Automobilzulieferer

Wachstums- und Transformationsauftrag für Conti-Management

Conti Nikolai Setzer Prof. Dr.-Ing. Wolfgang ReitzleDer Conti-Vorstandsvorsitzende Nikolai Setzer (l.) mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Reitzle.   Foto: Continental

Einen Großkonzern fit für die neuen Wirklichkeiten in der automotiven Wirtschaftswelt zu machen, darf als anspruchsvoll bezeichnet werden. Die Continental AG ist eine konstante Größe der Zulieferer-Industrie. Das Hannoveraner Unternehmen hatte in den vergangenen Jahrzehnten großen Herausforderungen zu begegnen. Die aktuelle Transformation der Automobilindustrie ist die aber wohl umfassendste Aufgabe, die Conti hat strategisch in ihrer Unternehmensgeschichte meistern müssen. Und die Management-Entscheidungen der letzten Jahre mit dem Ziel der Effizienz-Trimmung haben Spuren in der Belegschaft hinterlassen. Der Konzern wurde umstrukturiert, Bereiche abgespalten und ab 2025 soll eine jährliche Kostenentlastung von 400 Millionen Euro im Verwaltungsbereich realisiert werden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der bis 2025 schließenden Standorte Schwalbach und Wetzlar machten am Rande der Hauptversammlung ihrem Unmut Luft. 

„Wir sind in Bewegung und wir bewegen die Welt der Mobilität“, empfing der Vorstandsvorsitzende Nikolai Setzer die Aktionäre in Hannover. Setzer hob im Rahmen seiner Rede auf der Hauptversammlung die dynamische Rolle des Technologieunternehmens hervor. Dynamik ist ohne Zweifel vorhanden – positive, aber durchaus auch negative, wenn man die kritischen Stimmen von Teilen der Belegschaft und Aktionäre hören wollte. Die Versammlung wurde zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder in Präsenz in Hannover durchgeführt. Das Management ist aufgefordert, harte Maßnahmen vorzunehmen, um den Konzern adaptionsfähig und auch künftig agil auszurichten. Die Ausführungen anlässlich der Hauptversammlung machten das Ausmaß kommender Entscheidungen deutlich. 

Nikolai Setzer lenkte den Blick zunächst auf den Stand der Zusammenarbeit mit Aurora für das erste kommerziell skalierbare autonome Lkw-System. „Lange war es nur eine Idee, dann ein Plan – jetzt wird es Realität: autonom fahrende Lkw.“ Die beiden Partner haben bereits das Design definiert und die Architektur des Systems fertiggestellt. Die Serienproduktion ist für 2027 geplant. Conti steuert Komponenten wie Radar- und LiDAR-Systeme sowie Kameras bei. Zudem kommt das gesamte Rückfallsystem, dessen Software die Kontrolle übernimmt, wenn das autonome Fahrsystem einmal ausfallen sollte, von Continental. Der Vorstandsvorsitzende unterstrich, dass Continental und Aurora mit ihrem Projekt die Tür zu einem attraktiven Geschäftsmodell geöffnet hätten, da die Kunden des autonomen Lkw-Systems künftig nicht mehr wie bisher für einzelne Komponenten, sondern für jeden gefahrenen Kilometer zahlen würden. Das Feld des autonomen Fahrens ist also ganz klar ein Zukunftsbereich, in dem Conti als Impulsgeber mitspielen will. 

Die aktuelle Aufgabe spiegelt sich im jüngst präsentierten Zahlenwerk wider. Das Geschäftsjahr 2023 bilanziert der Konzern mit einem Umsatz von 41,4 Milliarden Euro. Großen Anteil an diesem Ergebnis hatte die Reifendivision, die sich erneut als stabil profitabel trotz schwacher Reifenersatzmärkte in Europa und Nordamerika erwies: der Reifenbereich erwirtschaftete einen Umsatz von 14,0 Milliarden Euro. Der Start ins Jahr 2024 jedoch war schwach. Nikolai Setzer sieht Continental dennoch auf einem guten Weg. Man habe sich neu aufgestellt, verfolge einen klaren Plan und setze die gesteckten Ziele mit einem klaren Fokus auf Wertschaffung um. „Aufbauen können wir dabei auf dem bereits Erreichten, denn wir sind robuster geworden“, so der Vorstandsvorsitzende. Setzer äußerte die Erwartung, dass die geopolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch weiterhin schwierig bleiben: Die Herausforderungen reichten vom Krieg in der Ukraine über weiter angespannte Lieferketten bis zu einem allenfalls geringen Wachstum der weltweiten Automobilproduktion. Jammern ist in Management-Ebenen aber natürlich verboten. Für Setzer gilt ein nicht verhandelbarer Wachstumsauftrag: „Wir bei Continental wollen weiter wachsen. Und zwar stärker als der Markt.“

Entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung ist laut Setzer das vorausschauend ausgerichtete Portfolio aus Produkten und Lösungen der drei Unternehmensbereiche. Bei Automotive stehen wachstumsstarke und wertschaffende Geschäftsfelder im Vordergrund, in denen die Continental AG ihre Systemkompetenz ausspielen will. Also, wie lassen sich Komponenten und intelligente Software bestmöglich vereinen? „Für uns geht es nicht um Hardware oder Software, sondern um Hardware plus Software. Und für dieses Zusammenspiel bietet kaum ein anderer Zulieferer ein breiteres Portfolio als wir“, betont Setzer. Daneben bietet Continental dem Markt eine Produkt- und Servicepalette mit Technologien für mehr Sicherheit, Komfort und Nachhaltigkeit. Hier kommt besonders auch dem Produktsegment Reifen eine immense Bedeutung zu, auch mit Blick auf die an Bedeutung zulegende Elektromobilität, wo Conti bereits ausgiebig Präsenz zeigt.

Weiteres Wachstum soll möglich werden, weil Continental parallel zu den Zukunftstechnologien bewährte Produkte marktorientiert weiterentwickeln und sich auf Themen konzentrieren will, die überproportional zur Wertentwicklung beitragen. „In vielen Fällen setzen wir nicht erst auf künftiges Wachstum, sondern schaffen schon heute Wert“, bekräftigt Setzer. Radare zum Beispiel: Continental knüpft mit der neuesten Radargeneration an eine 25-jährige Geschichte an und hat erst jüngst für das aktuelle Radarprodukt der sechsten Generation einen Auftrag im Wert von über 1,5 Milliarden Euro erhalten. Ebenfalls umsatzstark sind Reifen für Prestige- und Performance-Segmente und die Ausrichtung auf das Industriegeschäft von ContiTech.

Zentrale Herausforderungen für den Konzern sind nicht nur, Zukunftsfelder schlagkräftig zu besetzen oder Strukturen effizienter auszurichten, sondern auch Produkte und Produktionen radikal nachhaltiger zu machen. Das Spektrum der Aufgaben für die Management-Ebene könnte kaum größer sein. Sicher ist: Nur wenn die Belegschaft und die Aktionäre emotional mitgenommen werden, kann Conti in konstruktiver Grundhaltung erfolgreich bleiben. Gute Zahlen kann ein Konzern langfristig nur liefern, wenn die Menschen innerhalb des Konzerns bereit sind, Veränderungen mitzutragen. 

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