Was im Vorfeld von The Tire Cologne 2026 nicht alles wieder spekuliert wurde – über den Verfall einiger Premiumhersteller und die Zukunftsfähigkeit einer internationalen Reifenmesse ohne Publikumsmagneten wie Pirelli, Goodyear, Michelin und Bridgestone. Auch wir beteiligten uns. Die drei Messetage lieferten aber quasi den Beleg dafür, dass in der Reifenbranche andere Hersteller die Regie und Fahrtrichtung vorgeben. Zumindest für den deutschen Markt darf man als Branchenkenner diese These wagen. Die Aussteller- und Besucherzahlen widerlegten den angestimmten Abgesang auf The Tire Cologne. Die Reifenhersteller und Handelsunternehmen, die sich in den Hallen der Koelnmesse zeigten, taten dies weitestgehend mit Überzeugungskraft – von einigen abgesehen, aber dazu später mehr.
„Die Herausforderungen für die Branche werden komplexer und globaler. Umso wichtiger sind Plattformen, die Orientierung geben, Wissen bündeln und den Austausch zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ermöglichen“, formulierte Oliver Frese als Geschäftsführer der Koelnmesse den Anspruch von The Tire Cologne im Jahr 2026. Die Koelnmesse und der BRV als ideeller Träger fanden in der Messekonzeption und Themensetzung eine überzeugende Mixtur. Themenvielfalt, aber mit einem klaren Fokus auf das Feld der Kreislaufwirtschaft, das die Impulsgeber der Branche bereits seit vielen Jahren entwickeln. Nicht nur aus ökologischer Verantwortung heraus, sondern auch als strategisches Geschäftsfeld, in dem massives Potenzial steckt. Im eröffnenden Rundgang der Messe-Verantwortlichen mit NRW-Umwelt- und -Verkehrsminister Oliver Krischer wurde die Grundnote der diesjährigen TTC-Ausgabe gesetzt – und von der Branche in den zahlreichen Messepräsenzen aufgenommen. Mit knapp 400 Ausstellern aus 33 Ländern und rund 14.600 Teilnehmenden aus 110 Ländern bestätigte The Tire Cologne ihre Position als internationale Leitmesse der Reifen- und Räderbranche. Die globale Relevanz der Messe wurde durch den hohen Anteil ausländischer Besucherinnen und Besucher unterstrichen: Laut Messegesellschaft kamen zwei Drittel von ihnen aus dem Ausland.
Als Publikumsmagneten wirkten in diesem Jahr die Präsenzen von Continental, Hankook und Dunlop, nun unter dem Sumitomo-Dach. In der Publikumswirkung ist die TTC weitaus stärker auf Entscheiderinnen und Entscheider ausgerichtet als die frühere Reifenmesse in Essen, die mit dem traditionellen Donnerstags-Feiertag auch stets eine Vielzahl an Mitarbeitern aus Werkstatt und Reifenhandel anzog. Die TTC hat sich in Besucherzahlen konstant oberhalb der 14.000 eingependelt. Interessant zu beobachten war, dass auch eine Vielzahl an nicht-ausstellenden Unternehmen ihre Leute auf Beobachtermission nach Köln schickte. Und was diese sahen, ist das Transformationsbild der Branche in aller Feinzeichnung: Kreislaufwirtschaft, KI, pan-europäische Großhandelsstrukturen und die zunehmende Bedeutung digitaler Vertriebskanäle.
Nordrhein-Westfalen will ein Leuchtturm der Reifen-Kreislaufwirtschaft sein. Der Besuch des grünen Landesministers, der übrigens als erster Politiker dieser Güteordnung die Reifenmesse in Köln besuchte, war ein deutliches Zeichen des Themenschwerpunkts Circular Economy. Mit seinem Impulswort zur TTC-Eröffnung lieferte der Umwelt- und Verkehrsminister zudem einen Beleg für das zugewandte und in weiten Teilen funktionierende Wirken der Koalition in NRW aus CDU und Grünen. Auch Christina Guth betonte als Gründerin des AZuR-Netzwerks die Bedeutung und Impulskraft des Bundeslandes für die nationale Reifenkreislaufwirtschaft. Ressourceneffizienz, Runderneuerung, Recycling und zirkuläre Wertschöpfungsketten wurden in zahlreichen Vorträgen, Diskussionen und Ausstellerpräsentationen beleuchtet. Praxisnahe Einblicke bot dabei auch das Innovation Lab. Live-Demonstrationen machten Technologien erlebbar und zeigten, wie digitale Lösungen künftig zur Effizienzsteigerung und zur Erschließung neuer Geschäftspotenziale beitragen können. Ein besonderer Fokus lag dabei auf RFID-basierten Ökosystemen, die neue Möglichkeiten für Transparenz, Prozesssteuerung und datenbasierte Services entlang des Reifenlebenszyklus eröffnen.
Conti und Hankook mit größter Strahlkraft
In Halle 8.1 standen sich die in Deutschland dominanten Marken Continental und Hankook gegenüber. Der deutsche Reifenhersteller setzte auf ein offenes Standkonzept und zeigte im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft seine Partnerschaft mit dem DFB. Mit Rückenwind aus der zurückliegenden Reifentest-Saison präsentierte sich das Conti-Team dialogfreudig. Gegenüber der Redaktion von Automotive Insights berichtete Mirco Brodthage als Leiter Reifenersatzgeschäft Deutschland und mit sanftem Seitenhieb Richtung der abstinenten Hersteller: „Es gehört sich als Premium-Hersteller einfach hier zu sein.” Menschen stünden trotz all der digitalen Vertriebsstrukturen noch immer im Zentrum der Marktbearbeitung, The Tire Cologne biete als Plattform noch immer einen exzellenten Hebel für eine direkte Adressierung und einen konzentrierten Dialog mit dem internationalen Kundenstamm.
Kommunikationswillig zeigte sich auch das Team von Hankook. Consumer-Vertriebschef Claus Gömmel betonte die strategische Bedeutung des Absatzkanals Reifenfachhandel. Aber auch über das Geschäft mit Werkstätten und Autohäusern will der koreanische Reifenhersteller noch mehr Marktanteile erobern. Gömmel verwies in diesem Kontext auch noch einmal auf das Erstausrüstungsgeschäft, in dem sich Hankook als verlässliche Größe etabliert habe. Für den Ausbau des Commercial-Segments spielt die Erweiterung der Produktionskapazitäten im ungarischen Reifenwerk eine entscheidende Rolle. Ab dem Jahr 2027 will Hankook in Rácalmás jährlich bis zu 800.000 Lkw- und Busreifen produzieren können. „Mit gezielten Investitionen in Produktion, Produkte und Serviceangebote stärken wir unser Nutzfahrzeugreifengeschäft in Deutschland und Europa. Das Flottengeschäft wird für uns immer wichtiger und wir möchten die Bedürfnisse unserer Flottenkunden bestmöglich bedienen“, so Manfred Zoni, Vertriebsdirektor und Head of Sales Truck and Bus bei Hankook.
Koreanische Power war auf The Tire Cologne 2026 auch in Halle 6.1 zu erleben. Dort trat Kumho Tire in den Austausch mit der Händlerschaft und den Vertriebspartnern. Kumho konnte zuletzt mit zweistelligen Wachstumsraten im deutschen Markt aufwarten, wie Thomas Schlich als Vice President der Kumho Tire Europe GmbH bestätigte. Schon bald wird der Reifenhersteller über ein Reifenwerk in Polen verfügen und sich damit endlich aus dem Containergeschäft der vergangenen Jahrzehnte mit all seinen Unwägbarkeiten verabschieden. Die Produktion in Opole soll 2028 angeworfen werden. Auch die neue Dunlop Tyre Europe GmbH informierte in Halle 6.1 über ihre Marktambitionen. Präsident Markus Bögner hatte zuletzt im Podcast von Automotive Insights über die Chancen der neuen Mehrmarkenstrategie mit Dunlop, Falken und Pneumant berichtet. Die TTC-Präsenz offenbarte unter Einbezug des Sport-Heritage der Marke Dunlop das riesige Potenzial, es wurde aber auch sichtbar, dass die ehemalige Falken-Mannschaft entsprechend der Größe der Aufgabe noch zu wachsen hat.
Strategischer Klassenunterschied zwischen Linglong und Sailun
Als überzeugendster Reifenhersteller aus China trat auf The Tire Cologne Linglong auf. Linglong ist der einzige chinesische Akteur, der über ein europäisches Reifenwerk verfügt. Ohne ein solches lässt sich angesichts fragiler Lieferketten und Anti-Dumping-Szenarien kein ambitioniertes Geschäft in Europa entwickeln. Da hilft auch keine hübsch entworfene Schaubühne, die Sailun in unmittelbarer Nachbarschaft zu Linglong errichtet hatte. Allein die Pressekonferenz am Sailun-Stand, die angesichts technischer Probleme schon fast Slapstick-Charakter annahm, dokumentierte den strategischen Klassenunterschied zwischen den beiden Herstellern. Als aufstrebende Marke aus Fernost präsentierte sich neben Linglong auch Giti Tire auf The Tire Cologne. Der Marketing Director Europe der Giti Tire Europe, Stefan Brohs, führte entlang einer stimmig kuratierten Themenauswahl über den Messestand. Erfolge konnte Giti zuletzt sowohl im OEM-Geschäft als auch über gute Reifentestergebnisse in die Öffentlichkeit kommunizieren. Weniger gut läuft es zumindest im deutschen Markt für die taiwanesische Marke Kenda, die in den Tests des ADAC und von AutoBild abgestraft wurde. Entsprechend zugeknöpft zeigte man sich auf Nachfrage zu Konzernthemen gegenüber unserer Redaktion.
Mit dem Walk of Services reagierten die Messe-Verantwortlichen eigenen Angaben zufolge auf ein zunehmend spürbares Bedürfnis der Branche: Um in einem komplexer werdenden Marktumfeld bestehen zu können, sind fundierte Kenntnisse, die richtige Werkstattausstattung, eine passgenaue Softwarearchitektur sowie Strategien zur Mitarbeitermotivation und -bindung unverzichtbar. Was bislang auf The Tire Cologne oft dezentral verteilt war, sollte in der Ausgabe 2026 sichtbarer und systematisch erlebbarer werden. Als Teil eines erweiterten Messekonzeptes präsentierte The Tire Cologne Angebote, die es dem Fachhandel ermöglichen sollen, sich zukunftsfähig aufzustellen. Der Walk of Services sollte als inhaltlich getriebenes Narrativ wirken, das durch eine klare Besucherführung, thematisch gegliederte Ausstellerstände, Live-Demonstrationen sowie ein vielseitiges Programm auf der Service Stage unterstützt wurde. Grundsätzlich erfüllte der Rundgang durch die fünf Themenfelder „Mitarbeiter”, „System- & Prozesslösung”, „Reifenservice und Werkstatttechnik”, „Kfz-Services”, „Entsorgung und Nachhaltigkeit” die Zielvorgabe. Die Konzentration auf Dienstleistungen in diesem neuen Format konnte als Bekenntnis zur Weiterentwicklung der Messe verstanden werden.
Segment-Vielfalt und digitale Treiber
Die größere Präsenz der Werkstattausrüster tat der diesjährigen The Tire Cologne gut. Das Kernthema Reifen ist in einer statischen Messe sehr viel schwieriger erfahrbar zu machen, als Montiermaschinen, Exoskelette oder Auswucht-Instrumentarium. Mit Beissbarth, Corghi, Hunter oder PV Automotive beteiligten sich in diesem Bereich namhafte Unternehmen des Aftermarkets. Für Räderglanz und Designtiefe sorgten in diesem Jahr besonders die Felgenfirmen Autec, Alcar, Borbet, Mak und Wheelworld. Auch auf Seiten der digitalen Lösungsanbieter offenbarte sich die Vielfalt der Reifenbranche. So demonstrierte die Alzura AG kommende Features des B2B-Marktplatzes sowie der eBusiness Software Suite, die im Laufe des Jahres sukzessive ausgerollt werden. Im Mittelpunkt stand dabei der neue 3D-Alu-Konfigurator. Dieser ermöglicht fotorealistische 3D-Renderings in 7K-Auflösung (21,6 Megapixel pro Bild) und bildet Produkte vollständig maßstabsgetreu ab. Felgen werden in ihrer realen Dimension in sämtlichen Herstellerfarben fotorealistisch am Fahrzeug dargestellt – inklusive millimetergenauer Einpresstiefe. Firmen-CEO Michael Saitow nutzte die TTC auch, um über die Möglichkeiten von KI in seinem Unternehmen und im Reifenhandel zu berichten. Künstliche Intelligenz werde im Werkstattsektor zum praktischen Werkzeug im Tagesgeschäft. Beispielsweise optimieren datenbasierte Systeme im Hintergrund die Teilebevorratung mit einem erheblichen Impact auf Einkaufsentscheidungen und Lagerkosten. Die Auswirkungen von KI reichen aber weit über die Werkstatt hinaus. Künstliche Intelligenz entwickelt sich zu einem zentralen Beschleuniger entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Reifenindustrie - von der Reifenentwicklung bis hin zum Recycling.
The Tire Cologne 2026 wirkt nach – als Sinnbild der aktuellen Branchensituation. So mancher Premiumhersteller hat sich vom grundsätzlich kooperativen Geist der Branche verabschiedet und konzentriert seine Kräfte für den eigenen Überlebenskampf. Als Medienvertreter erlebten wir in Köln eine krasse Diskrepanz: Die meisten Hersteller traten in offener und kommunikativer Haltung auf, einige Budgetakteure allerdings zeigten sich nur bedingt auskunftsfreudig. Die Sailun-Pressekonferenz war ein Sonderfall, den man auf einem solchen Parkett nur selten erlebt – sie geriet nach Ansicht vieler Teilnehmender zur Farce. Technischer Dilettantismus und mangelnde Vorbereitung wirken auf der TTC-Bühne gleich doppelt so groß, besonders, wenn man sich an einem der größten Messestände der diesjährigen Messe inszeniert. Ansonsten hallt von The Tire Cologne 2026 vor allem die Themenvielfalt und Relevanz der Branche nach. Die Kreislaufwirtschaft bietet für Unternehmen enorme Chancen und Kooperationspotenziale. Die Reifenmesse in Köln ist der Ort, wo sie in geballter Form offenkundig werden. Die Fortsetzung dieser TTC-Message soll vom 30. Mai bis 1. Juni 2028 von Köln aus in die Reifenwelt gesendet werden.