Geräte zu beachten? 

Helge Kiebach: Die Geräte sollten geeignet sein, herstellerkonforme Kalibrierungen bei allen regelmäßig im Betrieb bearbeiteten Fahrzeugmodellen zu ermöglichen. Auch bereits vorhandene Ausrüstung im Betrieb (z.B. Diagnosegeräte) kann die Auswahl des jeweiligen Gerätes beeinflussen.

Servicebetrieben wird häufig eine Dokumentation der eigenen Arbeit empfohlen. Welche Überlegungen stehen dahinter?

Helge Kiebach: Eine Dokumentation der durchgeführten Arbeiten und der verwendeten Herstellervorgaben ermöglicht den Nachweis einer fachgerechten Reparatur. Insbesondere bei späteren Fehlfunktionen sicherheitsrelevanter Assistenzsysteme kann dies eine wichtige Absicherung des Betriebs gegen Regressforderungen darstellen. Ebenso kann eine ausführliche Dokumentation helfen, die Abrechnung der Arbeiten zu erleichtern.

Innerhalb der Branche gibt es verschiedene Kalkulationen zu Fahrzeugen im Straßenverkehr mit nicht voll funktionsfähigen Assistenzsystemen, darunter teilweise auch Neuwagen ab Werk. Wie sehen Sie die Situation? 

Helge Kiebach: Unserer Kenntnis nach existiert dazu derzeit keine belastbare Untersuchung, welche als Grundlage für eine allgemeingültige Schätzung dienen könnte. Deshalb wollen wir im Rahmen einer Feldstudie in Zusammenarbeit mit dem ZDK belastbare Daten herausarbeiten. Dokumentierte Fallbeispiele zeigen aber, dass durch fehlerhafte Arbeiten oder Unfallschäden am Fahrzeug die Assistenzsysteme in ihrer Funktion beeinträchtigt sein können. 

Verändert die wachsende Anzahl an ADAS/FAS auch Abläufe im Autohaus? Bzw. benötigen Autofahrerinnen und Autofahrer bei Neuwagen eine entsprechende Einweisung? 

Helge Kiebach: Insbesondere bei Reparaturen ist es wichtig, bereits bei der Fahrzeugannahme die FAS-Sensorik zu berücksichtigen, um den gesamten notwendigen Reparaturumfang einschätzen zu können. Nur so können die Kunden richtig beraten und korrekte Kostenvoranschläge erstellt werden. Beim Verkauf von Fahrzeugen ist eine ausführliche Einweisung aufgrund der immer zahlreicheren und komplexeren Funktionen moderner Fahrzeuge ausdrücklich zu empfehlen. Grundlegende Kenntnisse der Assistenzsysteme sollten daher bei allen Mitarbeitern vorhanden sein.

Zum KTI & zur Person
Das KTI (Kraftfahrzeugtechnisches Institut GmbH & Co. KG) fungiert seit mehr als 40 Jahren als Netzwerk im Bereich der Schaden- und Reparaturforschung. Im Mittelpunkt der Aktivitäten des in Lohfelden bei Kassel ansässigen Instituts steht die fachgerechte und wirtschaftliche Unfallinstandsetzung. Helge Kiebach ist seit 2008 beim KTI aktiv. Nach dem Start als Projektingenieur war er sieben Jahre lang als Projektleiter tätig, ehe er 2016 die Rolle des Leiters der Schadenforschung übernahm. Seit Januar 2022 agiert er als Geschäftsführer des KTI. 

Ähnliche Artikel

17.11.2025, 07:09 8 Min.
“Es besteht der allgemeine Irrglaube, dass Tester uns direkt zu dem Fehler führen”
Kfz-Diagnostiker Thomas Deeg im Interview
Jürgen Walter Euromaster
19.06.2024, 08:43 9 Min.
“Es gibt ein riesiges Potenzial in Deutschland”
TTC: Euromaster formuliert Wachstumsambitionen
Prof. Benedikt Maier
30.11.2023, 12:39 4 Min.
Werkstattgeschäft der Zukunft
Prof. Benedikt Maier zur Zukunftswerkstatt 4.0
01.12.2025, 14:40 3 Min.
Neuer „branchenweiter Referenzrahmen” für Umgang mit verunfallten E-Autos 
Initiative soll „bestehenden Wildwuchs” beenden