Über 20 AZuR-Partner suchten am Pyrum-Standort Dillingen den Austausch über die Aktivitäten des laufenden Jahres und die ersten Maßnahmen für das kommende Jahr aus. Einen wissenschaftlichen Schwerpunkt setzte Dr.-Ing. Sebastian Bogdahn mit der Vorstellung seiner Dissertation „Herstellung und ökologische Bewertung hochwertiger Karbonisate aus der Altreifen-Thermolyse“. Bogdahns Arbeit verbindet Prozessmodellierung, experimentelle Untersuchungen und Ökobilanzierung mit einem Schwerpunkt auf recovered Carbon Black (rCB), das durch die Thermolyse und anschließende Aufbereitung aus Altreifen zurückgewonnen werden kann.
Wie die chemische Verwertung in eine industrielle Reifen-Kreislaufwirtschaft eingebunden werden kann, zeigt auch die im Juli 2026 gestartete europäische Tyre-to-Tyre-Initiative von Pirelli, Pyrum, Synthos und BASF. Dabei verarbeitet Pyrum Alt- und Ausschussreifen mittels Thermolyse zu recovered Carbon Black (rCB) und Reifen-Thermolyseöl (TPO). Das aufbereitete rCB wird in die Reifenproduktion von Pirelli zurückgeführt und ersetzt dort teilweise neuen fossilen Industrieruß (Carbon Black). Das TPO geht an BASF und wird dort zusammen mit fossilen Rohstoffen zur Herstellung chemischer Produkte wie Butadien und Styrol eingesetzt. Über Synthos entstehen daraus ISCC PLUS-zertifizierte synthetische Kautschuke, die Pirelli wiederum in der Reifenproduktion einsetzt.
Die Projektgruppe Chemisches Recycling hatte die Gelegenheit, sich einen Eindruck von den Pyrum-Anlagen zu verschaffen. Vom Ausgangsmaterial Altreifen bis zu den erzeugten Produktströmen sollte sichtbar gemacht werden, was chemische Verwertung in der industriellen Praxis bedeutet. Gerade diese Einblicke sind aus Sicht von Netzwerk-Koordinatorin Anna-Maria Guth „ein wesentlicher Vorteil der AZuR-Präsenztreffen: Sie finden regelmäßig bei Netzwerkpartnern statt und verbinden den fachlichen Austausch mit konkreten Einblicken in Technologien und Produktionsprozesse.“ Im vergangenen Jahr kam die Projektgruppe Chemisches Recycling bei ReOil zusammen, in diesem Jahr bei Pyrum im Saarland. Für die Projektgruppe richtet sich der Blick laut den Verantwortlichen nun bereits auf 2027. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche technischen, regulatorischen und kommunikativen Voraussetzungen notwendig sind, damit chemische Verwertungsverfahren ihren Platz innerhalb einer ganzheitlichen Reifen-Kreislaufwirtschaft weiter ausbauen können. Zu den vereinbarten Arbeitsschwerpunkten gehören die Weiterentwicklung eines „A-Z der Thermolyse“ mit einheitlichen Begriffen und verständlichen Erläuterungen, die Einordnung von Thermolyse im europäischen regulatorischen Kontext sowie Informationsangebote für den öffentlichen Sektor.