Es ist die bekannte Argumentationskette, die das Schaeffler-Management für die Stellenstreichungen und Umstrukturierungen anführt: Die harten Einschnitte seien eine Reaktion auf ein “herausforderndes Marktumfeld, auf die zunehmende globale Wettbewerbsintensität sowie auf die fortschreitende Transformation vor allem in der Autozuliefererindustrie”. Das Maßnahmenpaket zielt unter anderem auf die Ergebnisverbesserung der Sparte Bearings & Industrial Solutions. Die Konzern-Führung adressiert zudem die angekündigte Realisierung von Synergien aus dem Zusammenschluss mit der Vitesco Technologies Group AG, die zum größten Teil über Umsatz- und Einkaufssynergien, aber zu einem Teil auch durch Personalabbau erzielt werde. Der dritte Argumentationsstrang benennt “das rückläufige Volumen in der Verbrennungstechnologie sowie die aktuelle Abschwächung neuer Programme bei E-Antrieben in Europa.”
Von den Abbaumaßnahmen sind in Deutschland zehn Standorte betroffen. Daneben sind fünf weitere Standorte in Europa betroffen, von denen zwei geschlossen werden sollen. Welche dies sein werden, will das Management bis Ende des Jahres bekannt geben. In einer Unternehmensmitteilung heißt es: “Die Maßnahmen sehen einen Bruttoabbau von rund 4.700 Stellen vor, von denen zirka 2.800 auf Deutschland entfallen. Verlagerungen reduzieren den Nettoabbau auf rund 3.700 Stellen. Dies entspricht in etwa 3,1 Prozent der gesamten Mitarbeiterzahl nach dem Zusammenschluss, die sich seit Oktober 2024 um rund 35.000 auf rund 120.000 Beschäftigte erhöht hat.” Die Maßnahmen sollen ab 2029 zu einem jährlichen Einsparpotenzial von rund 290 Millionen Euro führen. “Davon entfallen rund 75 Millionen Euro auf Kostensynergien aus dem Zusammenschluss mit Vitesco, die in dem bei Ankündigung der Transaktion genannten Zielwert von 600 Millionen Euro p.a. enthalten sind. Die Umsetzung der heute angekündigten Maßnahmen erfordert einen Einmalaufwand in Höhe von rund 580 Millionen Euro, der sich maßgeblich aus Rückstellungen und Verlagerungskosten zusammensetzt”, übermittelt die Schaeffler-Spitze.
„Mit den heute angekündigten Maßnahmen packen wir drei Dinge an: Wir bringen unser Lager- und Industriegeschäft zurück auf Kurs. Zweitens realisieren wir Kostensynergien aus dem Zusammenschluss mit Vitesco Technologies. Und drittens setzen wir die Transformation der Sparten Powertrain & Chassis und E-Mobility weiter fort. Das Programm ist in der aktuellen Umfeldlage notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schaeffler Gruppe langfristig zu sichern. Wir werden es sozialverträglich und mit Augenmaß umsetzen“, teilt Klaus Rosenfeld als Vorsitzender des Vorstands der Schaeffler AG mit. Die beispielsweise in der Sparte Bearings & Industrial Solutions als Antwort auf den anhaltenden Nachfragerückgang eingeleiteten Schritte sind laut Management nicht mehr ausreichend. Neben dem Abbau der Gleitzeitkonten, Kurzarbeit und der Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit in einigen Bereichen wurden unter anderem Maßnahmen zur Verkaufsförderung und zur Reduzierung externer Service- und Instandhaltungskosten initiiert. Nun aber werden Stellen gestrichen. Sascha Zaps, Vorstand Bearings & Industrial Solutions, begründet: „Gerade in Europa ist die Nachfrage in vielen Sektoren andauernd schwach und führt zu Überkapazitäten an deutschen und europäischen Standorten. Aus diesem Grund sind strukturelle Anpassungen notwendig, um unsere Kostenbasis zu optimieren, Aktivitäten zusammenzufassen und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens nachhaltig zu verbessern. Neben den Kapazitätsanpassungen bedingt dies weitere Lokalisierungen, die wir in enger Abstimmung mit den Arbeitnehmern beraten werden.“ Besonders die Standorte Schweinfurt und Homburg werden von Konsolidierungsaktivitäten, Kapazitätsanpassungen und Verlagerungen betroffen sein. Und auch in Zentralbereichen in der Administration werden Stellen abgebaut.
Das Stammwerk der Sparte Bearings & Industrial Solutions am Standort Schweinfurt soll die Produktion und Mitarbeitenden des ehemaligen Ewellix-Werks im Schweinfurter Hafen aufnehmen. Im Zuge der Integration von Ewellix in die Schaeffler Gruppe wird laut Unternehmensangaben außerhalb Europas der ehemalige Ewellix-Standort Taoyuan geschlossen. Im Jahr 2022 übernahm Schaeffler die Melior Motion GmbH, die vor allem Planetengetriebe für Industrieroboter herstellt. Diese Aktivität wird aufgegeben und ein Verkauf des Werks in Hameln angestrebt. Auch der Unternehmensstandort in Steinhagen, an dem hauptsächlich Gelenklager für unterschiedliche industrielle Anwendungen gefertigt werden, steht vor einer ungewissen Zukunft. Diesbezüglich kündigt die Konzern-Spitze die Ausarbeitung eines Zukunftskonzepts mit den Arbeitnehmervertretern an.
Anpassungen zur Senkung der Kostenbasis, wie es im Management-Jargon heißt, kommen auch auf die Standorte Herzogenaurach, Schwalbach und Regensburg der Sparte Powertrain & Chassis zu. Zur Sparte E-Mobility teilt das Unternehmen mit. “Im Zuge des konsequent eingeschlagenen Weges der Sparte E-Mobility und des Portfoliomanagements bei der vormaligen Vitesco werden nun weitere bereits vor dem Zusammenschluss avisierte Maßnahmen konkret in die Planung gebracht. Zudem wurde in früheren Phasen von einem stärkeren Wachstum insbesondere bei europäischen OEMs ausgegangen, welches aktuell ausbleibt. Zusätzlich führt der erhöhte Wettbewerb zu einem weiter zunehmenden Preis- und Kostendruck und einer stärkeren Lokalisierung der Entwicklungsleistungen, insbesondere in China. Hiervon betroffen sind insbesondere die Standorte Regensburg, Nürnberg und Berlin.” Regensburg wird zukünftig Sitz des Unternehmensbereichs Powertrain Solutions der Sparte Powertrain & Chassis von Schaeffler. Sitz der neuen Sparte E-Mobility von Schaeffler wird Herzogenaurach, das zugleich wie angekündigt Sitz der Konzernzentrale bleibt.
Schaeffler kommuniziert seine Kürzungspläne unter Verweis auf die “sozialverträgliche Umsetzung im Rahmen der Zukunftsvereinbarung”. Für die Umsetzung der Maßnahmen gelte in Deutschland weiter wie bisher die 2018 mit der IG Metall abgeschlossene Zukunftsvereinbarung. Der Abbau von Stellen solle im Wesentlichen über Fluktuation, Freiwilligenprogramme sowie Aufhebungs- und Altersteilzeitverträge erreicht werden. „Die genannten Maßnahmen sind in der aktuellen Markt- und Wettbewerbslage ohne Alternative. Unser Bekenntnis zum Standort Deutschland steht. Wir werden im Interesse unserer Kunden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch in Deutschland und Europa weiterhin in Zukunftsfelder und -technologien investieren“, so Klaus Rosenfeld.