Recycling-Initiativen in der Automobilindustrie konzentrieren sich dieser Tage vor allem auf Batterien: Mit speziellen Standorten diesbezüglich aktiv sind etwa BMW und Mercedes-Benz, während der Zulieferer Webasto auf eine Zusammenarbeit mit cylib setzt. Altfahrzeuge als Ganzes wiederum nehmen Stellantis im Mirafiori-Komplex in Turin oder auch Toyota in einer neuen Circular Factory in England in den Blick. Zahlreiche Akteure haben ihre Bemühungen in den letzten Jahren deutlich verstärkt – nachdem jedoch zuvor insbesondere unter den Automobilherstellern eher gegenteilige Bestrebungen verfolgt wurden: Für wettbewerbswidrige Absprachen rund um das (Nicht-)Recycling ihrer Fahrzeuge hat die EU-Kommission erst kürzlich empfindliche Strafen für zahlreiche namhafte Industrieplayer ausgesprochen.
In dem Verfahren ging es um den Zeitraum von 2002 bis 2017. Knapp acht Jahre später rücken – neben den unbestreitbaren ökologischen Vorteilen – mehr und mehr auch die ökonomischen Vorteile rund um die Themen Recycling und Kreislaufwirtschaft in den Fokus. Im Hinblick auf Krisenfestigkeit und eine größere Unabhängigkeit von Rohstoffimporten wird die Circular Economy zunehmend zum Gebot der Stunde. Auch beim Automobilhersteller Audi hat man die Zeichen der Zeit erkannt und sich mit dem Programm MaterialLoop entsprechend ausgerichtet. Nachdem dabei zunächst der Fokus auf der technischen Machbarkeit eines verstärkten Einsatzes von Sekundärmaterial in Fahrzeugen lag, folgt mit einem wirtschaftlich tragfähigen Rückführungskonzept für Rezyklate aus Altfahrzeugen nun der nächste Schritt.
Start mit Stahlmaterialien – perspektivischer Ausbau als klares Ziel
In der ersten Ausbaustufe stellt Audi seit diesem Jahr unter anderem mehrere Tausend Vorserienfahrzeuge für das Recycling zur Verfügung. Diese werden vom Partnerunternehmen TSR Resource zerkleinert und zu Recycling-Rohstoffen für eine weitere Nutzung in der Automobilindustrie aufbereitet. Im Gegenzug erhält Audi Zugriff auf das aus diesen Fahrzeugen gewonnene Sekundärmaterial, das einem sogenannten digitalen Materialkonto gutgeschrieben wird. Auf dieses wiederum können potenzielle Material- und Bauteillieferanten im Rahmen eines Vergabeprozesses zugreifen. „Dadurch erhalten mögliche Vertragspartner von Audi exklusiv Zugriff auf hochwertige Recyclingrohstoffe aus Stahl, die sonst teils hohen preislichen Schwankungen unterliegen”, wird in einer Unternehmensmitteilung betont. Perspektivisch will der Hersteller den Prozess für weitere Materialströme und Fahrzeuge ausrollen. Infrage kommen alle Rohstoffe, die Audi aktuell oder künftig mit einem verbindlichen Rezyklatanteil für seine Fahrzeuge einkauft.
„Wir freuen uns, gemeinsam mit Audi einen weiteren, wichtigen Meilenstein für eine gelebte Kreislaufwirtschaft in der Automobilindustrie zu setzen. Dieses Projekt ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was dank Industriepartnerschaften möglich ist. Gleichzeitig machen wir uns unabhängiger von fragilen Lieferketten und leisten einen wichtigen Beitrag zur Resilienz gegenüber den Herausforderungen globaler Märkte", teilt Christian Blackert, Geschäftsführer TSR Resource, mit. Audi-Beschaffungsvorständin Renate Vachenauer ergänzt: „Das Potenzial von Recycling ist enorm. Wir arbeiten stetig daran, den Anteil an wiederverwerteten Materialien in unseren Fahrzeugen zu erhöhen. Mit dem digitalen Materialkonto ist Audi Vorreiter in der Automobilindustrie und kann recycelte Rohstoffe als wertvolle Ressourcen unabhängiger vom Markt beschaffen. Audi zeigt: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gehen Hand in Hand.“
Im Rahmen des MaterialLoop-Programms hat Audi eigenen Angaben zufolge bereist erste Ansatzpunkte für die Nutzung von Post-Consumer-Sekundärmaterialien erprobt. Dabei handelt es sich um Materialien, die bereits für einen anderen Zweck verwendet und nach ihrem ersten Leben wieder aufbereitet wurden. Entsprechende Materialien kommen anteilig etwa bei der Windschutzscheibe des Audi Q4 e-tron (GlassLoop) oder beim Dachaußenteil des Audi Q6 e-tron (SteelLoop) zum Einsatz.
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