Auf der diesjährigen Automechanika in Frankfurt waren die vielfältigen Veränderungen, vor denen der Aftermarket und der Teilehandel gleichermaßen stehen, unübersehbar. Zentraler Treiber dieses Wandels ist die wachsende Zahl von Hybriden und Stromern, weshalb nicht nur Philippe Colpron als Leiter von ZF Aftermarket konstatierte: „E-Mobilität ist längst Realität.” Bezüglich der weiteren Entwicklung des europäischen Aftermarkets bedeutet dieser Trend jedoch eine Abschwächung des zuletzt erfolgten Wachstums: Nachdem die jährliche Wachstumsrate zwischen 2021 und 2025 im Mittel bei 4,7 Prozent lag, prognostiziert eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) bis 2035 nur noch ein durchschnittliches jährliches Plus von 1,7 Prozent. Das Gesamtmarktvolumen wächst der Analyse zufolge von 99 Milliarden Euro (2025) bis zum Jahr 2035 auf 116 Milliarden Euro.
Während laut den BCG-Experten vor allem der alternde Fahrzeugbestand sowie die Inflation das Wachstum begünstigen, wirken dem neben der E-Mobilität die zunehmende Verbreitung von ADAS-Lösungen sowie ein erwarteter Rückgang der Fahrzeugnutzung entgegen. In den fünf übergeordneten Themenfeldern Makroökonomie und Regulierung, technologische Weiterentwicklungen, Kundenverhalten, Wertschöpfungskette und Wettbewerb sowie Künstliche Intelligenz identifiziert die Untersuchung insgesamt 19 Entwicklungen, die den Aftermarket und den Teilehandel in den kommenden Jahren maßgeblich prägen werden. Die Studienautoren führen aus: „Die Marktdynamik wird je nach Region variieren. Länder in Nord- und Westeuropa mit hoher Elektrofahrzeugdurchdringung werden den Druck auf Reparatur- und Wartungsvolumina am frühesten und am stärksten spüren, wobei nach 2030 mit deutlichen Rückgängen zu rechnen ist. Die Marktentwicklung in Süd- und Osteuropa wird wahrscheinlich langsamer verlaufen, doch die Richtung wird dieselbe sein.”
Flotten und Versicherer als prägende Akteure
Neben einer weiter voranschreitenden Konsolidierung geht die Studie ferner davon aus, dass Flottenbetreiber und Versicherer künftig noch stärker im Reparaturgeschäft mitwirken. Europäische Werkstätten sehen sich den Untersuchungsergebnissen zufolge bereits heute „mit der zunehmenden Dominanz” derartiger Akteure konfrontiert. Während flotteneigene Fahrzeuge bis 2035 20 Prozent des europäischen Fahrzeugbestands ausmachen könnten (2021: 8 Prozent), wickeln Versicherer rund 70 Prozent der unfallbedingten Reparaturen ab. Die BCG-Experten skizzieren hier für Servicebetriebe „ein volumenstarkes und stabiles Geschäftspotenzial”, das jedoch mit „geringer Flexibilität und knappen Margen” daherkommt. Eine Hürde insbesondere für kleinere Betriebe sei zudem die notwendige Anbindung an die IT-Systeme von Flottenbetreibern und Versicherern.
„Der europäische Aftermarket befindet sich im Wandel, nicht im Niedergang. Das Volumen tritt zugunsten des Werts in den Hintergrund, und integrierte Ökosysteme ersetzen die bisherigen individuellen Geschäftsbeziehungen. Bis 2035 wird der Aftermarket stärker von digitalen Technologien abhängig sein, aber auch stärker konzentriert als heute”, so die abschließende Bilanz der BCG-Studie. „Um in diesem anspruchsvollen Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Akteure im Aftermarket in neue technische und datengestützte Funktionen investieren, wie beispielsweise Remote-Diagnose und KI-gestützte Schnittstellen, damit sie engere Beziehungen zu ihren Kunden aufbauen und diese besser bedienen können.”