Vermarktung gebrauchter Kfz-Ersatzteile

Knackpunkte Verfügbarkeit und Akzeptanz

Gebrauchter KotflügelDer Austausch des Kotflügels im Karosseriebau – die Versicherer wollen den Markt für gebrauchte, nicht-sicherheitsrelevante Ersatzteile stärken.   Foto: Industrieblick – stock.adobe.com

Der Handel mit gebrauchten Ersatzteilen war bislang hierzulande ein kaum bespieltes Feld im Aftermarket. Verfügbarkeit, Marktpotenzial, die Dominanz der großen Automobilkonzerne und Teilehersteller – die Interessenlagen waren zu vielfältig und teils undurchsichtig zur Evaluierung und Entwicklung des Chancenpotenzials. Dabei konnten aus den Erfahrungen anderer Länder bereits Folgerungen für die Entwicklung eines Gebrauchtteile-Marktes in Deutschland abgeleitet werden. Anderswo hat der Handel mit gebrauchten Autoteilen bereits eine relevante Größe erreicht. In Schweden wird der Einbau bei Unfallreparaturen bereits seit 25 Jahren umfassend praktiziert, ebenso in den USA. Gesetzliche Vorgaben hierzu wurden in den vergangenen Jahren auch in Frankreich, den Niederlanden und England auf den Weg gebracht. Mit der Allianz Versicherungs-AG als Initiator wird das Thema seit 2024 auch hierzulande verstärkt auf eine größere Bühne gehievt. 

Der Versicherer will im Eigeninteresse und unter Verweis auf Kostenexplosionen im Ersatzteilgeschäft den Markt mit Gebrauchtteilen stärken und fordert deshalb gesetzliche Rahmenbedingungen für Deutschland. Ökologische Effekte schleift die Allianz natürlich auch in die Argumentationskette ein. „Die Verwendung von gebrauchten Ersatzteilen ist nicht nur aus Kostengesichtspunkten, sondern vor allem auch aus Nachhaltigkeitsgründen sinnvoll“, meldete sich im Oktober 2024 Frank Sommerfeld, Vorstandsvorsitzender der Allianz Versicherungs-AG zu Wort. Hochgerechnet auf alle Reparaturen könnten bei entsprechender Verfügbarkeit 420.000 Tonnen CO2 im Jahr in Deutschland eingespart werden. Doch eben diese Verfügbarkeit ist noch einer der Schlüsselfaktoren in der Vermarktung von gebrauchten Autoteilen. 

In der Vermittlung unterstützen Online-Player wie die Alzura AG, die jüngst die Übernahme der Berliner CMS CarMobileSystems GmbH und deren Plattformen autoteile-markt.de und gebrauchte-autoersatzteile.de vermeldete. „Die Integration der CMS CarMobileSystems GmbH und ihrer Plattformen ist ein wichtiger Schritt in unserer Unternehmensstrategie. Mit der Stärkung und Erweiterung unseres Marktplatzportfolios um den Bereich ‘gebrauchte Autoteile’ tragen wir der wachsenden Nachfrage nach kostengünstigen und nachhaltigen Reparaturlösungen Rechnung und sichern uns gleichzeitig neue Marktpotenziale“, erklärte Alzura-Boss Michael Saitow. Und auch die Claim Parts GmbH versucht, die Versorgung mit gebrauchten Teilen auf ein besseres Level zu heben. Aktuell gibt es hierzulande noch keinen breiten Markt für gebrauchte Ersatzteile von jüngeren Fahrzeugen zwischen drei und acht Jahren. Dadurch, dass sich Branchenakteure wie die Alzura nun aber verstärkt in diesem Geschäftsfeld engagieren, und neben der Allianz auch weitere Versicherer die alternative Vermarktung von Totalschäden mit Verwerternachweis prüfen, kommt Bewegung in den Markt. 

In Deutschland gilt es, in Fragen der Akzeptanz und der rechtlichen Rahmenbedingungen noch Grundlagen zu setzen. Wenn es in Deutschland eine ausreichende Verfügbarkeit von gebrauchten Ersatzteilen auch für jüngere Modellreihen gibt, will die Allianz einen Kfz-Tarif einführen, der die Verwendung von verfügbaren gebrauchten Teilen beinhaltet. Laut Allianz würden 89 Prozent der Verbraucher und Verbraucherinnen eine Reparatur ihres Fahrzeugs mit gebrauchten, aber vollständig intakten und zertifizierten Ersatz- anstelle von Neuteilen akzeptieren. Sicherheitsrelevante Komponenten wie Reifen und Räder, Lenkungen oder Achsteile sind in gebrauchter Form keine zu empfehlende Option, sehr wohl aber Türen sowie Front- und Heckklappen, Außenspiegel, Scheinwerfer oder Rückleuchten. Die Akzeptanz und das Potenzial für Kfz-Servicebetriebe ist noch aufzubauen. Von Seiten der Fahrzeughersteller, die mit Original-Ersatzteilen riesige Margen erzielen, ist erstmal wohl keine Initiativkraft zu erwarten. 

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Mit steigenden Ersatzteilpreisen werden auch Reparaturen teurer. Foto: Gorodenkoff – stock.adobe.com

Die größere Preissensibilität im deutschen Markt haben wir anhand der Entwicklungen im Reifenersatzmarkt mit mehreren Artikeln nachgezeichnet. Auch im Ersatzteilbereich schlägt dieser Trend verstärkt durch – zumal die Ersatzteilpreise der Fahrzeughersteller für Neuteile in den letzten Jahren kräftig angezogen haben. Das Begründungsspektrum der Hersteller war nicht komplett entkräftet aufzudröseln. Für die Weiterentwicklung von Technologien brauchte es Investitionen in F&E-Ressourcen. Am Beispiel moderner Scheinwerfer lässt sich dies veranschaulichen, die technologischen Sprünge waren in den letzten zehn Jahren signifikant. Allianz-Boss Frank Sommerfeld warf aber auch die Frage auf, warum die Preisdynamik auch Bereiche der Karosserie in solchem Ausmaß erfasst hätte. Bei Blechteilen wie einer Tür oder einem Kotflügel seien Preiserhöhungen in der Größenordnung der letzten Jahre nicht begründbar. Auch der Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik e.V. (ZKF) hatte in Person von Präsident Arndt Hürter im Interview mit Automotive Insights mit Verweis auf eine Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft zur Preisentwicklung eine „Monopolstellung” der Fahrzeughersteller kritisiert. Zur Einordnung: Während der Verbraucherpreisindex seit 2014 um rund 28 Prozent zugenommen hat, erhöhten Autohersteller ihre Ersatzteilpreise durchschnittlich um fast 75 Prozent. Die höheren Reparaturkosten treiben wiederum die Verluste der Versicherer – auf über drei Milliarden Euro bezifferte der GDV den Fehlbetrag für 2023. Mit der Belebung des Marktes gebrauchter Ersatzteile will die Allianz dem Trend im Eigeninteresse entgegenwirken. 

Schlagkräftig sind auch ökologische Argumente. Die Allianz bietet eigenen Angaben zufolge aktuell mit rund 1.400 Partnerwerkstätten eine Reparatur mit gebrauchten Ersatzteilen an. Interessante Zahlen liefert der Versicherer zum Beschaffungspotenzial: Zehn Prozent der Totalschäden seien für den Gebrauchtteilemarkt geeignet. Da die Fahrzeuge unbeschädigte Ersatzteile liefern müssen, fallen die meisten rundum beschädigten Fahrzeuge als Spender weg. Konkret wird die Allianz mit einem Beispiel: “Durch das Unwetter ‘Radha’ Anfang Juni 2024 wurden viele Fahrzeuge durch Hochwasser zum Totalschaden, ohne dabei äußerlich beschädigt zu sein. Insgesamt konnte die Allianz dadurch 62 Kundenfahrzeuge mit rund 1.200 Teilen als Ersatzteilspender einsteuern und eine CO2-Einsparung von mehr als 35 Tonnen erzielen”, heißt es in einer Mitteilung zum Thema Gebrauchtteile. Zur Garantiefrage bei Reparaturen in den Allianz-Partnerwerkstätten wird erläutert: Der Recycler als Lieferant prüfe die Funktion des Gebrauchtteils und nehme es, wie beim Neuteil, im Falle einer berechtigten Reklamation zurück. „Unsere Kundinnen und Kunden erhalten ein Jahr Garantie auf das gebrauchte Ersatzteil – die gleiche Garantie wie bei einer Reparatur mit Neuteilen“, versichert Sommerfeld.

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Bei Komponenten wie Scheinwerfern wäre laut Befragung im Auftrag der Allianz AG eine grundsätzliche Akzeptanz bei Verbraucherinnen und Verbrauchern vorhanden. Foto: Industrieblick – sotck.adobe.com

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Wiederverwendung gebrauchter Kfz-Ersatzteile ist noch stark ausbaufähig. Die wirtschaftlichen und ökologischen Argumente dürften bei den Verbrauchern in den nächsten Jahren aber sicher mehr Wirkung entfalten. Mit zunehmendem Aufbau der Infrastruktur und einer größeren Verfügbarkeit – der Onlinehandel wird hier sicher eine zentrale Rolle einnehmen – dürfte sich auch das Interesse an nicht-sicherheitsrelevanten Ersatzteilen steigern lassen. ClaimParts konnte eigenen Angaben zufolge das Gebrauchtteileangebot auch durch den Anschluss weiterer Lieferanten um 40 Prozent von 3,2 auf 4,5 Millionen Teile erhöhen. Und auch auf der Seite der Gebrauchtteilegewinnung konnte laut Allianz die assoziierte Restwertbörse green.casion die Anzahl der angeschlossenen zertifizierten Recycler mehr als verdoppeln. Eine nachhaltige Verwertung von Unfallfahrzeugen kann das Teileangebot im Markt pushen. 

Es sind gleichzeitig aber auch die starken Vorbehalte gegenüber Gebrauchtteilen auf Serviceebene abzubauen. Diesbezüglich formuliert der ZKF Punkte mit Klärungsbedarf, um den Einsatz von Gebrauchtteilen in den Werkstätten befürworten zu können. Unklarheit herrsche unter anderem hinsichtlich des Handlings der Teile. Der Branchenverband verweist auf Unklarheiten bezüglich des Alters der Teile und entsprechende Garantieversprechen sowie zum Zustand und möglicherweise damit einhergehenden Schadensersatzansprüche. Dass sicherheitsrelevante Bauteile von der Wiederverwendung ausgeschlossen sein sollten, dürfte unter Branchenteilnehmern einhellige Meinung sein. Streitpotenzial verbirgt sich auch hinter den Punkten Marge und Kostenkalkulation. ZKF-Präsident Arndt Hürter warnte kürzlich vor drastischen Folgen – entgangene Margen der Werkstätten könnten zu massiven Kündigungen der Partnerverträge oder zu Betriebsschließungen führen. Die ZKF-Verantwortlichen haben die Versicherer und Schadenlenker aufgefordert, in einen offenen und zielgerichteten Dialog mit den Branchenverbänden einzutreten. Ein gegenseitiges Vertrauen und eine transparente Kommunikation sind tatsächlich notwendig, um den Markt für Gebrauchtteile überhaupt erst zur Entfaltung kommen zu lassen. 

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