Wie unterschiedlich die Reifenmärkte über die Ländergrenzen in Europa hinweg funktionieren und welche Hersteller den Ton angeben, zeigt für den kundigen Betrachter ein Blick auf die Profilierung von parkenden Fahrzeugen beim Gang durch eine Großstadt: Madrid, Mailand, Paris, Berlin, London – Reifen sind Reifen. Im Grunde schon, aber eben doch nicht. Ein dienstlicher Besuch der englischen Metropole an der Themse bot uns im vergangenen Dezember erneut die Gelegenheit für eine kurze Sequenz eines “Reifenprüfspaziergangs”. Chelsea ist ein teures Pflaster, Immobilien und Autos dokumentieren die Finanzkraft. Auf das Portemonnaie dürfte die hier ansässige Bevölkerungsschicht beim Werkstattbesuch wohl nicht unbedingt achten müssen. Umso verblüffender ist die Wahl des Fahrbahnkontakts der Luxuskarossen von Aston Martin, Bentley, Jaguar, Mercedes-Benz oder Lamborghini – Budgetreifen bei Fahrzeugen dieser Leistungsstärke sind in England eine Realität, in Deutschland undenkbar. Die Abstinenz eines generellen Tempolimits ist ein Grund, das Ursachengeflecht insgesamt aber vielschichtiger.
Auch hierzulande ist bei Verbrauchern ein Prozess gestartet, innerhalb dessen sich die Affinität zu Premiummarken langsam auflöst. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wird auch im Reifenbereich zum Kernkriterium der Kaufentscheidung. Damit ist natürlich ein Sailun-Reifen noch keine ernsthafte Option in der Verkaufsberatung für eine S-Klasse. Im mittleren Preissegment allerdings ist die Qualitätsdichte mittlerweile so ausgeglichen, dass sich hervorragend Image generieren lässt. Hankook hat es vorgemacht, die koreanische Marke hat in der Verbraucherwahrnehmung in den letzten Jahren große Schritte gehen können. Aus Reifenhandelskreisen erfahren wir regelmäßig, dass eine Vermarktung von preisintensiven Marken zunehmend herausfordernder wird. Diese Tendenz zeigt auch die Zahl der vermarkteten Sommerreifen über die B2B-Plattform Alzura Tyre24 im Jahr 2025. Dort führt Hankook seit mehreren Jahren das Ranking an. Im aktuellen Sommerreifentest von AutoBild fährt der Hankook Ventus evo an die Spitze des Feldes, was den Vertrauensaufbau und das Käuferinteresse weiter fördern dürfte.
Die Top-5 Sommerreifen-Hersteller bei Alzura Tyre24 (nach Anzahl verkaufter Reifen)
- Hankook
- Continental
- Michelin
- Pirelli
- Bridgestone
Mehrmarkenstrategien eröffnen Chancen
Im Vorteil ist auf Industrieseite, wer über eine Mehrmarkenstrategie dem Handel ein ausdifferenziertes Angebot vorlegen kann. Sumitomo eröffnen sich mit der Wiederbelebung der Marke Dunlop und der dahinter platzierten Marke Falken neue Möglichkeiten. Einen Schritt weiter ist der koreanische Reifenhersteller Hankook. Zwar ist die Zweitmarke Laufenn im deutschen Reifenfachhandel noch kein relevanter Faktor, Hankook-Profile aber sind längst aufgrund ihres überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnisses eine dominante Größe im Markt. In einem “Premium-Umfeld” positioniert sich Hankook im Tyre24-Ranking vor Continental, Michelin, Pirelli und Bridgestone. Die drei meistgehandelten Profile über die B2B-Plattform tragen allesamt das Hankook-Logo auf der Reifenflanke. Die Top-5-Sommerreifen heißen hier: Hankook K135 Ventus Prime 4, Hankook K127 Ventus S1 Evo 3, Hankook K125 Ventus Prime 3, Continental EcoContact 6 und Bridgestone Turanza T005. Die meistgehandelten Größen im Sommerreifen-Segment waren 205/55 R16, 225/45 R17 und 225/40 R18.
Die zum Redaktionsschluss noch vorläufig vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie (wdk) herausgegebenen Zahlen zeigen im Jahr 2025 ein Minus von etwa 2,9 Prozent im nationalen Absatz von Reifen – etwas unter 44 Millionen Pkw-, Offroad- und Transporterreifen. Europaweit fällt das Absatzminus im Consumerbereich laut dem Verband Tyres Europe auf einem ähnlichen Niveau aus. Etwas mehr als 224,1 Millionen verkaufte Einheiten bilanzieren die Tyres-Europe-Mitglieder für den europäischen Consumer-Ersatzmarkt im Jahr 2025. Das sind knapp 2 Prozent weniger als noch im Vorjahr, wobei ein schwaches viertes Quartal (-5 Prozent) das Ergebnis zusätzlich dämpfte. In den letzten drei Monaten des Jahres gaben vor allem die Winterreifen-Absätze nochmals deutlich nach (-14 Prozent). Im Gesamtjahr landen die Spezialisten für die kalte Jahreszeit 2 Prozent unter dem Absatzniveau des Vorjahres, während die Zahl verkaufter Sommerreifen um 7 Prozent sank. Trotz eines fünfprozentigen Plus bei Ganzjahresprofilen steht im europäischen Consumer-Ersatzmarkt für die Tyres-Europe-Mitglieder aber insgesamt das Minus von zwei Prozent. „Der Rückgang spiegelt den anhaltenden makroökonomischen Druck wider: geringes Verbrauchervertrauen, ein begrenztes Wachstum der Jahresfahrleistung und über das gesamte Jahr hinweg steigende Importanteile”, heißt es seitens Tyres Europe. Letztere lagen bis November 5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Mitverantwortlich hierfür war laut Tyres Europe, dass viele Großhändler ihre Lieferungen von Pkw-Reifen aus China vor den erwarteten EU-Zöllen vorzogen. Hinter China festigte Südkorea seinen Platz als “Importland” Nummer zwei, vor Japan, Thailand und Indien.
Die Top-5 Ganzjahresreifen-Hersteller bei Alzura Tyre24 (nach Anzahl verkaufter Reifen)
- Hankook
- Goodyear
- Kumho
- Continental
- Nexen
Ganzjahresreifen mit Anteil von 37 Prozent
Im nationalen wie auch europäischen Consumer-Geschäft verlieren die Sommer-Spezialisten weitere Marktanteile an das All-Season-Segment. Eine Auswertung der Daten der B2B-Plattform Alzura Tyre24 belegt das noch immer steigende Interesse – der Anteil von Ganzjahresreifen an der Gesamtanzahl über das Portal verkaufter Reifen wuchs auf 37 Prozent. Besonders hier schlägt die zunehmende Preissensibilität durch, denn neben Hankook an der Spitze treten in diesem Segment mit Kumho und Nexen weitere koreanische Reifenhersteller mit preisattraktiven Profilen in den Top-5 auf.
Die Märkte waren im Jahr 2025 durch eine Kombination aus geringer Binnennachfrage, steigendem Importdruck und schwächeren Exporten geprägt. Diese ungünstigen Faktoren werden auch 2026 wirken. Mit Blick auf das nationale Reifenersatzgeschäft zeigen sich Branchenexperten dennoch nicht übermäßig beunruhigt. Geringere Stückzahl-Verkäufe wurden vom Reifenhandel und Werkstätten in den vergangenen Jahren durch höhere Preise und Dienstleistungsanteile aufgefangen. Auf längere Sicht herrscht zudem die Gewissheit, dass sich mit dem weiteren Hochlauf der Elektromobilität auch beim Thema Reifenabrieb neue Perspektiven und Beratungsfelder hinsichtlich Laufleistung und Wirtschaftlichkeit eröffnen.