Erlischt die Lust am Motorradfahren?

Markt im Minus

Der Kraftradbereich repräsentiert volumenmäßig noch immer den Löwenanteil bei den Neuzulassungen.   Foto: Memorystockphoto – stock.adobe.com

Nicht nur die Zulassungszahlen, sondern auch die Besucherzahlen bei relevanten Motorradmessen sind Indikatoren für das zunehmend abflauende Interesse an der Zweiradmobilität. Die Tendenz ist eindeutig und dürfte auch durch neue Modellkonzepte kaum umzukehren sein. Dadurch wächst der Druck nicht nur auf die Motorradhersteller weiter, sondern auch auf die Unternehmen, die den Ersatzmarkt mit Komponenten bedienen. Zu Beginn des Jahres 2025 waren in Deutschland etwas über 5 Millionen Motorräder zugelassen. Dies ist ein Rekordwert, allerdings werden nicht alle dieser gemeldeten Fahrzeuge regelmäßig bewegt. Das Durchschnittsalter liegt bei über 19 Jahren – viele Motorräder werden nur für gelegentliche Ausfahrten angeworfen. Der Nachrüstbedarf ist dennoch grundsätzlich vorhanden, die Ausprägung aber an die Fahrlust gekoppelt. 

Im Vorfeld der Motorradsaison 2026 werfen wir erneut einen genauen Blick auf die Zahlen im Reifenersatzgeschäft, da diese deutlich zeigen, in welcher Intensität sich der Konkurrenzkampf im Aftermarket vollzieht. Auf das Reifenersatzgeschäft haben die dramatisch eingebrochenen Zulassungszahlen unmittelbar (noch) keinen in dieser Ausprägung vergleichbaren negativen Effekt. Dieser wird langfristig durchschlagend wirken, sollte sich die Tendenz zum nachlassenden Interesse an der motorisierten Zweiradmobilität fortsetzen. Automotive Insights liegen exklusive Zahlen des B2B-Marktplatzes Alzura Tyre24 vor, die die Kräfteverhältnisse unter den Reifenmarken illustrieren.

Motorradreifen angeraut
Angerautes Gummi – so soll es sein. Foto: Fadil – stock.adobe.com

Bevor wir allerdings die Lupe auf den Bereich Reifen richten, helfen die Motorrad-Zulassungszahlen dabei, die einzelnen Zweiradsegmente zu gewichten. Der Kraftradbereich repräsentiert volumenmäßig noch immer den Löwenanteil bei den Neuzulassungen (97.699 Einheiten/Anteil: 60,4 Prozent). Das Minus im Vergleich zum Vorjahr (2024: 152.704 Einheiten/Anteil: 61,8 Prozent) fällt mit 36 Prozent aber heftig aus. Und auch bei den Leichtkraftrollern (25.251 Einheiten/Anteil: 15,6 Prozent) verzeichnete der deutsche Markt einen Rückgang von 27,8 Prozent. Die bedrohliche Tendenz setzt sich in den Segmenten Leichtkraftrad (-44,8 Prozent) und Kraftroller (-27,9 Prozent) fort. Insgesamt wurden im Jahr 2025 161.744 Motorräder neu zugelassen (2024: 250.783) – dies bedeutet einen Einbruch von 35.5 Prozent. 

Richtet man den Fokus auf das Nachrüstgeschäft mit Reifen, so ist zu erkennen, dass der deutsche Markt noch immer Premium-getrieben ist. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass sich dies grundlegend ändert. Sicherheit ist Kernfaktor des Motorradfahrens und auch im Servicegeschäft oberste Leitlinie. Die Kundschaft ist grundsätzlich bereit, für Qualität angemessen zu zahlen. Das Vertrauen in eine Marke und der im Motorradbereich zumeist gut ausgeprägte Erfahrungshorizont der Kundschaft leiten die Kaufentscheidung. So zeigt sich im Ranking der Reifenhersteller nach Stückzahl Verkäufen über Alzura Tyre24 im Vorjahresvergleich auf den ersten drei Rängen keine Änderung: Michelin liegt unverändert auf der Pole vor Metzeler und Bridgestone. Erst dahinter werden Verschiebungen sichtbar – Dunlop überholt Pirelli und Continental bei den über Tyre24 gehandelten Reifen und sichert sich Platz 4. Heidenau (8) verliert seine Position im Ranking an Mitas (7). Mitas legt besonders im Nordosten Deutschland kräftig zu (Postleitzahlgebiet 1).

Ranking der Top-Hersteller bei Alzura Tyre24 (nach Stückzahlverkauf)

  1. Michelin  
  2. Metzeler
  3. Bridgestone
  4. Dunlop
  5. Pirelli
  6. Continental
  7. Mitas
  8. Heidenau
  9. Avon
  10. Veerubber

Anteil importierter Reifen steigt erneut

Die über Alzura Tyre24 im Jahr 2025 am stärksten gehandelten Profile sind der Michelin Pilot Power 2CT, der Metzeler ME 888 Marathon Ultra, der Michelin Road 6, der Metzeler Cruisetec und der Continental Road Attack 4. Bridgestone kann keinen Reifen in den Top-5 platzieren. Die meist georderten Größen bleiben 120/70 17 und 180/55 17. Interessant ist überdies, dass der Anteil “importierter” Reifen auch im Motorradbereich weiter eklatant steigt – also von Verkäufern mit Sitz im Ausland: Von im Jahr 2024 23,2 Prozent auf 28,1 Prozent im Jahr 2025! Die Daten zum gesamten Außenumsatz im B2B-Onlinegeschäft mit Reifen belegen zwar den Rückgang im Motorrad-Reifenersatzgeschäft, allerdings fällt dieser weiter moderat aus (2025 -2,9 Prozent/2024 -2,7). Wachstum scheint keines mehr möglich – der Kampf unter den Reifenherstellern wird mit harten Bandagen geführt. 

Wie eingangs erwähnt, ist der Fahrzeugbestand auf Rekordniveau. Das hohe Durchschnittsalter von Motorrädern in Deutschland suggeriert einen hohen Servicebedarf. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil dieser Bikes allerdings fristet als Zweit- oder Dritt-Option ein wenig aktives Dasein unter einer Abdeckung. Motorradfahren ist weniger Notwendigkeit als Luxus aus Leidenschaft. Dass die Lust am Motorrad bei der jüngeren Generation generell erlischt, ist eine zu düstere Annahme für die Zweiradbranche. Wachstum aber wird auf Sicht kaum mehr zu erreichen sein, der Markt ist durch Verdrängung und Konsolidierung gekennzeichnet. Wie das in der Nische aber so ist – Unternehmen und Kunden begegnen sich im Produktwissen im Grunde auf Augenhöhe, was die Beziehung angenehm und nachhaltig formt. Und kaum ein Thema ist so emotional aufgeladen, wie das Motorradfahren. Diese Leidenschaft trägt sich in den Aftermarket. 

Das Motorradgeschäft im Jahr 2026 folgt einer dynamischen Routenführung. Foto: drsg98 – stock.adobe.com

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