Wie lässt sich die neu entwickelte Kombination aus KI-basierten Simulationen und physikalischen Tests, die Sie mit Ihrer Partnerschaft planen, konkret in bestehende Entwicklungs- und Validierungsprozesse der Automobilindustrie integrieren?
Lukas Lutz: Die Integration beginnt bei der Datenbasis – sie ist die Grundlage jedes erfolgreichen KI-Modells. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Daten oft nicht in ausreichender Qualität oder Vollständigkeit vorliegen, insbesondere über Fachbereichsgrenzen hinweg. Genau hier setzt die Arbeit von Sphere an: Mit der HALO Data Management Plattform von Sphere schaffen wir die Basis für ein effizientes, durchgängiges Datenmanagement im Entwicklungsprozess. Darauf aufbauend ermöglichen die APEX-Simulationsmodelle – moderne Transformer-Modelle, ähnlich wie ChatGPT für Sprache – die Vorhersage von zeitbasierten Testdaten. Während heute Batterietests oft über mehrere Monate oder längere Zeit laufen, kann das Modell bereits nach rund einem Monat Testdauer die Langzeitperformance über die gesamte Lebensdauer mit hoher Genauigkeit prognostizieren. Das spart nicht nur Entwicklungszeit, sondern auch an Testkosten, und erlaubt es Herstellern, schon früh im Entwicklungsprozess zu entscheiden, welche Zelltechnologien sich im Fahrzeug bewähren werden.
Vincent Roes: Nach dieser Entwicklungsphase und der frühen Validierung der Batterien gilt der reguläre Entwicklungszyklus. Wenn die Batterien in ihrem Entwicklungszyklus weiter fortgeschritten sind, kurz vor Produktion und Markteinführung stehen, müssen sie den internationalen Normen und Vorschriften entsprechen. Diese Normen erfordern physikalische Tests.
Welche Rolle spielt das neue Large Battery Test Center in Klettwitz innerhalb der Partnerschaft mit Sphere – und welche Testkapazitäten oder neuen Verfahren werden dort erstmals eingesetzt?
Vincent Roes: Das Battery Test Center in Klettwitz spielt eine zentrale Rolle bei der Erhebung qualitativ hochwertiger Testdaten – die entscheidende Basis für Simulation und KI. Mit Spheres Ansatz des Smart Testings können Daten effizient und gezielt erfasst werden, um sie anschließend für die Simulation und Modellbildung zu nutzen. In der Partnerschaft ergänzt Sphere den Prozess auf Zelltesting-Ebene gepaart mit modernster KI und Datenkompetenz, während Dekra Module und Packs testet und zertifiziert. So entsteht eine durchgängige Wertschöpfungskette von der Zelle bis zum Gesamtsystem, immer mit dem Ziel, unseren Kunden bestmögliche Datenqualität zu liefern – inklusive Unterstützung beim Datenmanagement und der Integration in digitale Entwicklungsprozesse.
In die Zusammenarbeit mit Sphere werden in Zukunft auch neue Hybrid-Dienstleistungen für Module und Pack Testing und Validierung entwickelt. Das ermöglicht den beiden Unternehmen eine nahtlose Ende-zu-Ende-Validierung anzubieten, um Kunden über den gesamten Entwicklungszyklus hinweg zu unterstützen.
In welchem Umfang wird Dekra künftig eigene Datenmodelle oder KI-Algorithmen nutzen bzw. weiterentwickeln, und wie werden diese in die Systeme von Sphere eingebunden?
Vincent Roes: Sphere bringt die KI- und Modellkompetenz ein, Dekra die umfassende Test- und Anwendungserfahrung. Gemeinsam werden Modelle für konkrete Use Cases weiterentwickelt, etwa für Accelerated Testing durch Simulation, bei dem reale Tests gezielt durch Vorhersagemodelle ergänzt werden. Diese Kombination aus realer Testkompetenz und KI-gestützter Simulation ermöglicht völlig neue, datengetriebene Serviceangebote entlang des gesamten Batterie-Lebenszyklus.
Welche Vorteile ergeben sich für Fahrzeughersteller oder Batterieproduzenten hinsichtlich Entwicklungszeit, Kosten und Nachhaltigkeit im Vergleich zu bisherigen Validierungsmethoden?
Lukas Lutz: Der größte Vorteil liegt in der deutlich verkürzten Entwicklungszeit und der Möglichkeit, neue Zelltechnologien schneller in bestehende Produktentwicklungsprozesse zu integrieren. Der Markt bringt heute im Schnitt alle sechs Monate neue Zellgenerationen hervor. Wer hier schnell reagieren kann, sichert sich Wettbewerbsvorteile. Darüber hinaus lassen sich durch den gezielten Einsatz von Simulation Testaufwände und damit Kosten reduzieren. Dabei bleibt das reale Testing essenziell.
Wie geht Dekra mit Datenschutz und Datensouveränität um, wenn im Rahmen der KI-gestützten Simulationen Kundendaten oder Betriebsdaten von Batteriesystemen verarbeitet werden?
Vincent Roes: Datensicherheit und Souveränität haben höchste Priorität. Jeder Kunde erhält eigene, voneinander getrennte Datenbanken und Simulationsmodelle, die nur für den jeweiligen Anwendungsfall genutzt werden. Die Basis-Modelle werden nicht mit Kundendaten vermischt.
Lukas Lutz: Zudem arbeitet Sphere direkt in den IT-Systemen der Kunden, um die Plattform für Datenmanagement und KI-Simulation innerhalb der bestehenden Infrastruktur aufzubauen. So bleibt die volle Kontrolle über die Daten jederzeit beim Kunden. Das ist ein zentrales Prinzip unseres Ansatzes.
Welche nächsten Schritte sind nach der Beteiligung an Sphere geplant – etwa der Ausbau weiterer Partnerschaften, neue Teststandorte oder ein Angebot von hybriden Dienstleistungen für andere Energiespeicheranwendungen?
Vincent Roes: Nach der Beteiligung steht der Ausbau der Partnerschaft im Fokus – insbesondere durch neue, hybride Serviceangebote, die Testing und Simulation intelligent miteinander verbinden. Parallel prüfen wir die Erweiterung von Testkapazitäten und die Übertragung des Ansatzes auf andere Energiespeicheranwendungen, etwa stationäre Systeme oder Anwendungen im Aerospace- und Industriebereich. Die Zusammenarbeit sieht in der Zukunft auch neue Hybrid-Dienstleistungen für Module, Pack Testing und Validierung vor. Das Ziel der Partnerschaft ist es, einen neuen Standardansatz für Tests und KI-basierte Simulationen zu etablieren und Europas führende Organisation für Batterietests und -Validierung zu werden.