Die Bereitschaft zur Digitalisierung ist in den meisten Kooperationen und deren Partner-Netzwerken prinzipiell vorhanden. Phillip Becker, Leiter Franchise bei Vergölst, betont, dass Digitalisierung bei den Betrieben längst nicht mehr als reines IT-Thema wahrgenommen werde, sondern als entscheidender wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Unterschiedliche Reifegrade im Netzwerk – abhängig von Betriebsgröße, Nachfolgesituation oder bisherigem Investitionsverhalten – seien gleichwohl Realität. Die Vergölst-Systemzentrale sieht Becker klar in der Pflicht, Struktur zu geben und Prioritäten zu setzen.
Michael Bausch, Leiter des GRS-Systems Premio Reifen + Autoservice, schildert eine verbreitete Dynamik: Grundsätzlich seien Erkenntnis und Bereitschaft da, Betriebsabläufe zu modernisieren und kundenorientiert anzupassen. Die Änderung von Gewohnheiten falle Menschen per se aber schwer. “Da viele Premio-Partner in den letzten Jahren ein Alter erreicht haben, in dem die Nachfolge ein Thema wird, überlassen sie den Einsatz neuer Tools und die Umstellung auf digitale Prozesse häufig der nächsten Unternehmergeneration”, so Bausch. Jan Knoll und Mitja Bartsch von Motoo lenken den Fokus auf das Mindset: Entscheidend sei, wie Digitalisierung verstanden und umgesetzt werde – nicht als Einführung einzelner Tools, sondern als durchgängiges, vernetztes Arbeiten entlang aller Prozesse in der Werkstatt.
Engpass Alltag: Zeit, Personal, Investitionssicherheit
Die eigentlichen Hürden liegen selten in der Grundsatzfrage. Jan Knoll von Motoo benennt den zentralen Engpass: Zeit und personelle Ressourcen. Dazu komme das Problem der Investitionssicherheit. Die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis lässt sich im Voraus kaum belastbar beziffern, was viele Betriebe zögern lässt. Vergölst-Franchise-Leiter Phillip Becker berichtet: “Viele Partner beschäftigten sich intensiv mit Fragen zum Return on Investment, zu laufenden Kosten und zu monatlichen Lizenzmodellen. Hinzu komme, dass das Tagesgeschäft und knappe Personalressourcen so viel Energie bänden, dass für umfassende Transformationsprojekte kaum Raum bleibt”. Premio-Leiter Michael Bausch bestätigt das Bild: Personelle Kapazitäten seien in vielen Betrieben in den letzten Jahren knapper geworden, es fehle schlicht an Zeit, Prozesse in Ruhe zu überdenken.
Ein strukturelles Problem kommt hinzu: Zu viele Insellösungen, fehlende Schnittstellen und die daraus resultierende Doppelpflege von Daten bremsen die Entwicklung. Auch die digitale Kompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist unterschiedlich ausgeprägt – und die Veränderung von Arbeitsweisen erweist sich oft als anspruchsvoller als die Technik selbst. Nicht zuletzt spielt das Thema Datensicherheit eine Rolle: Die Angst vor Fehlern oder Cyberangriffen hemmt in vielen Betrieben die Entscheidungsbereitschaft.
Plattform statt Insellösung: Die digitale Infrastruktur
Die Systemgeber setzen auf integrierte Plattform-Ansätze als digitales Rückgrat ihrer Netzwerke. Bei Premio und den Goodyear Retail Systems bildet das Warenwirtschaftssystem TireSoft 3 das Herzstück aller digitalisierten Prozesse. Zu den bereitgestellten Tools zählen ein digitaler Servicecheck mit Zugang zu OE-Plattformen, die digitale Arbeitskarte und Zeiterfassung, die digitale Rädereinlagerung und Depotlagerverwaltung sowie Apps für mobilen Wareneingang und Inventur.
„Digitalisierung ist für uns kein reines IT-Thema mehr, sondern ein entscheidender wirtschaftlicher Erfolgsfaktor." – Phillip Becker, Leiter Franchise bei Vergölst |
Ähnlich ganzheitlich ist der Ansatz bei Vergölst: Ein integriertes ERP-System bündelt Warenwirtschaft, Werkstattsteuerung, Abrechnung, Reporting und Kundenkommunikation auf einer zentralen Plattform. Der Supportanspruch der Systemzentrale geht dabei laut Phillip Becker bewusst über die reine Tool-Überlassung hinaus. “Integriertes System statt Insellösungen”, heißt das Motto auch bei Motoo – eine zentrale Plattform also, die über Schnittstellen und harmonisierte digitale Prozesse stetig erweitert wird.
KI: Rückendeckung für den Menschen im Mittelpunkt
Künstliche Intelligenz läuft derzeit wie eine Welle durch die gesamte Kfz-Branche. Stillhalten ist keine Option – gefragt ist das aktive Verstehen der Technologie und ihrer Implikationen, nicht nur in puncto Effizienz, sondern auch auf psychologischer Ebene: Was bedeutet KI für mein Berufsfeld, meine Lernfähigkeit, meine Rolle im Betrieb?
Bei den Goodyear Retail Systems wird bei jedem Digitalisierungsprojekt systematisch geprüft, wo KI konkret helfen kann, lästige oder zeitaufwendige Aufgaben zu vereinfachen. Das erklärte Ziel: Mehr Zeit für das Wesentliche – den persönlichen Kundenkontakt. Den Austausch von Mensch zu Mensch, so die klare Haltung, könne keine KI ersetzen. Vergölst sieht KI als Entlastungsinstrument in der Fehlerdiagnose durch intelligente Diagnosehinweise und Predictive Maintenance, in der Optimierung von Terminsteuerung und Teileverfügbarkeit sowie bei kaufmännischen Abläufen wie Angebotskalkulation und Preislogiken. „KI entfaltet ihren Nutzen nur dort, wo bereits saubere digitale Prozesse und Datenstrukturen vorhanden sind", fokussiert Jan Knoll, geschäftsführender Vorstand der Motoo eG, einen Basisfaktor. Ein konkretes Anwendungsbeispiel liefert die Mint Software GmbH: Das Unternehmen hat aus der Werkstatterfahrungswelt heraus einen KI-basierten Dokumentenassistenten entwickelt, der nach dem Prinzip eines digitalen Vier-Augen-Systems stille Umsatzverluste in Kalkulationen aufdeckt. Vergessene Arbeitswerte, unvollständige Positionen, übersehene Nebenkosten – kleine Fehler, die sich täglich zu spürbaren Einbußen summieren. „Werkstätten verlieren täglich Umsatz – ohne es zu bemerken. KI kann helfen, genau das zu verhindern", ist sich Mint-Sales-Manager Fabian Zahn sicher.
Einig sind sich alle befragten Systemgeber beim Thema Telefonbots: Skeptisch, wenn nicht ablehnend. Das Persönliche bleibt ein entscheidender Vertrauens- und Kundenbindungsfaktor – und der lässt sich nicht automatisieren. “Auch bei Reifen1+ ist das Interesse insgesamt überschaubar. CX-Bots für die telefonische Annahme bis hin zur Terminvergabe wurden vom Kompetenzteam abgelehnt”, so Andreas Burk, Verkaufsleiter beim Pneuhage-System Reifen1+.
Cybersicherheit: Ein blinder Fleck
Abschließend offenbart die Befragung von Automotive Insights eine strukturelle Lücke: Beim Thema Cybersicherheit bleiben die Betriebe weitgehend auf sich gestellt. Weiterentwickelnde Sicherheitsstrukturen und zentral gesteuerter Support sind in den Netzwerken kaum ausgeprägt – obwohl alle Akteure auf Plattformdenken und zentrale Steuerung digitaler Prozesse setzen. Dieser Widerspruch birgt Risiken. Wenn die digitale Vernetzung wächst, der Schutz vor Bedrohungen aber nicht parallel skaliert wird, entsteht eine gefährliche Lücke. Hier besteht deutlicher Nachholbedarf – und ein klarer Handlungsauftrag an die Systemzentralen.