Erste Pläne zum Verkauf seiner Geschäftseinheit ContiTech hatte Continental im April dieses Jahres vorgelegt. Nach einer entsprechenden Analyse bestätigte der Vorstand rund zwei Monate später den Schritt. Bereits damals hatten sich Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter mit Bedenken zu Wort gemeldet. Diese scheinen sich nun erfüllen, wie Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden IGBCE-Hauptvorstands und des Continental-Aufsichtsrats, als Reaktion auf die abermaligen Sparmaßnahmen betont: „Wir sind es leid, immer neue Geschichten von schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aufgetischt zu bekommen. Was der Vorstand dabei regelmäßig unterschlägt, ist, dass ein großer Teil der Einschnitte allein auf die Filetierung und Selbstverzwergung eines Traditionskonzerns zurückzuführen ist. Wir haben das Auseinanderreißen von Reifen und ContiTech von Beginn an kritisch verfolgt. Inzwischen sehen wir unsere schlimmsten Erwartungen übertroffen."
Philip Nelles, Mitglied des Continental-Vorstands und Leiter des Unternehmensbereichs ContiTech, sieht wiederum vor allem externe Faktoren als Gründe für die verschärften Pläne und unterstreicht seinerseits: „Der Kostendruck steigt aufgrund des veränderten Marktumfelds, reduzierter Wachstumsraten wichtiger Wirtschaftsnationen und Industrien, anhaltender Unsicherheit durch Handelskonflikte sowie durch den stetig steigenden Wettbewerb insbesondere aus China. Die Anpassung der Kostenstruktur ist unabhängig vom geplanten Verkauf von ContiTech notwendig. Für unsere nachhaltige Zukunftsfähigkeit ist ein wettbewerbsfähiges Kostenniveau erforderlich, ganz gleich unter welcher Eigentümerschaft. Wir handeln entschlossen, um unser mittel- und langfristiges Potenzial zu entfalten, von dem wir fest überzeugt sind.“
Für das kommende Jahr sind eine Reihe von Maßnahmen auf allen Teilen und Ebenen von ContiTech geplant, wozu unter anderem die Verlagerung von Tätigkeiten, der Abbau von Stellen und die Anpassung von Abläufen gehören. Die genaue Zahl der abzubauenden Stellen in Deutschland sowie die Art der Umsetzung hängen Unternehmensangaben zufolge von der Ausgestaltung der Maßnahmen in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern ab. Der Großteil der voraussichtlichen Veränderungen entfällt auf die in Hannover ansässigen Bereiche von ContiTech, wobei geplant ist, einen Teil der betroffenen Tätigkeiten in Länder mit wettbewerbsfähigen Kostenstrukturen zu verlagern. Der Geschäftsbereich Industrial Solutions Americas hat bereits mit entsprechenden Maßnahmen begonnen.
Gewerkschafter bemängeln fehlende Transparenz
Ungeachtet der Äußerungen von Philip Nelles sieht die Arbeitnehmerseite die neuerlichen Stellenstreichungen auch im geplanten Verkauf begründet. „Man erkennt immer deutlicher, mit welcher Brutalität der Vorstand die Beschäftigten und ihre Arbeitsplätze zur Verfügungsmasse degradiert: Nach Aumovio und dem Automobilgeschäft von ContiTech soll nun ContiTech selbst für den geplanten Verkauf hübsch gemacht werden“, ist sich Michael Linnartz, IGBCE-Konzernbetreuer und -Bezirksleiter Hannover, sicher. Und Hasan Allak, stellvertretender Vorsitzender des Continental-Aufsichtsrats und Vorsitzender des Konzernbetriebsrats, ergänzt: „Wir haben als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat wiederholt auf die wirtschaftlichen Risiken des geplanten ContiTech-Verkaufs hingewiesen. Jetzt zeigt sich, dass darüber hinaus unsere Warnungen vor einem weiteren massiven Stellenabbau bei ContiTech in Deutschland nur allzu berechtigt waren. Der Vorstand begeht dabei zugleich erneut einen massiven Vertrauensbruch: Den Beschäftigten in der Konzernzentrale wurde vor einem Jahr anlässlich der Abspaltung des Autmobilzuliefergeschäfts Aumovio ein Wechsel auch zu ContiTech schmackhaft gemacht. Es wurde von vier gleichstarken Unternehmen gesprochen, die einen sicheren Hafen bieten, Wer sich darauf eingelassen hat, muss sich jetzt betrogen vorkommen. Das wird das Unternehmen in mehrfacher Hinsicht teuer zu stehen kommen!"
Im Februar hatte Continental für die Unternehmenseinheit ContiTech bereits umfangreiche Anpassungen im Produktionsnetzwerk verkündet. Aufgrund der „veränderten Marktsituation” wurde unter anderem die Schließung der Standorte Bad Blankenburg, Moers, Stolzenau sowie Geithain und Frohburg beschlossen.