Viele große Player der internationalen Motorradbranche haben ihre Budgets für Messe-Präsenzen in den letzten Jahren rapide zurückgeschraubt. Der verschärfte Marktdruck ist auch im Zweirad-Biz evident – die Insolvenzen der Polo Motorrad und Sportswear GmbH oder von KTM waren die deutlichsten Signale. Die Messegesellschaften sind als Impulsgeber der Branche ebenso auf der Suche nach Antworten und Strategien, auch hinsichtlich der zurückhaltenden Bereitschaft zu Messe-Präsenzen auf Industrieseite. Um die Gunst der Hersteller und der Biker-Community buhlen allein hierzulande eine Fülle an Veranstaltungen: die Imot, die Motorräder Dortmund sowie die Intermot in Köln sind die relevantesten Leistungsschauen im Zweirad-Segment. Die Koelnmesse hat ihr Intermot-Konzept zuletzt nachgeschärft: Die Hallen öffnen vier statt sechs Tage und dies nun in jährlicher Taktung. Zudem wurden Elemente für eine stärkere Adressierung einer jüngeren Klientel integriert. Aus Veranstaltersicht eine absolut nachvollziehbare Entscheidung, nur leider spiegeln die Besucherzahlen der Ausgabe 2025 das Bemühen nicht wirklich wider. Die Wirksamkeit der Maßnahmen muss sich auf längerer Strecke zeigen.
Reifenindustrie meidet Intermot
Abstinent zeigte sich erneut die Reifenindustrie. Zwar waren Marken wie Michelin, Continental und Pirelli mit ihren Gummis auf den Bikes an vielen Ständen der Motorradhersteller vertreten, die Zeiten, als eigene Intermot-Auftritte gebucht wurden, sind aber längst vorbei. Die Präsenz von Bridgestone mutete erneut recht abgespeckt an – Pflichterfüllung mit wenig Glanz. Diesen lieferten in Auszügen BMW, Yamaha, Honda, Kawasaki und Triumph. Die Intermot empfing zum Jahresabschluss mit einem stärker auf die jüngere, Social-Media-affine Kundschaft abgestimmten Programm. Der Kontrast zu den überfüllten Messehallen in Köln während der Gamescom zeigt allerdings deutlich, dass die Präferenzen in der Breite auf die virtuellen Welten konzentriert sind.
Creator‑Kooperationen, Live‑Formate und Medienpartnerschaften sollten die Modell-Neuheiten und Geschichten über die Messetage in die Social-Media-Kanäle spielen. Wie wirksam sich eine digitale Reichweite in Verkaufszahlen übersetzen lässt, bleibt undefiniert. Vieles, was gesendet wird, versendet sich im Internet-Orbit. Die Attraktivität des Motorradfahrens entfaltet sich in seiner Vielfältigkeit eigentlich ausschließlich in der Realwelt. Und auch hier setzten die Macherinnen und Macher der Intermot an: Auf verschiedenen Flächen wurde das Motorrad klassisch erlebbar, direkt aufsteigen war das Motto. Der Playground mit Stunt- und Drift-Action und die Racing- und Talk-Formate wurden ebenfalls gut resoniert. Mit Blick auf neue Formate der Ansprache resümierte Koelnmesse-Geschäftsführer Oliver Frese: „Deutlich jünger, näher und digitaler als früher transportieren Creator‑Kooperationen, Live‑Formate und Medienpartnerschaften Neuheiten und Stories über die Messetage hinaus in die medialen Kanäle. Ein Gewinn für Industrie, Handel und Community.“
Die anwesenden Hersteller präsentierten ein ausgewogenes Spektrum ihrer Programmauswahl für die kommende Saison: Die Palette reichte von Performance-Leitmodellen, über Touring mit Komfort- und Connectivity-Schwerpunkten bis zu Urban-Mobility-Lösungen auf kompakten Plattformen mit vernetzten Services. Ebenfalls gut sichtbar waren der Zubehörbereich mit Helmen, Bekleidung und Fahrzeugkomponenten sowie das Tuning- und Customizing-Segment. Mit der #motorradazubi‑Challenge des IVM rückte zudem die Nachwuchsförderung und Rekrutierung in den Fokus. „Die #motorradazubi-Challenge war ein Invest in die Zukunft der Motorradbranche. Wer heute fördert, hat morgen die besseren Fachkräfte“, erläuterte Reiner Brendicke, Hauptgeschäftsführer des IVM. Das Themenprogramm der Intermot wurde entlang der Top-Trends der Branche aufgesetzt. Zu diesen zählen auch die Bereiche Elektrifizierung, Konnektivität und Assistenzsysteme. „Die Intermot übertrug diese Dynamik in eine verlässliche Plattform mit Premieren, direktem Segmentvergleich und wachsender Medienreichweite und setzte positive Impulse für Marken, Handel und Community im deutschen Markt”, heißt es in der Bilanz der Messegesellschaft. Mit Blick auf die Adressierung jüngerer Menschen gibt die Presseabteilung zu Protokoll: „Nahezu 40 Prozent der privaten Besuchenden waren unter 30 Jahre alt.”
Elektrifizierung auch jenseits der Rollerklasse
BMW feierte auf der Intermot 2025 die Erweiterung der GS-Familie: Mit der neuen F 450 GS präsentierte BMW Motorrad eine waschechte BMW GS für die 48-PS-A2-Klasse. Das Segment High-Performance war in Form des BMW Motorrad Concept RR, der BMW Motorrad Vision CE und einem IDM Racebike vertreten. Am Hauptstadt von Suzuki erlebte das Intermot-Publikum neben dem Supersportler GSX-R1000R in der „40th Anniversary Edition“, den Mittelklasse-Crossover SV-7GX und den ersten vollelektrischen Suzuki Scooter e-Address. Honda zeigte mit der WN7 sein erstes vollelektrisches Motorrad jenseits der Rollerklasse. Ergänzend dazu waren die CB1000F mit Fireblade-Vierzylinder und kurvenabhängiger Elektronik sowie die langstreckenorientierte CB1000GT erstmals in Deutschland zu sehen. Elektrifizierungsbewegung auch bei Royal Enfield: Mit den Flying Flea C6 und S6 erweitert die Marke ihr Programm um elektrische Modelle mit urbanem Fokus und markentypischer Designsprache.
Modelltechnisch war die Intermot 2025 insgesamt nicht gerade ein Neuheiten-Feuerwerk. Aus Fachperspektive ging es eher darum, nachzuspüren, ob auch in der jüngeren Generation ein neuer Zweiradenthusiasmus entwicklungsfähig ist. Eindeutig zu beantworten ist dies nicht. Motorradfahren ist ein kostspieliges Hobby und urbane Mobilität entwickelt sich hierzulande eher unmotorisiert. Dennoch ist das Gesamterlebnis Motorrad in seiner Körperlichkeit ein potenziell interessantes Angebot für digital-saturierte Menschen. Simulationen können nur kurze Glücksausschüttungen hervorrufen, sie haben meist keinen angenehmen Nachhall. Den Frühlingsbeginn zu erfahren, ist hingegen ein zutiefst sinnliches Ereignis. Industrie und Handel müssen diese Karte mit fairen Angeboten spielen und den Erlebnishunger bei jüngeren Menschen kitzeln. Die Intermot hat hierzu einen Impuls gesetzt.