Die immense Dimensionsvielfalt hat das Geschäft mit Reifen im Ersatzmarkt nicht gerade unkomplizierter gemacht. Im Reifenservicegeschäft heißt es für Handelsbetriebe und Werkstätten den Durchblick zu behalten und oftmals auch entlang der Verfügbarkeiten zu ordern. Und die Lieferfähigkeit war in den letzten Jahren nicht bei allen Marken gleichermaßen gut ausgeprägt. Besonders bei Goodyear und Nokian konnte man erkennen, dass eine nicht ausreichend vorhandene Lieferfähigkeit als zentrales Hemmnis einer erfolgreichen Marktbearbeitung wirkt. Immer wieder hörte die Redaktion Stimmen im Handel, die sich besonders von diesen beiden Herstellern irritiert zeigten. Nokian wird hierzulande zwar weitestgehend immer noch nur als Nischenmarke mit Potenzial erkannt, Goodyear aber ist eine große Nummer im internationalen Reifengeschäft. Und durch seine flächendeckende GRS-Handelsstruktur hierzulande eigentlich äußerst durchsetzungsfähig. Positive Schlagzeilen konnte der US-Reifenriese aber zuletzt immer weniger generieren – die Unruhe im Konzern und der Deutschlandzentrale in Hanau drang in konstanter Weise in den Markt. Zahlreiche Personalwechsel auf Führungsebene, die Rückgabe der Marke Dunlop an Sumitomo und ein auf Effizienz getrimmtes Strukturprogramm haben den Glanz vergangener Tage etwas verblassen lassen. Bei dem finnischen Reifenhersteller ist es andersherum – wirkliche Strahlkraft konnte die Marke in Deutschland noch nie entfalten, obwohl im Besonderen die Winterreifen qualitativ durchaus konkurrenzfähig sind.
Es sind nur mal eben zwei Marken für den Einstieg gewählt, deren Entwicklung gut illustriert, wer zunehmend den Ton im Reifenersatzgeschäft angibt. Ja, Michelin ist weiterhin der dominante Player im internationalen Reifenmarkt – laut Auswertung des B2B-Portals Alzura verliert der französische Reifenhersteller hierzulande im Ersatzmarkt aber signifikante Anteile. Kraftvoll vorbeigezogen sind im Alzura-Ranking insbesondere die koreanischen Marken Hankook, Kumho und Nexen. Während Bridgestone und Continental aktuell zu sehr mit sich selbst und der Findung wirksamer Unternehmensstrukturen beschäftigt sind, hat die Korea-Konkurrenz das Tempo maximal erhöht. Nicht nur im Ersatzmarkt, sondern durch aufgebaute europäische Produktionskapazitäten auch im prestigeträchtigen Erstausrüstungsgeschäft. Aber wie stellen sich im Winterreifen-Segment eigentlich die Marktanteile dar?
Hankook auch bei Winterreifen auf Pole
Automotive Insights liegen erneut exklusiv Auswertungen zu den über die B2B-Plattform Alzura Tyre24 vermarkteten Winterreifen im Geschäftsjahr 2024 vor, die Rückschlüsse auf die Machtverhältnisse und Anteile im Reifenersatzmarkt zulassen: Die Top-Hersteller nach Anzahl verkaufter Reifen, die meistverkauften Profile im Wintersegment, die gängigsten Größen und der Anteil importierter Reifen am gesamten Vermarktungsvolumen. In den Auswertungen finden sich eindeutige Belege für die von uns wiederholt beschriebenen Trends Preissensibilität, Qualitätsangleichungen und die zunehmende Relevanz digitaler Vertriebskanäle.
Die Top-Marken bei Alzura Tyre24 – nach Anzahl verkaufter Winterreifen 2024
- Hankook
- Continental
- Nexen
- Kumho
- Bridgestone
- Pirelli
- Semperit
- Dunlop
- Michelin
- Goodyear
Um je zwei Positionen abwärts ging es im Vorjahresvergleich für Michelin und Pirelli. Die Top-3-Reifenhersteller blieben unverändert.
Und was waren die Top-5-Winterprofile im Jahr 2024 bei Alzura Tyre24:
- Hankook W462 Winter i*cept RS3
- Kumho WP52 Wintercraft
- Semperit Speed-Grip 5
- Hankook W330 Winter i*cept Evo3
- Bridgestone Blizzak LM-005.
Die meistverkauften Reifen-Dimensionen waren 205/55 R16, 205/60 R16 und 195/65 R15. Interessant ist auch, dass der ausgewiesene Anteil importierter Reifen im Pkw-Winterreifensegment von 6,9 Prozent (2023) auf 8,8 Prozent in 2024 anwuchs.
Nach Angaben des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur Handwerk e.V. ist der Anteil an vermarkteten Ganzjahresreifen im Jahr 2024 nochmal um 3 Prozentpunkte auf knapp 36 Prozent gestiegen. Dies geschah aber nicht zu Lasten des Winterreifen-Segments. Winterreifen machten 38 Prozent der Absatzmenge aus (2023: 38,5 Prozent). Reine Wintergummis konnten in der Produktgruppe Pkw-Reifen im Mengenabsatz gar um 6,4 Prozent zulegen. Der Anteil der Sommerreifen am Gesamtmarkt verringerte sich auf etwas über 26 Prozent, nachdem dieser 2023 noch 28,5 Prozent ausmachte. Schaut man sich die vom BRV herausgegebenen Zahlen zum Mengenabsatz an, dann stehen dort für reine Pkw-Reifen 41 Millionen Stück in der Bilanz (+7,4 Prozent/2023). Dies macht gut neun Zehntel des Mengenabsatzes im Consumer-Segment aus. Für 2025 rechnet der Branchenverband, was das Gesamtvolumen über alle Consumer-Produktgruppen betrifft, nicht mit einem weiteren nennenswerten Zuwachs. „In einem aufgrund des hohen Fahrzeugbestandes weitgehend gesättigten Reifenersatzmarkt, der zudem von der anhaltend schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage geprägt ist, wäre bereits der Erhalt des Erreichten schon als Erfolg zu werten“, heißt es aus der BRV-Zentrale in Bonn.
Angleichung der Qualitätsdifferenzen
Als einen Vertriebskanal weist der Verband mittlerweile den Reifenfachhandel und Kfz-Werkstätten in seiner Distributionsanalyse für Pkw-Reifen aus. Mit 71,3 Prozent (2023: 69,5) ist es laut BRV-Angaben der deutlich führende Absatzkanal. Autohäuser und markengebundene Werkstätten realisierten im vergangenen Geschäftsjahr lediglich einen Anteil von 19,8 Prozent. Der deutsche Reifenersatzmarkt war traditionell immer Premium-getrieben – aber dies wandelt sich nach und nach. Nicht nur die zunehmende Preissensibilität, sondern auch die zunehmende Angleichung der Qualitätsdifferenzen ist hierfür ursächlich. Besonders die koreanischen Hersteller haben Performance-seitig aufgeholt und bei Autofahrerinnen und -fahrern an Vertrauen gewonnen. Die relevanten Reifentests von ADAC, AutoBild und den Medien der Motorpresse haben hierzu erheblich beigetragen. Die Premium-Fraktion unter den Reifenherstellern kann aber noch gut beim Faktor Wirtschaftlichkeit punkten – die jüngste Laufleistungsauswertung des ADAC belegt dies. In einem weitestgehend gesättigten Reifenersatzmarkt ist also, was die Kräfteverhältnisse unter den Herstellern angeht, viel Bewegung. Die Komplexität in der Vororder aufgrund der Dimensionsvielfalt wird durch digitale Tools und B2B-Plattformen abgemildert.