Philipp, nach einem über mehrere Jahre laufenden stufenweisen Weg bist Du nun angekommen – in der Geschäftsführung des elterlichen Betriebes. Es musste so kommen, oder?
Philipp Burkhardt: Ja, seit Februar 2024 bin ich offiziell Teil der Geschäftsführung, zusammen mit meinem Vater. Und ja, wenn man einmal ganz am Anfang anfängt – ich wurde in das Familienunternehmen quasi in den Reifenstapel geboren. Damals war es noch ein Einzelhandel. Ich war natürlich immer dabei, habe schon als Schüler mitgeholfen, die Reifen zu entladen und später, während des Studiums, die Reifen selbst mit ausgefahren.
Erzähl uns bitte ein wenig über deinen Werdegang.
Philipp Burkhardt: Ich habe 2013 Abitur gemacht und bin anschließend direkt über ein duales Studium auch in die Branche eingestiegen. Meine erste Station war Michelin in Karlsruhe, was von Bruchsal aus quasi ein Katzensprung war. Ich habe mein duales Studium im Bereich BWL-Industrie absolviert. Im Jahr 2016 dann mit dem Bachelor abgeschlossen. Schon immer war für mich klar, dass ich gern in den Familienbetrieb einsteigen würde. Das war aber nie eine strikte Vorgabe von meinem Vater, er hat mir das immer freigelassen.
Nach dem Abschluss meines Studiums war ich drei Monate im Ausland, ich bin durch Asien gereist. Mit dem Wissen, danach voll in die Firma einzusteigen. Ich habe zwei Jahre lang eine Art Trainee-Programm durchlaufen, bin durch alle Abteilungen in unserer Firma gegangen, startend mit dem Point of Sale direkt an der Quelle am Endkunden. Das hat mich sehr viel gelehrt, beispielsweise wirklich die Probleme von Endkunden zu erleben und damit konfrontiert zu werden. Dann bin ich ein halbes Jahr in die Lagerlogistik gewechselt, war auch ein halbes Jahr im Vertrieb und bin danach mit dem Fokus auf den Einkauf eingestiegen. Dies ist bis heute für die meisten Großhändler mit Sicherheit eine der wichtigsten Positionen. 2021 habe ich die Leitung des Einkaufs übernommen. Ein Jahr später haben mein Vater und ich gemeinsam beschlossen, uns der Firma Goodyear anzuschließen. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich dann auch Prokurist mit erweiterter Personalverantwortung. Seither haben wir zusammen mit der Goodyear nochmal mehr Investitionspower, um uns für die Zukunft aufzustellen.
Ok. Du konntest in deinem Heranwachsen und dann in der Ausbildung einen Rundumblick auf das Reifengeschäft entwickeln. Nicht nur handelsseitig, sondern auch aus Perspektive der Industrie. Reifen Burkhardt ist ein traditionsreicher Betrieb. Was kannst Du uns zu den Anfängen des Unternehmens erzählen?
Philipp Burkhardt: 1959 war die Unternehmensgründung durch meine Großeltern, damals noch mit einem Betrieb im Zentrum von Bruchsal. Der Umzug in das Industriegebiet Stegwiesen, wo wir uns heute immer noch befinden, war ein sehr großer Schritt für meine Oma und meinen Opa. Sie hatten damals keine finanzielle Unterstützung oder den entsprechenden Background. Alles wurde über einen Kredit realisiert. Es gab aber ursprünglich nie den bewussten Plan, dass später mein Vater oder mein Onkel mit einsteigen. Aber wie das dann damals so war, wurden dann doch beide in den Betrieb geholt.
Das Großhandelsgeschäft entwickelte sich erst in den 90er Jahren.
Philipp Burkhardt: Exakt, in den 90er Jahren hat mein Vater angefangen mit dem Großhandel – aber zunächst wirklich ganz rudimentär. Er ist selbst mit dem Sprinter losgefahren und hat Kunden in Bruchsal angefahren. Es entwickelte sich Stück für Stück. 2005 erwarb mein Vater dann das Nachbargrundstück. Und der ganz große Schritt erfolgte im Jahr 2012, als mein Vater und mein Onkel es wagten, ein weiteres Nachbargrundstück zu erwerben. Dort, wo heute das Logistikzentrum liegt, in dem alle Reifen lagern.
Zurück zu Dir. Hattest Du auch mal Momente, wo es in Dir ein Abgrenzungsbedürnis zum Thema Reifen gab?
Philipp Burkhardt: Das hatte ich tatsächlich nie. Ich glaube einfach aus dem Grund, dass die Branche recht familiär ist. Man kann mit allen Leuten umgehen, sowohl mit unseren Kunden als auch mit den Lieferanten. Es hat mir immer Spaß gemacht und wir sind wirklich eine sehr familiär geführte Firma. Deswegen war ich eigentlich auch immer gern hier und bin es bis heute. Der Reifen war immer Teil meines Lebens, allein der Geruch ist eine extrem prägende Kindheitserinnerung.
Gummi riecht stark – und klebt. Lass uns ein bisschen über den Wert der Verwurzelung sprechen. Ihr seid als baden-württembergisches Unternehmen seit jeher in Bruchsal beheimatet. Wie eng ist da die lokale Bindung?
Philipp Burkhardt: Die ist bei uns sehr hoch. Schon immer geprägt durch das Einzelhandelsgeschäft, und auch später in unseren Großhandelsaktivitäten. Bis heute liegt der Fokus auf der regionalen Belieferung. Reifen Burkhardt ist in der Region schon immer bekannt. Meine Oma war sehr präsent und hat bis über ihr 80. Lebensjahr hinaus in der Firma gearbeitet. Ganz Bruchsal kannte sie, sie hat selber mit montiert. Damals gab es das ja so noch nicht, dass eine Frau einen solchen Job ausübt.
Unsere lokale Verwurzelung drückt sich auch durch unser Sponsoring von Sportvereinen im Fußball- und Ringer-Bereich aus. Mein Vater war ein sehr guter Ringer, auch national sehr erfolgreich, daher dieses Sponsoring. Wir schauen bis heute, dass wir regional unseren Einsatz zeigen. Wir haben beispielsweise eine Blumenwiese in der Gegend anbauen lassen, aus Gründen der Artenvielfalt. Verwurzelung spiegelt sich auch in unseren Belieferungsgebieten. Hier liegt der Fokus auf Baden-Württemberg, reicht aber bis nach Rheinland-Pfalz hinein in den Südwesten Deutschlands. Unsere Kunden können regional einkaufen und werden direkt am nächsten Tag beliefert.
Inwieweit hilft Euch diese Sichtbarkeit in der Region beim Thema Fachkräftegewinnung?
Philipp Burkhardt: Sie hilft auf jeden Fall. Auch diesbezüglich sind wir initiativ. Wir haben im Rahmen einer Recruiting-Kampagne einen Bus mit unserem Branding beklebt, um direkt nach Fachkräfte zu suchen. Wir werben auch mit unseren Mitarbeitern, wollen also auf vielerlei Ebene “Gesicht zeigen”. Und natürlich gibt es die Vernetzung über lokale Sportvereine. Diese hilft uns, zu zeigen, dass wir nah und familiär sind. Das Familiäre leben wir nach innen und nach außen.
Das Thema Social Media wird auch immer nutzbarer. Wir suchen in den vergangenen Jahren verstärkt über diese Kanäle nach Mitarbeitern. Und wenn wir gerade auch über einen Generationenwechsel sprechen und über meine Generation, dann muss man sagen, dass vieles schnelllebiger funktioniert und entsprechend auch die Ansprache gesteuert werden muss. Die Angebote müssen so niedrigschwellig wie möglich sein – am besten mit drei Klicks bewerben. Seit wir zielgerichtet über Social Media suchen, verzeichnen wir gerade in meiner Generation ein Wachstum an Bewerbungen.
Schöner Schwenk – über den wir direkt zum Thema Generationswechsel skippen. Spürst Du als nun Verantwortlicher bei Reifen Burkhardt auch einen Druck?
Philipp Burkhardt: Druck nicht wirklich. Da muss ich meinem Vater auch wirklich ein Lob aussprechen, dass er mich wirklich schon immer eingebunden hat. Wir leben nach wie vor Traditionen, auch noch von meiner Oma geprägt. Aber mein Vater hatte schon immer einen sehr guten Blick für Innovation und Zukunft und hat schon früh in Dinge investiert und mir das ebenfalls mitgegeben.
Blickt man auf die neue Generation, dann gibt es aber durchaus sichtbare Unterschiede. Wir haben gerade das Personal angesprochen – da werden teilweise in meiner Generation andere Werte gelebt, hinsichtlich der Work-Life-Balance oder des Themas Homeoffice. Da sind mein Vater und ich manchmal unterschiedlicher Meinung, aber wir finden immer die Balance aus traditionellem Denken und Akzeptanz der neuen Generation.
Und wie sieht es beim Führungsstil aus? Kannst Du Dich auch diesbezüglich gut an Deinen Vater anlehnen?
Philipp Burkhardt: Es passiert ja automatisch, dass man sich viel abguckt. Ich habe viel von meinem Vater gelernt und werde das sicherlich weiterhin tun. In meiner jetzigen Position muss ich aber auch meinen eigenen Weg finden. Der Grundführungsstil ist aber sicher von meinem Vater adaptiert. Wir sind uns recht ähnlich.
Auch der klassische Reifenfachhandel befindet sich in Transformationsprozessen. Da kann ein frischer Blick und eine gewisse Unbefangenheit sicher förderlich sein. Welche Impulse setzt Du?
Philipp Burkhardt: Seitdem ich mit in der Firma bin, sind einige Schritte auf den Weg gebracht worden. Beispielsweise beim Thema Digitalisierung. Im Reifenfachhandel oder Reifengroßhandel ist sicher in den letzten Jahren diesbezüglich viel bereits getan worden. Aber im Vergleich zu anderen Branchen hinkt der Reifenfachhandel doch noch hinterher. Da sollten wir als Branche auch das Potenzial erkennen, Dinge gemeinschaftlich anzustoßen.
Wir bei Reifen Burkhardt haben zuletzt viel in Richtung Tourenoptimierung unternommen. Es gibt Live-Tracking für die Kunden. Und entlang des gesamten Bestell- und Auslieferungsprozesses wollen wir uns weiterentwickeln – sämtliche Prozesse, alles aus einer Hand digital abbilden. Wir sind mittlerweile völlig papierlos. In dieser Hinsicht müssen auch unsere Kunden mitwachsen. Gerade die älteren Fachhändler oder die kleinen Betriebe sind oftmals noch immer nicht offen für die Digitalisierung von Prozessen. Wir auf Großhandelsseite pushen das aber schon, um insgesamt effizienter zu werden.
Spielt das Thema KI bei Euch schon eine Rolle zur Effizienzstraffung?
Philipp Burkhardt: Aktiv noch nicht. Das wird aber sicher kommen. Gerade auch im Einkauf, dem ich ja immer noch sehr verbunden bin, wird es Möglichkeiten geben. Da hält man auch die Ohren offen, was es für Optionen gibt, noch mehr mit den Daten zu spielen, als man es jetzt selber allein hinkriegt. Der Reifenfachhandel sollte sich dem Potenzial auf jeden Fall insgesamt mehr widmen.
Wenn wir uns den Reifenersatzmarkt anschauen – hat sich in den letzten Jahren grundlegend was gewandelt? Marktsegmente, Lieferketten, Preisentwicklung?
Philipp Burkhardt: Der Großhandel ist ja traditionell sehr preissensibel. Insgesamt wirken wir in einem stark Premium-getriebenen Markt. Das kommt auch viel durch das Flotten- und Leasing-Geschäft. Aber man merkt über die letzten Jahre, gerade seit Corona und dann dem Ukraine-Krieg und der Inflation, geht die Nachfrage nach Budget-Produkten deutlich hoch. Da muss man sich dann auch als Großhändler drauf einstellen, funktioniert auch. Auch die bekannten Marken bespielen dieses Feld über ihre Zweit- und Dritt-Marken. Im Großhandelsgeschäft müssen wir alle Segmente bedienen können.
Was sich definitiv geändert hat, ist die Nachfrage nach einer schnellen Belieferung – Next-Day- oder Same-Day-Belieferung. Deswegen haben wir auch die regionale Logistik so aufgestellt über die letzten Jahre, so können wir uns über unseren Service vom Wettbewerb differenzieren.
Lieferfähigkeit, Pricing – da sind wir bei den grundlegenden Themen im Großhandel. Was für Trends im Markt siehst Du aktuell und für die Zukunft?
Philipp Burkhardt: Der Trend der letzten Jahre war sicher das Thema Ganzjahresreifen. Da wird auch weiter die Nachfrage steigen. Und auch die E-Mobilität wird uns zunehmend beschäftigen. Wir sehen, dass die Reifenhersteller dieses Feld unterschiedlich bearbeiten. Wir beobachten das aufmerksam.
Und wie ist nun der weitere Fahrplan in der Geschäftsführung von Reifen Burkhardt?
Philipp Burkhardt: Ich werde immer weiter herangeführt, um dann auch die Geschäftsführung in Zukunft alleine tätigen zu können. Mittlerweile bin ich schon wirklich auch in der vollen Personalverantwortung. Und wir besprechen Detail-Themen, die strategischen, zukunftsgerichteten Entscheidungen. Es wird ein fließender Übergang sein. Noch ist mein Vater auf jeden Fall voll aktiv und hat Spaß am Betrieb.
Philipp, ich danke Dir für das Gespräch.