Untersuchung von IW Consult im Auftrag des BIV-Kfz

Studie bescheinigt Kfz-Handwerk hohe gesellschaftliche Relevanz und Krisenfestigkeit 

Werkstatt, AutoserviceWartungs- und Reparaturarbeiten erfreuen sich einer weitgehend konjunkturunabhängigen Nachfrage und tragen so zur Krisenfestigkeit des Kfz-Handwerks bei.  Foto: Sodel Vladyslav - stock.adobe.com

27 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung sowie einen Produktionswert von 51 Milliarden Euro erwirtschaften die rund 49.000 Betriebe des Kfz-Handwerks in Deutschland. Die Branche ist damit ein wichtiger Stabilitätsanker und ein überaus wichtiger Wirtschaftszweig. Zu diesem klaren Ergebnis kommt die Studie „Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kfz-Handwerks“, die IW Consult im Auftrag des Bundesinnungsverbands des Kraftfahrzeughandwerks (BIV-Kfz) erstellt hat. Dabei reicht die ökonomische Bedeutung laut den Autoren weiter über die Kernbetriebe hinaus: „Betrachtet man die bei Zulieferern (indirekte Effekte) und durch Konsumausgaben der Beschäftigten (induzierte Effekte) ausgelösten wirtschaftlichen Impulse, gehen rund 705.000 Erwerbstätige, eine Bruttowertschöpfung von knapp 50 Milliarden Euro und einen Produktionswert von knapp 100 Milliarden Euro auf das Kfz-Handwerk zurück. Das bedeutet: Jeder direkt im Kfz-Handwerk erwirtschaftete Euro löst weitere 83 Cent Wertschöpfung in der Gesamtwirtschaft aus”, heißt es in der einleitenden Zusammenfassung der Studie. 

In diesem Zuge hebt die Untersuchung insbesondere die Krisenfestigkeit der Branche hervor, da die weitgehend konjunkturunabhängige Nachfrage nach Wartung, Reparatur und Sicherheitsprüfungen zu einer vergleichsweise stabilen Beschäftigungs- und Umsatzentwicklung beitrage. Nach den Einbrüchen der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie des Frühjahrs 2020 kehrte der preisbereinigte Umsatz des Kfz-Handwerks den Studienergebnissen zufolge rasch auf sein Ausgangsniveau zurück. Seit dem Jahr 2021 bewege er sich demnach in einem engen Korridor und weise deutlich weniger Schwankungen als etwa aufseiten des Kfz-Handels oder auch der Automobilhersteller auf. „Das Kfz-Handwerk wirkt damit als Stabilisator regionaler Arbeitsmärkte. Gerade in aktuell bewegten Transformationszeiten kann eine solch stabilisierende Funktion zu hoher Arbeitsplatzsicherheit, Zufriedenheit der Beschäftigten und Demokratiestabilisierung beitragen", betonen die Experten von IW Consult.

Wirtschafts- und Stabilitätsfaktor im ländlichen Raum

In Anbetracht des wachsenden Erfolgs populistischer Parteien und ihrer demokratieverachtenden Narrative gewinnt der letztgenannte Punkt immens an Bedeutung. Seine Stärke kann das Kfz-Handwerk dabei besonders auf dem Land ausspielen, indem Werkstätten Mobilität, Beschäftigung und Ausbildung in strukturschwachen Räumen sichern. Laut der Studie liegt der Erwerbstätigenanteil des Kfz-Handwerks in gering verdichteten ländlichen Räumen 36 Prozent über seinem bundesweiten Anteil. Mit einer Ausbildungsquote von rund 16 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bildet das Kfz-Handwerk zudem mehr als dreimal so intensiv aus wie die Gesamtwirtschaft (rund 5 Prozent). Während eine Kfz-Handwerksausbildung zusätzlich eine Vielzahl verschiedener Berufsuntergruppen erreicht, liegt der Ausländeranteil unter den Auszubildenden mit 14 Prozent außerdem deutlich höher als in den automobilen Vergleichsbranchen. Die hohe regionale Verankerung des Kfz-Handwerks zeigt sich laut den Studienautoren auch in den Beschaffungsstrukturen: „46 Prozent der eingekauften Waren und Dienstleistungen beziehen die Betriebe aus einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern – fast doppelt so viel, wie Unternehmen typischerweise innerhalb des gleichen Regierungsbezirks beziehen (24 Prozent). Die Kaufkraft bleibt damit zu einem erheblichen Teil in der Region.”

Mut zur Transformation und Appelle an die Politik

Mit Blick auf die Zukunft steht jedoch auch das so resiliente Kfz-Handwerk vor immensen Herausforderungen. An vorderster Stelle steht dabei der fortschreitende Antriebswandel: Der IW-Consult-Untersuchung zufolge entfallen rund 89 Prozent der ermittelten Werkstattumsätze auf Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Sie kommen häufiger in die Werkstatt (1,5-mal pro Jahr gegenüber 1,2-mal bei Stromern) und erzielen je Besuch einen deutlich höheren Auftragswert (448 Euro gegenüber 237 Euro). „Mit jedem Verbrenner, der im Kundenbestand ersetzt wird, entfällt bei unveränderter Leistungstiefe ein spürbarer Teil des Umsatzes”, warnen die Experten. Die für die Studie durchgeführte Befragung unter BIV-Mitgliedsbetrieben zeigt, dass die Branche die Herausforderung der Transformation sehr unterschiedlich bewältigt. Hochgerechnet auf die gesamte Branche fühlen sich lediglich 28 Prozent der Betriebe auf die technologische Transformation der Fahrzeugwelt (eher) vorbereitet. 

Autoservice, Elektromobilität Renualt Zoe
Der Umsatzanteil von Arbeiten an Elektroautos ist in Kfz-Betrieben laut Studie aktuell noch überschaubar. Foto: Kevin Schmidt

An dieser Stelle kommen dann zusätzlich die Folgen des Fachkräftemangels – insgesamt können 52 Prozent aller Betriebe offene Stellen nicht besetzen – zum Tragen: 46 Prozent der nicht auf die neuen Anforderungen vorbereiteten Betriebe verzichten den Ergebnissen zufolge personalbedingt auf die Erweiterung ihres Leistungsportfolios (gegenüber 28 Prozent der vorbereiteten Betriebe). Das setze einen sich selbst verstärkenden Mechanismus in Gang: Nicht vorbereitete Betriebe schränken ihr Leistungsspektrum aufgrund von Personalmangel ein, was ihnen wiederum weniger Zukunftschancen auf wirtschaftlichen Erfolg in der Transformation verschafft. Entsprechend sehen die Betriebe auch bei den politischen Rahmenbedingungen zum Antriebsmix den größten Handlungsbedarf (85 Prozent), wobei bürokratische Anforderungen (82 Prozent) sowie Energie- und Materialkosten (80 Prozent) dicht dahinter rangieren. Perspektivisch wächst nach Meinung der Betriebe zudem die Dringlichkeit beim Zugang zu Fahrzeugdaten und Diagnosesystemen der Hersteller: Während dieser Punkt heute für lediglich 22 Prozent ein Risiko darstellt, wird er von 55 Prozent der Betriebe als Risiko in fünf Jahren gesehen.

Entsprechend nimmt die Studie die Politik in die Pflicht, Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer die Branche „auch in Zukunft ihre wichtigen Funktionen zur Stabilisierung der ländlichen Räume, der Integrationskraft und der Ausbildungsstärke ausüben kann”. Für Werkstätten gelte es zugleich, sich den Anforderungen zu stellen und sich bietende Chancen gezielt zu ergreifen. „Die Betriebe brauchen Planungssicherheit beim Antriebsmix, faire Bedingungen beim Zugang zu Fahrzeugdaten und gezielte Förderung von Investitionen in neue Technologien und Qualifizierungsmaßnahmen. Werden die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt und schreiten Betriebe mutig in der Transformation voran, kann das Kfz-Handwerk seiner Rolle als Rückgrat der Mobilität in Deutschland auch in einer elektrifizierten und digitalisierten Fahrzeugwelt gerecht werden”, schreiben die Autoren. Die gesamte Studie ist auf der Seite des BIV-Kfz verfügbar. 

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