„Bitte verlassen Sie sich nicht auf den Google-Standort“, werden wir schon während der Kontaktaufnahme gewarnt. Wer herfinden will, soll bitte Urban Tech Republic in die Fahrzeug-Navigation eingeben. Und der Name ist Programm: Wie in einer eigenen kleinen Republik haben sich zahlreiche Start-ups am Rande des ehemaligen Flughafens Tegel angesiedelt, so auch die EV Clinic Berlin, die sich auf die Reparatur von vollelektrischen Fahrzeugen spezialisiert hat. Einfach hineinspazieren kann man indes nicht. Der Einlass aufs Gelände erfolgt streng nach Anmeldung an einer Security-Schleuse. Genau dort treffen wir Otto Behrend, Mitgründer der EV Clinic Berlin. Er holt uns standesgemäß mit einem E-Auto ab. „Die Security ist vielleicht ein wenig umständlich, aber man hat auch eine hohe Sicherheit auf der Fläche. Fahrzeuge können hier frei bewegt werden“, erklärt er während der Fahrt auf dem ehemaligen Flughafengelände. Auch würden hier unter anderem autonom fahrende Fahrzeuge getestet. Schließlich kommen wir vor der Werkstatt zum Halt. Innen herrscht unterdessen geschäftiges Treiben. Musik schallt aus Lautsprechern, gerade wird an einem Tesla und einem Renault Zoe gearbeitet. In einem kleinen Büro werden zudem Platinen designt. Und dass hier nicht nur geschraubt, sondern auch tiefgreifend entwickelt wird, liegt an den Wurzeln der Werkstatt.
Aus der Hochschule ins eigene Unternehmen
Hinter der EV Clinic Berlin steckt ein Gründerteam aus vier Mitgliedern. Alle kommen sie von der Berliner Hochschule für Technik, alle sind sie Mechatroniker. Otto Behrend ist einer von ihnen. Der Kfz-Mechatroniker hat seine praktische Ausbildung bei Daimler gemacht und bekam dort die Möglichkeit, zur Marke Smart zu gehen. „Das war noch aus der Zeit, wo Daimler ein Joint Venture mit Tesla hatte und im Smart noch komplett Tesla-Roadster-Motoren und -Technik verbaut waren“, erzählt Behrend. Die „spannende Welt“ der Stromer hat ihn anschließend nicht mehr losgelassen. Trotz des Werkstattgeschäfts steht das Team auch mit der Hochschule noch in engem Kontakt und profitiert vom Austausch mit anderen Fachleuten: „Wenn wir ein bestimmtes Problem haben, bei dem uns die Expertise fehlt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man doch den ein oder anderen Wissenschaftler kennt, der sich in dem Thema gut auskennt“, so der Mitgründer.
Der Ursprung der EV Clinic selbst geht auf den Kroaten Vanja Katic zurück. Behrend ist es aber wichtig zu differenzieren, denn in Berlin arbeite ein maßgeblich autarkes Team: „Wir sind ein eigenständiges Unternehmen, die AddCycle GmbH.“ Natürlich bestand ein enger Kontakt zu Katic und auch stand die Frage im Raum, ob sich die Berliner nicht vorstellen können, eine Werkstatt nach dem kroatischen Vorbild zu eröffnen. Schließlich kam es zu einer Franchise-Vereinbarung, insbesondere um den Namen und bestimmte Reparaturleitfäden nutzen zu können. „Für uns war das Hauptinteresse, diese Eintrittsbarriere zu überwinden, weil die EV Clinic in der EV Bubble damals sehr bekannt war. Wir wussten, dass wir vom ersten Tag an eigentlich auf einen großen Kundenstamm zurückgreifen können. Das war so das Allerwichtigste. Natürlich wollten wir auch von der Expertise profitieren“, erzählt Behrend. Nun arbeiten hier die Gründer zusammen mit einem Werkstattmeister, einigen Werkstudenten und einem Kfz-Gesellen auf engem Raum.
Ein nachhaltiger Ansatz
Der Fokus der Arbeiten, die vor Ort durchgeführt werden, liegt in der Instandsetzung, der Reparatur und dem Refurbishment von Hochvoltkomponenten. Hochvoltkomponenten, das sind z. B. die Hochvoltbatterie, der Elektromotor oder der On-Board-Charger. Auch Messtechnik ist von höchster Relevanz für das junge Unternehmen. „Messtechnik ist für uns extrem wichtig, um bestimmte Defekte überhaupt identifizieren und Reparaturen durchführen zu können. Wir haben eine Menge Reparaturen, wo wir dann auch auf Spezialwerkzeuge zurückgreifen müssen, die uns so erstmal nicht vorliegen und die wir dann auch selbst erarbeiten müssen“, so der Mechatroniker. Das Ziel der Arbeit in der Werkstatt ist letzten Endes immer eine Instandsetzung, die das Problem nachhaltig löst. „Wir versuchen nicht, das Ganze zu reparieren, indem wir die gleichen Komponenten wieder einbauen, sondern schauen, wo die Ursache des Problems liegt. Die wollen wir adressieren und dann auch abstellen.“ Reparaturen muss sich das Team dann teilweise erst erarbeiten: „Wir beschäftigen uns natürlich in einem sehr großen Teil mit Reparaturen, die der OEM nicht vorsieht. Und wenn der OEM das nicht vorsieht, dann gibt es dazu auch keine Dokumentation, keine Schulung, keine Grundlage. Das sind alles Themenfelder, die wir uns selbst erarbeiten müssen“, erläutert Behrend. Und das kann auch mal viel Aufwand mit sich bringen, denn bei manchen Fahrzeugen ist die Informationslage nicht gut, insbesondere bei neuen Fahrzeugen. Da müsse das Team oft bei Null anfangen, was wiederum Zeit, Energie und Geld koste: „Bei dem ein oder anderen Fahrzeug sind wir schon darauf angewiesen, auf Quellen zurückzugreifen“, so der Mechatroniker. Entsprechend häufig würden auch Fälle in Tegel landen, bei denen andere Werkstätten nicht mehr weiterwissen. Es gebe Kunden, die zur EV Clinic kommen, nachdem sie bereits in einer anderen Werkstatt waren. „Die haben entweder eine Reparatur durchgeführt, die nicht erfolgreich war, oder die Werkstatt hat sie weggeschickt, nachdem sie es erfolglos probiert hat“, so Behrend. Manche Werkstätten würden Komponenten aus den Fahrzeugen ihrer Kunden auch ausbauen und an das EV-Clinic-Team weiterschicken. Das sei keine Seltenheit.
Was die Autos betrifft, die vor Ort repariert werden, zeige man sich grundsätzlich modell- und markenoffen. Zurzeit würden aber insbesondere Fahrzeuge aus dem Stellantis-Konzern repariert. Das biete sich auch deshalb an, weil sie auf Komponentenebene recht ähnlich seien, was wiederum die Arbeit erleichtere. Häufig gingen auch Anfragen für Tesla-Modelle ein. Und dass diese Anfragen die Werkstatt am ehemaligen Flughafen Tegel erreichen, liegt nicht unbedingt an der lokalen Nachfrage.
Europa zu Gast in Berlin
Laut dem Deutschlandatlas des Bundes werden in Berlin zwar gerne E-Autos gefahren, die Kundschaft der EV Clinic komme allerdings aus ganz Europa, zum Großteil aus dem DACH-Raum. Aus der Hauptstadt selbst stamme nur ein kleiner Anteil. Und all das funktioniere ohne herkömmliche Werbung: Eine Marketingabteilung im klassischen Sinne hat die Werkstatt nicht. Geholfen habe aber ein großes mediales Interesse. YouTuber und Medienhäuser waren vor Ort, auch in Podcasts war das Berliner Unternehmen schon zu hören. „Wir mussten da nichts anstoßen. Das ist ein Riesenglück! Aber das haben wir uns natürlich auch irgendwo damit erkauft, in dieses Franchise zu gehen“, sagt Behrend. Die Parkplätze vor der EV Clinic Berlin sind voll belegt, die Kundschaft kommt also – und das trotz Security.