Nach einem herausfordernden Jahr mit zentralen Weichenstellungen wollte das Enviro-Management 2026 die nächste Wachstumsphase einläuten. Ungeachtet der sich bereits zur Jahresmitte abzeichnenden negativen Finanzentwicklung hatten sich die Verantwortlichen noch entschieden optimistisch gezeigt. Insbesondere die weiteren Abnahmevereinbarungen für die aus Altreifen gewonnen Rohstoffe wie Ruß und Pyrolyseöl sowie die erweiterte Zusammenarbeit mit Michelin schürten Hoffnungen. Zum Jahresende stand allerdings nur ein Nettoumsatz von rund 31,5 Millionen SEK (ca. 2,9 Millionen Euro) zu Buche, was einem Minus von rund 81,5 Prozent entspricht. Das Ergebnis nach Steuern rutschte gar in den roten Bereich und belief sich auf -366,6 Millionen SEK (ca. 34 Millionen Euro).
In Teilen ist diese Entwicklung zwar nach wie vor mit den enormen von Enviro getätigten Investitionen zu begründen, doch mehren sich inzwischen die negativen Meldungen aus dem Unternehmen. So musste Enviro seinen Zeitplan für den Hochlauf der Verwertungsanlage in Uddevalla bereits gegen Ende des Jahres 2025 anpassen. Inzwischen ist klar: Auch der neue Termin ist nicht realisierbar. „Der im November für das Werk in Uddevalla angekündigte Zeitplan wird nicht eingehalten werden können. Angesichts der anhaltenden Unsicherheit ist es derzeit nicht möglich, einen neuen Zeitplan festzulegen”, heißt es in einer Unternehmensmitteilung von Ende Februar.
Uneinigkeit zwischen Infiniteria und Enviro
Wenige Woche zuvor war bekannt geworden, dass sich der Recycling-Spezialist mit einem Schiedsverfahren seines Geschäftspartners Infiniteria konfrontiert sieht. Das Joint Venture, an dem neben Enviro auch Michelin sowie der NextGen-Fonds von Antin Infrastructure Partners beteiligt sind, fordert rund 54 Millionen Euro Schadenersatz respektive Gewinnausfall. Eingereicht wurde ein entsprechender Antrag nach den Regularien des London Court of International Arbitration (LCIA) von Infiniteria Europe Sàrl und ihrer Tochtergesellschaft Infiniteria Sweden AB. Die beiden Parteien werfen Enviro einen Vertragsbruch im Zusammenhang mit einem gemeinsamen Anlagenprojekt in Schweden vor.
Aufseiten von Enviro hält man sowohl die Ansprüche an sich als auch die geforderte Summe für unbegründet, wie aus einer Mitteilung zum Fall hervorgeht: „Enviro widerspricht entschieden der Auffassung der Kläger hinsichtlich des Sachverhalts, der im Schiedsantrag geltend gemachten Rechtsgrundlagen sowie der Berechnung des angeblich entstandenen Schadens. Die Kläger verlangen unter anderem Schadenersatz für Schäden, die noch nicht eingetreten sind, und stützen sich dabei auf angebliche, erwartete zukünftige Verzögerungen, die nicht eingetreten sind. Enviro hält diese Ansprüche für unbegründet und spekulativ und widerspricht den Behauptungen der Kläger entschieden. Dementsprechend beabsichtigt Enviro, die Ansprüche und die Höhe des geltend gemachten Schadensersatzes in vollem Umfang anzufechten.” Darüber hinaus sei man weiterhin von den eigenen vertraglichen Rechten und dem zugrunde liegenden Wert seines Geschäfts und seiner Interessen überzeugt. Weitere Details zu dem Verfahren wurden zunächst nicht mitgeteilt.
Sanierungsverfahren und Insolvenz von Tyre Recycling in Sweden AB
Ende Februar gab das Enviro-Management dann allerdings bekannt, einen Antrag auf Unternehmenssanierung zu stellen. Diesem wurde nur einen Tag später für einen Zeitraum von drei Montane stattgegeben. „Der Beschluss wurde in erster Linie durch Liquiditätsengpässe ausgelöst, die auf ungünstige und belastende Vertragsbedingungen im Zusammenhang mit dem Joint Venture Infiniteria, Kostenbelastungen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Arbeiten von Enviro an einem Anlagenprojekt in Schweden sowie laufende Schiedsverfahren zurückzuführen sind, die die Beschaffung zusätzlicher Finanzmittel erschwert haben”, heißt zu dem Schritt erläuternd. Wie das Unternehmen weiter mitteilt, bezieht sich die Sanierung ausschließlich auf die Muttergesellschaft Scandinavian Enviro Systems AB (publ). Zum Sanierungsverwalter wurde Johan Sölveland von Ackordscentralen bestellt. „Während der Sanierung wird der Geschäftsbetrieb wie gewohnt fortgesetzt, parallel zu Maßnahmen zur Stärkung der Liquidität und Rentabilität”, betonen die Enviro-Verantwortlichen um den neuen CEO Fredrik Aaben. Details zu den Plänen, wie das Unternehmen sein Geschäft umbauen will, stehen noch aus.
Mit einer weiteren negativen Nachricht meldete sich das Unternehmen dann vergangene Woche zu Wort: Am 10. März hat das Management beim Bezirksgericht Göteborg eine Insolvenzantrag für seine Tochtergesellschaft Tyre Recycling in Sweden AB eingereicht. Die Maßnahme steht im Einklang mit den Restrukturierungsbemühungen, nachdem die Verantwortlichen im Zuge des Sanierungsverfahrens bereits auf den „nicht ausreichenden Cashflow der Anlage in Åsensbruk” verwiesen hatten. Seitens des Unternehmens wird ausgeführt: „Die Recyclinganlage der Tochtergesellschaft in Åsensbruk hat eine wichtige Rolle bei der Validierung der Technologie von Enviro und der mit dieser Technologie hergestellten Produkte gespielt. Diese Aufgabe gilt nun als abgeschlossen, und da der Betrieb der Anlage nicht rentabel war, hat der Vorstand beschlossen, für die Tochtergesellschaft, die die Anlage betreibt, Insolvenz anzumelden.”
Unternehmensangaben zufolge wird die Insolvenz das Enviro-Ergebnis voraussichtlich durch eine Wertminderung in Höhe von rund 84 Millionen SEK (ca. 7,8 Millionen Euro) belasten. Der Betrieb von Enviro in Göteborg werde parallel zu weiteren Maßnahmen im Rahmen der Sanierung wie gewohnt fortgesetzt. Jenseits dessen war bei Enviro zuletzt auch auf personeller Ebene einiges in Bewegung: Während der neue CEO Fredrik Aaben seine neue Rolle erst kürzlich angetreten hat, hat Helene Svahn auf eigenen Wunsch das Board of Directors von Enviro zu Anfang März verlassen. Bis auf weiteres zählt das Gremium damit nur noch fünf Personen, bleibt damit aber satzungsgemäß dennoch beschlussfähig. Helene Svahn hatte die Position im Board of Directors erst nach der Enviro-Hauptversammlung im vergangenen Jahr angetreten.