Krise der Transport- und Logistikbranche

Kreditversicherer rechnet mit steigenden Insolvenzen bei Speditionen

Altbekannte Probleme und zuletzt deutlich gestiegene Kraftstoffpreise bringen Transportunternehmen in existenzielle Not.  Foto: Animaflora PicsStock – stock.adobe.com

„Die Krise der deutschen Transport- und Logistikbranche verschärft sich. Seit Jahren zählt sie zu den Segmenten mit den höchsten Insolvenzzahlen in Deutschland – und in diesem Jahr ist mit einem weiteren Anstieg der Firmenpleiten zu rechnen“, kommentiert Frank Liebold, Country Director Deutschland beim internationalen Kreditversicherer Atradius, die aktuelle Lage der Speditionen. Grund für diese Entwicklung sei einerseits der Krieg im Nahen Osten mitsamt der weltwirtschaftlichen Folgen wie hohen Kraftstoffpreisen. Viele Speditionen müssten Diesel sofort bezahlen, während Kundenrechnungen erst nach 60 Tagen beglichen würden. Besonders betroffen von der derzeitigen Preisentwicklung seien kleine und mittelständische Unternehmen. Andererseits würden auch altbekannte Probleme wie schwache Margen, steigende Personalkosten, der akute Fahrermangel und ein intensiver Wettbewerbsdruck die Lage der Transport- und Logistikbranche zunehmend verschärfen. „Jedes vierte kleine und mittelständische Unternehmen aus der Transportbranche ist nach unserer Einschätzung gefährdet“, so Frank Liebold. „Das zeigt sich auch in unseren Nichtzahlungsmeldungen. Diese liegen in den ersten Monaten dieses Jahres bereits weit über den Vergleichswerten der vergangenen fünf Jahre.“ Im vergangenen Jahr meldeten Atradius zufolge bereits 469 Logistikunternehmen Insolvenz an. Darunter waren 19 Firmen mit einem Umsatz von über zehn Millionen Euro. Die Insolvenzquote stieg im Vergleich zu 2024 um 5,6 Prozent.

Der hohe Dieselpreis schlägt sich zudem unmittelbar in den Transportkosten für Lebensmittel nieder und könne auch bald bei den Konsumenten ankommen. Atradius geht von Preissteigerungen bei Lebensmitteln kurz- und mittelfristig von bis zu 10 Prozent aus. „Dass Preissteigerungen kommen werden, scheint unausweichlich“, schätzt Frank Liebold. „Logistik ist nicht nur ‚Lkw fahren‘, sondern auch das Nervensystem der Wirtschaft. Wird der Treibstoff zu teuer, ist nicht nur die Spedition bedroht, sondern die Just-in-Time-Produktion in Deutschland.“ Die Frage sei, inwieweit die gestiegenen Kosten an die Konsumenten eins zu eins weitergegeben werden könnten.

Aktuell rechne das Wirtschaftsberatungsunternehmen Oxford Economics für 2025 mit einem Wachstum von 2,4 Prozent für die weltweiten Verkehrs- und Logistikleistungen, was bereits 1,0 Prozentpunkte unter den vor dem USA-Israel-Iran-Krieg abgegebenen Prognosen liege. Ausgehend von der Annahme, dass der Konflikt und die Beeinträchtigung der Straße von Hormus die kommenden sechs Monate anhalten, könnte in einem von Atradius errechneten Negativszenario das Wachstum auf null sinken. Zudem rechnet Atradius in diesem Jahr mit einem Rückgang im Transport- und Logistiksektor in Deutschland um 2,1 Prozent. Oxford Economics gehe davon aus, dass sich die Stimmung in den meisten Industriezweigen schneller erholt als die Produktion und dass es bis etwa zum Jahresende dauern wird, bis eine echte Belebung einsetzt.

Politisches Handeln gefordert

Die aktuellen Maßnahmen der Bundesregierung seien angesichts der massiven Herausforderungen unzureichend. „Ob die 17-Cent-Senkung den gewünschten Effekt für Verbraucher und Wirtschaft haben wird, ist fraglich. Den kleinen Speditionen wird das nicht ausreichen“, sagt Frank Liebold. Andere EU-Länder hätten bereits die Mineralölsteuer gesenkt oder Notreserven freigegeben. Eine „Diesel-Gewerbe-Sicherung“ gebe es in Deutschland bislang nicht. Es sei nur allzu verständlich, dass auch die Verkehrsverbände unter anderem niedrigere Energie- und Stromsteuern, die Abschaffung der CO2-Doppelbelastung im Straßengüterverkehr sowie kurzfristige Entlastungen wie Preisdeckelungen oder Ausgleichszahlungen fordern.

Der aktuelle Preisschock könnte Atradius zufolge allerdings auch die Umstellung auf E-Lkw und Wasserstoffantriebe beschleunigen und einen entsprechenden Nachfrageimpuls auslösen. „Allerdings stellt sich hier die Frage, ob den Unternehmen in der aktuellen Situation nicht das Kapital für diese teuren Investitionen fehlt“, so Frank Liebold. Vor diesem Hintergrund bedürfe es seitens der Bundesregierung beispielsweise Unterstützung bei der Umstellung auf alternative Antriebe.

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