Tag der Kautschukindustrie 2026

Kautschukindustrie fordert politisches Handeln angesichts globaler Krisen

wdk-Präsident Michael Klein (r.) warnte beim Tag der Kautschukindustrie 2026 vor einem fortschreitenden Erosionsprozess des Produktionsstandorts Deutschland.  Foto: Kevin Schmidt

Auch dieses Jahr haben der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (wdk) und der Arbeitgeberverband der deutschen Kautschukindustrie (ADK) Wirtschaftsvertreter ins politische Zentrum Berlins geladen. Und das in einer Zeit scheinbar nicht enden wollender Krisen. Energie wird deutlich teurer, die Inflation steigt und jüngst kündigten der Spezialchemie-Konzern Lanxess sowie verschiedene Reifenhersteller angesichts gestörter Lieferketten und steigender Rohstoffkosten bereits Preiserhöhungen an. Vor diesem Hintergrund luden Michael Klein (Präsident wdk) und Sven Vogt (Vorsitzender ADK) die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort ein, die Herausforderungen der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Lage aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Geopolitische Verwerfungen sind allgegenwärtig

Den Auftakt machte Michael Klein mit einer Bestandsaufnahme: „Der Konflikt im Iran hat erheblichen Einfluss auf das, was uns beschäftigt und belastet. Wir können davon ausgehen, dass der Prozess noch eine ganze Weile lang dauern wird“, resümierte der wdk-Präsident in seiner Eröffnungsrede. Zeitgleich richtete er sich mit deutlichen Worten an die Politik, kritisierte deren nach wie vor ausbleibendes Handeln: „Wir hatten den Herbst der Reformen. Dann muss aber auch der Winter der Umsetzung kommen. Jetzt haben wir fast Sommer und wir sind immer noch nicht in der Umsetzung und wir sehen auch die Reformen nicht wirklich.“ Es sei höchste Zeit für industriepolitisches Handeln, das Land könne sich Verzögerungen nicht mehr leisten.

Auch Bürgerinnen und Bürger spüren die Auswirkungen des aktuellen Iran-Konflikts jeden Tag an der Zapfsäule und an steigenden Lebensmittelpreisen. Die Produzentenseite kämpft unterdessen mit erneut gestörten Lieferketten und weiter steigenden Energiekosten. Was bedeutet der Konflikt zwischen Iran und den USA konkret für Wirtschaft und Versorgungssicherheit? Über diese geopolitischen Entwicklungen sprach Boris Engelhardt, wdk-Hauptgeschäftsführer, mit dem Politikwissenschaftler und Iran-Experten Dr. Ali Fatollah-Nejad. Die aktuelle Lage sei unsicher, der Waffenstillstand fragil. Dass US-Präsident Trump den Waffenstillstand verlängert habe, sei eine Reflexion darüber, dass er den Krieg beenden wolle. Nun stelle sich allerdings die Frage, wie man eine militärische Überlegenheit in eine politische Lösung oder strategische Überlegenheit übersetzen könne. Die Straße von Hormus ist unterdessen einer doppelten Blockade ausgesetzt. Einerseits blockiert Iran die Meerenge, Dr. Fatollah-Nejad sprach von einer vierstelligen Zahl von Schiffen, die festsitzen würden. Auf der anderen Seite blockieren seit kurzem die Amerikaner iranische Ölexporte und üben so massiven Druck auf die iranische Wirtschaft aus, die sich Dr. Fatollah-Nejad zufolge bereits in einer Hyperinflation befinde. Für die Weltwirtschaft gebe diese Situation eine „Kaskadenwirkung“, die, auch wenn der Krieg kurzfristig beendet werden sollte, noch lange anhalten werde. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir trotz einer Beruhigung wirklich wieder zurück zu einer Normalität kommen werden“, so der Politikwissenschaftler.

Dr. Ali Fatollah-Nejad sprach über die geopolitischen Verwerfungen im Iran. Foto: Kevin Schmidt

„Es ist eine asiatische Revolution"

Unterdessen bleibt die globale Wirtschaft auch abseits des Iran-Konflikts von Unsicherheit geprägt, wie der amerikanische Ökonom und Analyst Michael Weidokal in seinem Vortrag erläuterte. Staatsverschuldungen, steigende Inflation, sinkende Geburtenraten, Fachkräftemangel, Disruptionen des Arbeitsmarktes; die strukturellen Herausforderungen sind vielfältig. Die Regionen der Welt entwickelten sich ungeachtet aller negativen Prognosen äußerst unterschiedlich und dabei zum Vorteil einiger weniger Länder. Trotz Corona-Pandemie und seit kurzem auch Zöllen, Government-Shutdowns und forcierten Konflikten, erstarkte die US-Wirtschaft wieder, getrieben unter anderem vom Technologie-Sektor. Deutschland sei hingegen weiter zurückgefallen. „Seit Beginn der Pandemie ist keine große Volkswirtschaft der Welt langsamer gewachsen als Deutschland“, berichtete der Ökonom. Zeitgleich rücke Asien zunehmend ins Rampenlicht. Chinas Wirtschaft wachse zwar langsamer als zuvor, dafür aber deutlich stärker als die Europas. Zudem zeige Indien starkes Wirtschaftswachstum und Länder wie Singapur hätten führende Industrienationen in puncto BIP pro Kopf längst übertroffen. „Es ist eine asiatische Revolution. Die asiatischen Volkswirtschaften verändern die Welt“, resümierte Weidokal. Zeitgleich hätte sich die Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten weg von Europa und hin zu Asien sowie stärker nach innen gerichtet; eine gefährliche Entwicklung, so Michael Weidokal. Der Mangel an westlicher Einigkeit werde es sowohl den Vereinigten Staaten als auch Europa erschweren, die Bedrohungen für ihre Zukunft zu bewältigen und neue Chancen zu nutzen.

Ökonom Michael Weidokal skizzierte die zahlreichen Herausforderungen, vor denen Staaten weltweit stehen. Foto: Kevin Schmidt

David Baumgart, Head of Government Relations Europe bei Xiaomi Technology, kritisierte in seinem Vortrag unterdessen den Umgang seitens der EU mit China und sprach sich für engere Kooperationen aus. China sei mit dem Westen nunmehr auf Augenhöhe, da sie längst eigene Kompetenzen aufgebaut hätten. Für europäische Hersteller habe sich der Wettbewerbsdruck massiv verstärkt und das nicht nur in der Reifen- und Kautschukproduktion. „Früher waren die deutschen Produkte meist besser und die chinesischen günstiger. Heute sind die chinesischen Produkte in immer mehr Bereichen billiger und besser“, unterstrich Baumgart. Zudem würde China einen engeren Kontakt zu Europa haben wollen, insbesondere in einer Zeit, in der die Beziehung zu Amerika von Konflikten geprägt ist. Europa auf der anderen Seite würde vermehrt mit protektionistischen Maßnahmen antworten. „Praktisch jede Woche gibt es ein neues Gesetz aus Brüssel, das wieder versucht, den Markt dichtzumachen“, erläuterte Baumgart. Die EU wolle wettbewerbsfähiger werden, indem sie weniger Wettbewerb zulässt, vor allem aus China. Dabei gingen wichtige Kooperationsmöglichkeiten verloren. Als China technologisch deutlich weniger entwickelt war als die EU, habe die EU den Forschungsaustausch intensiviert, wodurch China von der EU lernen konnte. Nun, während China im Digital- und Technologiebereich fortschrittlicher ist, würden Forschungskooperationen zurückgefahren und stünden politisch unter Verdacht. „Ich würde schon fragen, ob es nicht naiv ist, genau dann nicht mehr im Forschungsbereich zu kooperieren, wenn der Partner inzwischen einer ist, von dem man auch lernen könnte”, so Baumgart.

David Baumgart sieht Europas Verhalten gegenüber China kritisch. Foto: Kevin Schmidt

Die Industrie steht unter Druck, von innen und von außen. Umso deutlicher war die Forderung von wdk-Präsident Michael Klein an die deutsche Politik: „Die Herausforderungen sind längst bekannt – jetzt braucht es endlich konkrete Maßnahmen statt weiterer Ankündigungen. An die Stelle von Absichtserklärungen müssen dringend Maßnahmen treten, die die Unternehmen bei Bürokratie und Energiekosten umgehend entlasten.“

Ähnliche Artikel

wdk-Herbsttagung 2025 Frankfurt
14.11.2025, 14:59 4 Min.
Deutsche Kautschukindustrie zwischen Pragmatismus und Realismus
wdk-Herbsttagung 2025
Altreifen
09.10.2024, 11:14 4 Min.
Verbandsforderungen bezüglich der Altreifen-Kreislaufwirtschaft sowie der EU-Entwaldungsverordnung
Statements von wdk, BRV und VDA
WDK_Michael_Klein
09.09.2024, 12:08 2 Min.
Negative Konjunkturdaten belasten deutsche Kautschukindustrie
wdk fordert Wirtschaftsgipfel
Kautschuk
17.05.2024, 11:13 1 Min.
Hohes Preisniveau verfestigt sich
Kautschukindustrie