In Pirellis Geschichte findet sich eine Fülle glanzvoller Momente. Kaum eine Reifenmarke konnte in ihrer Markenbildung eine derartige Strahlkraft in Sachen Prestige und Technologieführerschaft generieren. Viele Marketingkampagnen sind legendär: Im Jahr 1994 inszenierte beispielsweise Annie Leibovitz den US-Olympiasieger Carl Lewis, wie er unter dem Claim „Power is nothing without control“ mit Pirelli-Grip zur Freiheitsstatue hinauf sprintete. Auch „The Cal" formte über Jahrzehnte das edle Bild der Reifenmarke aus Mailand. Bis heute steht der italienische Reifenhersteller für eine Melange aus Marketinggenialität, einer aufrichtigen Verbindung zu Kunst und Illustration sowie der Getriebenheit, Reifen auf ein maximales Qualitätslevel zu trimmen. Die Formel 1 und das Hangar Bicocca sind zwei von vielen Seiten, die Pirelli bespielt. Motorsport und Kunst stehen im Pirelli-Verständnis nicht im Widerspruch zueinander, sondern sind unterschiedliche Felder der Exzellenz, an deren Spannungsende der Anspruch des Unternehmens seinen Ausdruck erfährt und globale Strahlkraft entwickelt. Das ikonische Pirelli-Logo in Gelb und Rot gehört zu den weltweit bekanntesten Markenzeichen im Motorsport und der Automobilindustrie.
Pirelli ist nicht nur ein Reifenhersteller. Das Unternehmen ist eine Marke, die Industriegeschichte und ästhetischen Anspruch seit Jahrzehnten konsequent verbindet. Das spürt man bereits beim Betreten der Zentrale in Mailand. Das Unternehmens-Areal im Stadtteil Bicocca war vormals das historische Industrieherz des Reifenherstellers und wurde im Rahmen eines städtischen Projekts in einen modernen Technologie- und Universitätsbezirk umgewandelt. Die Fassade des 2001 fertiggestellten Pirelli-Headquarters gibt zunächst wenig preis. Der unmittelbare Punch aber kommt, nachdem die elektronische Einlasskontrolle passiert ist. Das Auge gleitet nach Betritt der Eingangshalle hoch hinauf zur Spitze der Kühlturms der einstigen Produktionsstätte. Die Geschichte des Unternehmens wurde in spektakulärer Weise in den Bau integriert. Das Herzstück der modernen Zentrale umschließt den historischen 46 Meter hohen Kühlturm aus den 1950er-Jahren.
“Virtual Compounder” – KI-Beschleunigung in Entwicklung von Gummimischungen
Das vertikale Gesamterlebnis wird vom Pirelli-Presseteam sogleich fortinszeniert. Es geht allerdings hinab in eine Minifabrik, oder besser: das technologische Hirn von Pirelli. Im Entwicklungszentrum lässt sich italienische Reifenbau-Finesse im Detail nachvollziehen und in die Zukunft der Reifenentwicklung blicken. Ein Fahrsimulator, das gesamte Instrumentarium zur Durchführung von Belastungsversuchen und die geheime Kammer der schwarzen Gummimischungsmagie – unterhalb der Oberfläche von Bicocca wirkt mittlerweile zudem eine neue, gewaltige Kraft. Die konzerneigene KI ist der entscheidende Beschleunigungsfaktor und die zentrale Instanz, neue Produktlevel in Serienreife zu erreichen. Daten stellen ein riesiges Kapital dar. Und besonders beim Thema Gummimischung eröffnet sich durch KI ein völlig neues Potenzial in der Verarbeitung von Daten. Um die Arbeit an Mischungen zu unterstützen, entwickelte Pirelli einen “Virtual Compounder”. Dieses auf künstlicher Intelligenz basierende Tool hilft den Mischungs-Entwicklern beim Design von Reifenmischungen. Das System basiert auf über 20.000 entwickelten Rezepturen, wie Thomas Hanel als Global Head of Technology and Innovation berichtet. Diese Daten dienen als Grundlage, um neue Lösungen zu generieren und zu optimieren.
Der “Virtual Compounder” verbindet laut den F&E-Verantwortlichen zwei unterschiedliche, sich ergänzende Ansätze künstlicher Intelligenz: Generative KI analysiert bestehende Rezepturen und generiert neue Konfigurationen, die auf mehrere Ziele hin optimiert sind – etwa Grip, Rollwiderstand, Haltbarkeit sowie einen höheren Anteil bio-basierter und recycelter Materialien. Physikalisch informierte KI nutzt Modelle, die auf physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten beruhen. Sie simuliert das Verhalten von Reifenmischungen und erstellt verlässliche Prognosen – auch über die bekannten historischen Daten hinaus. Die Integration der beiden Ansätze ermöglicht das Verknüpfen einer datenbasierten Methode mit wissenschaftlichem Know-how, so die Pirelli-Verantwortlichen.
Menschliche Expertise + KI – so lautet die Formel zukünftiger Entwicklungsprozesse. Der “Virtual Compounder” bringt eine neue Arbeitsweise in die Entwicklung von Reifenmischungen. Die Mischungsentwickler sollen aber während des gesamten Prozesses zentral bleiben, Performance-Ziele definieren und interpretieren sowie die vorgeschlagenen Lösungen validieren. Im Zusammenspiel soll es künftig möglich werden, den Einsatz bislang ungenutzter Materialien zu erforschen und die Entwicklung neuer Rezepturen in Zusammenarbeit mit Lieferanten und Forschungszentren im Open-Innovation-Modell von Pirelli zu unterstützen. Dies eröffnet ein erhebliches Potenzial, Reifen umweltgerechter zu fertigen. Mit der Beschleunigung von Entwicklungsprozessen verschafft sich Pirelli zudem eine bessere Startposition zur Umsetzung der Anforderungen von Automobilhersteller im Erstausrüstungsgeschäft. Im Zentrum der Entwicklungsarbeit bleibe aber unverändert der Mensch – sozusagen als Dirigent virtuoser Reifenentwicklungs-Sequenzen.
Den Blick auf das Schöpferische pflegt Pirelli seit jeher nicht nur in der Produktentwicklung. Pirelli konnte zur weltweiten Marke werden, weil im Konzern stets auch eine offene Grundhaltung für Kunstformen eingenommen wurde. Im Hangar Bicocca erlebt man diese in äußerst eindrucksvoller Weise. Der Pirelli Hangar Bicocca ist eine der renommiertesten gemeinnützigen Institutionen für zeitgenössische Kunst in Europa und befindet sich in unmittelbarer Nähe der Unternehmenszentrale in einer ehemaligen Lokomotivfabrik. Herzstück der Hallen ist die permanente Rauminstallation "The Seven Heavenly Palaces" (2004–2015) des Künstlers Anselm Kiefer. Das 15.000 Quadratmeter ehemalige Industrieareal wird zudem mit wechselnden Ausstellungen für die Öffentlichkeit frei zugänglich bespielt. Und auch das Unternehmensarchiv im Pirelli-Hauptquartier drückt die konstituierende Verknüpfung zwischen Industrie, Design und Kunst aus. Hier lagern nicht nur die roten High Heels aus der Pirelli-Kampagne mit Carl Lewis und unzählige Devotionalien aus Fotoshootings zum Pirelli-Kalender, sondern vor allem auch Illustrationen, Grafiken und Fotos, die die Unternehmensgeschichte bis zurück in die Zeit des Gründers Giovanni Battista Pirelli in die 1870er-Jahre zeigen. All dies konnte Automotive Insights in einem konzentrierten, aber feinsinnig kuratierten Programm erleben – Kunst und KI im Pirelli-Kosmos. Selten lässt sich an einem einzigen Ort so klar ablesen, wie ein Unternehmen seine Geschichte als Ressource begreift und daraus eine Haltung zur Zukunft entwickelt.