Herr Hürter, wie wirken steigende Versicherungsprämien in der täglichen Arbeit Ihrer Mitgliedsbetriebe?
Arndt Hürter: In erster Linie treffen steigende Versicherungsprämien die Versicherungsnehmer und nicht die Betriebe. Seitens der Verbraucher spürt man aber eher die Bereitschaft, dass kleine Kasko-Schäden selbst getragen werden, um steigende Beiträge und Hochstufungen zu vermeiden. Dies führt insbesondere bei älteren Fahrzeugen auch dazu, dass smarte Reparaturmethoden mehr nachgefragt werden, um die Kosten niedriger zu halten.
Ihren Ausführungen zufolge konnten bereits hohe Prämienerhöhungen nur durch Umsatzversprechen in Verbindung mit Preiszugeständnissen begrenzt werden. Um dies fortzuführen, müsste zunächst das Problem der steigenden Kosten gelöst werden. Wie könnte eine solche Lösung aus Sicht des ZKF aussehen?
Arndt Hürter: Das bisher gelebte System, Prämienerhöhungen durch Umsatzversprechen in Verbindung mit Preiszugeständnissen zu vermeiden, kommt immer mehr an seine Grenzen. Die Betriebe haben insgesamt eine hohe Auslastung und leiden oft unter Personalmangel. Vor diesem Hintergrund und bei einer allgemein gestiegenen Kostensituation der Betriebe besteht für diese wenig bis gar kein Spielraum, den Versicherern oder Schadensteurern günstige Stundenverrechnungssätze gegen Umsatzversprechen einzuräumen. Deshalb bemerken wir, dass immer mehr Werkstätten aus Ihren gesteuerten Verträgen aussteigen oder zumindest das Volumen verringern. Die Betriebe haben zudem gelernt, dass Umsatz nicht gleich Gewinn ist, und dass man bei nicht-kostendeckenden Stundensätzen mit mehr Umsatz durchaus auch Verlust generieren kann.
Bemerkenswert ist jedoch, und das zeigt die Studie des Gesamtverbands der Versicherer (GDV), dass die Originalersatzteilpreise insbesondere für sichtbare unfallschadenrelevante Bauteile seitens der Fahrzeughersteller (OEM) in den letzten Jahren überproportional im Vergleich zur allgemeinen Inflationsrate gestiegen sind. Diese Teile unterliegen noch dem Designschutz und bieten dem Fahrzeughersteller damit quasi eine Monopolstellung. Durch die Verwendung von Herstellerlogos und Modellnamen in dem Design von einzelnen Bauteilen untergraben viele Hersteller zudem den Designschutz mit dem Markenschutz und sichern sich hierdurch ihre Monopolstellung für bestimmte Ersatzteile. Über die vor über 25 Jahren als Einkaufsorganisation gegründete Eurogarant AutoService AG können wir unsere Mitgliedsbetriebe trotzdem mit günstigen OE-Ersatzteilen, Werkstattausrüstung und anderen Services versorgen. Auch über diese von vielen Seiten beneideten Möglichkeit in unsere Branche können wir die Betriebe in ihrer täglichen Arbeit unterstützen.
Sie kritisieren auch, dass durch den Design- und Markenschutz der Autohersteller “das Handwerk mit der Industrie im Wettbewerb steht”. Wie ließe sich dieser Konflikt entschärfen?
Arndt Hürter: Ein solcher Wettbewerb besteht nur indirekt. Es geht hier vielmehr um die gerade genannten OEM-Ersatzteilpreise, die insgesamt die Schadenkosten der Versicherer ansteigen lässt, wodurch der Versicherer dazu animiert wird, am Verrechnungsstundensatz in seinem Freien Werkstattnetz zu sparen. Aber wie dargelegt, sind hier keine weiteren Einsparungen aufgrund der allgemeinen Kostensituation mehr möglich.
Bereits auf dem ZKF-Branchenkongress hatten Sie, Herr Aukamm, eine “kooperative und faire Zusammenarbeit” angemahnt. Was erwarten Sie konkret von Ihren Geschäftspartnern?
Thomas Aukamm: Eine kooperative sowie faire Zusammenarbeit zwischen Versicherern, Schadensteuerern und der Werkstatt muss zukünftig auf einem stärkeren beiderseitigen Vertrauen aufbauen. Nicht nachvollziehbare Rechnungskürzungen, fehlende Reparaturfreigaben und ausstehende Zahlungen zermürben die Werkstätten und verursachen gesteigerte administrative Prozesse, die keine Wertschöpfung bringen, sondern nur weitere Kosten und Aufwand verursachen.
Zudem hat dies zur Folge, dass die Werkstätten um sich abzusichern, immer häufiger mit dem Geschädigten den Weg über die sichere Kombination aus unabhängigen Sachverständigen und Rechtsanwalt wählen. Nur so lassen sich auch unserer Meinung nach aktuell unberechtigte Rechnungskürzungen und Regressforderungen seitens der Versicherer wirksam vermeiden. Dass dies Zusatzkosten verursacht, muss allen Beteiligten klar sein, ist aber für die Werkstätten oft der sicherste Weg, um die geleistete Arbeite auch erstattet zu bekommen. Bei einem wirklichen kooperativen und fairen Zusammenarbeiten wären solche Schritte nicht notwendig, verlangen aber von der Werkstatt eine vertrauensvolle Arbeit mit einer nachvollziehbaren Dokumentation der Reparatur und vom Versicherer unproblematische Freigabeprozesse sowie eine umgehende Regulierung des Schadens ohne Rechnungskürzungen und nachgelagerte Regressforderungen. Wenn man dieses Ziel erreichen könnte, wäre es für alle Seiten ein Gewinn und würde insgesamt für alle Beteiligten niedrigere Kosten verursachen.
Im Wettbewerb mit Hersteller- und Marken-Betrieben sind die “Freien”, die Sie vertreten, stark gefordert. Was ist dabei die Hauptproblematik und wie können sich Ihre Mitglieder behaupten?
Thomas Aukamm: Unsere Mitgliederstruktur weist auch den einen oder anderen Markenbetrieb auf, die Mehrzahl unserer Mitglieder sind aber Freie Werkstätten, die alle Herstellermarken reparieren können. Hersteller- und Markenbetriebe haben aus mehreren Gründen in den meisten Fällen eine höhere Kostenstruktur, die sich konsequenterweise auch im Stundensatz niederschlägt. Marktführende Kfz-Versicherungen kritisieren deshalb Kosten von über 400 Euro pro Stunde, die im Falle eines Haftpflichtschadens zu zahlen sind. Unsere Freien Betriebe können hier günstiger arbeiten und liegen selbst beim ausgehängten Bruttostundensatz deutlich unter solchen Werten. Zudem ist die Kompetenz unserer Betriebe markenübergreifend sehr hoch, was insbesondere bei den zertifizierten Eurogarant-Fachbetrieben der Fall ist und quasi als „Goldstandard“ in der K+L-Reparatur gesehen werden kann. Alle diese Betriebe sind zudem auch E-Mobilitäts-Fachbetriebe und können mit neuen Antriebsformen qualifiziert umgehen.
Die Herausforderung für diese Freien Betriebe ist der geregelte Zugang zu Herstellerdaten und Reparaturinformationen. Viele Ersatzteile und Systeme müssen auf den Herstellerplattformen für das jeweilige Fahrzeug registriert oder kalibriert werden. Europarechtlich muss dieser Zugang genauso wie alle Ersatzteile verfügbar sein. Dies verlangt von den Betrieben Investitionen in moderne Diagnose- und Kalibrierungstools sowie die entsprechende Qualifikation des Personals. Viele Hersteller bauen jedoch Hürden auf und gerade neu auf dem Markt eintretende Marken – beispielsweise asiatische Hersteller – verfügen nur teilweise ober über gar keine Reparaturdaten sowie eine mangelhafte Teileversorgung. Damit sich dies verändert, sind wir als ZKF über unseren internationalen Verband AIRC in Brüssel mit der AFCAR vertreten. Dort betreiben wir in den Gremien der EU-Kommission Aufklärung, weisen auf Missstände hin, die behoben werden müssen und erwirken Gesetzesanpassungen.
Abgesehen von steigenden Kosten für Ersatzteile sowie für Löhne und Energie – was sind aktuell die größten Herausforderungen für Ihre Mitgliedsbetriebe? Und wie versucht der ZKF unterstützend zu wirken?
Arndt Hürter: Neben der extrem gestiegenen Kostenstruktur ist der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ein klares Problem. Demographisch bedingt gibt es zum einen zu wenige Auszubildende und zum anderen aber auch zu wenig ausbildende Betriebe. Dies gilt sowohl für den Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker wie auch für den Fahrzeuglackierer. Hinzu kommt noch, dass zu wenige Meisterschüler ihren Abschluss machen. Aktuell sind es deutschlandweit nur 133 pro Jahr, die in unserem Vollhandwerk ihren Meister machen. Viele dieser Absolventen haben zudem direkt nach der Gesellenprüfung die Meisterschule ohne weitere Berufserfahrung begonnen. Da eine Meisterprüfung für die Existenz einer K+L-Werkstatt unerlässlich ist, droht die Zahl an potenziell qualifizierten Personen geringer zu werden. Für die Übernahme von Betrieben ist dieser Abschluss daher essenziell. Allerdings sind auch immer weniger junge Menschen dazu bereit, die Verantwortung der Selbständigkeit und des Führens eines Betriebs zu übernehmen. Hier muss sich dringend etwas ändern, damit Nachfolgen und Betriebsübergaben nicht mangels Fachpersonal scheitern und die aktuell knappe Ressource K+L-Werkstatt erhalten bleibt. Wir arbeiten daran, unseren Beruf mit zwischenzeitlich drei Fachbereichen am Markt positiv zu bewerben und die Betriebe mit unterschiedlichen Lösungen sowie einer eigenen Kampagne zu unterstützen. Zudem sorgen wir mit zahlreichen Weiterbildungsprogrammen, aktuellen Ausbildungsverordnungen und Meisterprüfungsverordnungen dafür, dass unser Beruf den Anforderungen der sich ständig weiterentwickelnden Technik und des Marktes entspricht.