Riccardo Giovannotti über die Arbeit der GDSO

“Die gemeinsame Nutzung von Daten ist keine Selbstverständlichkeit”

Riccardo Giovannotti GDSORiccardo Giovannotti ist Generalsekretär der GDSO und hat deren bisherige Entwicklung maßgeblich mit vorangetrieben  Foto: GDSO

Herr Giovannotti, was war der Antrieb für die Gründung der GDSO?

Riccardo Giovannotti: Die fünf Gründungsmitglieder – also Bridgestone, Continental, Goodyear, Michelin, Pirelli – haben erkannt, dass Reifenhersteller die Herausforderungen im Zusammenhang mit der elektronischen Identifizierung von Reifen und der gemeinsamen Nutzung von Reifendaten nicht allein bewältigen können. Mehrere unstrukturierte und nicht harmonisierte Lösungen hätten die Nutzung dieser Lösungen behindert. Daher beschlossen sie, ihre diesbezüglichen Bemühungen zu vereinen und eine globale Industrieorganisation zu gründen, um technische Standards und offene Datenaustauschdienste zu etablieren und andere Reifenhersteller dafür zu gewinnen, an einer Optimierung der elektronischen Identifizierung von Reifen in einem kooperativen technischen Umfeld mitzuwirken.

Welchen Zweck verfolgt die GDSO?

Riccardo Giovannotti: Der Zweck der GDSO besteht darin, eine weltweite Kommunikationsschnittstelle zu schaffen, die das Potenzial von Reifen erschließt. Das bedeutet, dass technische Standards und IT-Dienste zur Vereinfachung der Verbindung zwischen Reifenherstellern und Branchenakteuren im Hinblick auf die elektronische Identifizierung von Reifen und den Austausch von Reifendaten geschaffen werden sollen.

Zwei Elemente, die bei diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen, sind der Unique Item Identifier (UII) und der Tire Information Service (TIS). Was sind deren Funktionen?

Riccardo Giovannotti: Der Unique Item Identifier ist die Grundlage der GDSO-Standards und -Dienste. Der UII basiert auf dem GS1-Standard SGTIN-96, der für Serialized Global Trade Identification Number steht. Dieses Schema ermöglicht eine eindeutige Identifizierung eines Produkts auf der Grundlage von 96 Charakteristika. Der UII ist also eine Art Seriennummer, die ein bestimmtes Exemplar eines Produkts von anderen unterscheidet, die denselben Produktcode tragen. Der Tire Information Service wiederum ist der Verbindungspunkt, der es dem Nutzer ermöglicht, auf die Datenbank eines Reifenherstellers zuzugreifen, um die Daten eines spezifischen, mit einer Seriennummer versehenen Reifens zu erhalten.

Zu beachten ist an dieser Stelle, dass sich die Rolle der GDSO nur auf die notwendigen Governance- und Authentifizierungsschritte erstreckt. Die GDSO ist weder eine zentrale Datenbank noch ein Datenvermittlungsdienst, weshalb Geschäftsvereinbarungen zwischen dem Nutzer und den Reifenherstellern getroffen werden, ohne die GDSO einzubeziehen. Die GDSO stellt lediglich die Kommunikationsebene bereit.

Wer würde die Services, die die GDSO zu implementieren versucht, nutzen bzw. wer soll davon profitieren?

Riccardo Giovannotti: Die GDSO-Dienste sollen von juristischen Personen, also im B2B-Bereich, entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Reifen genutzt werden. Daher wurden bei der Erarbeitung der Standardisierungvorgaben verschiedene Interessengruppen konsultiert, um deren Anwendungsfälle zu berücksichtigen und ihnen zu ermöglichen, ihre Arbeitsabläufe zu optimieren.

Global Data Service Organisation for Tyres and Automotive Components (GDSO)
Bei der GDSO sieht man großes Potenzial in standardisierten Reifendaten – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Foto: GDSO

Bezüglich der Mitgliedschaft in der GDSO heißt es auf der Organisations-Website, dass Sie „eine kritische Masse innerhalb der Reifenindustrie benötigen, um den Tire Information Service auszubauen und weiterzuentwickeln. Daher wird der Reifenindustrie Priorität eingeräumt.“ Gibt es ein Ziel, wann diese kritische Masse erreicht ist?

Riccardo Giovannotti: Zum jetzigen Zeitpunkt ist die GDSO wie ein Start-up-Unternehmen, das nach Erstanwendern für seine IT-Lösungen sucht, aber auch nach neuen Mitgliedern, damit ein breiteres Datenangebot auf der ganzen Welt bereitgestellt werden kann. Parallel dazu arbeiten wir an der Entwicklung neuer IT-Dienste, um den aktuellen Bedürfnissen der Branche gerecht zu werden, und befassen uns darüber hinaus mit künftigen technischen Anforderungen, die die verschiedenen Interessengruppen, einschließlich der Behörden, in den einzelnen Regionen beschäftigen. Damit können wir unsere Basis stärken. Wir sind innerhalb von zweieinhalb Jahren von fünf Mitgliedern im Januar 2022 auf zwölf Mitglieder angewachsen; außerdem sind sieben regionale Verbände der Reifenindustrie als assoziierte Mitglieder beigetreten

Ziel ist es daher, eine kritische Masse in Bezug auf die Bekanntheit in der Branche, die Aufnahme weiterer Mitglieder und die Einführung neuer Lösungen zu erreichen. Der Zeitplan hängt von möglichen externen Faktoren ab, die nicht unter der Kontrolle der GDSO stehen. Die elektronische Identifizierung von Reifen und die gemeinsame Nutzung von Daten sind keine Selbstverständlichkeit, sondern erfordern eine neue Denkweise bei den Akteuren einer Branche, die sich bisher darauf konzentrierte, ihr Geschäft in seiner jetzigen Form zu optimieren. Jetzt sind ein neues Paradigma und ein klarer Fahrplan erforderlich, um einen solchen Weg einzuschlagen. Dies kann als freiwillige und strategische Entscheidung oder aufgrund technischer Anforderungen geschehen, die die Reifenhersteller zu erfüllen haben. Wir beobachten immer mehr Initiativen in diese Richtung, angeführt von Fahrzeugherstellern und Behörden. Auf dieser Grundlage können wir davon ausgehen, dass bis 2030 eine große Mehrheit der Reifenhersteller aus der ganzen Welt ihr Interesse bekunden wird, der GDSO beizutreten und unsere Standards und Dienstleistungen zu implementieren. Zu diesem Zeitpunkt wird die GDSO mit einer kooperativen Denkweise und praktischen Ergebnissen, die die Arbeit vieler Interessengruppen erleichtern sollen, hinreichend überzeugend sein. Dies wird von anderen Herstellern von Automobilkomponenten als Vorteil wahrgenommen werden, die sich für die gleichen Vorteile interessieren könnten.

Wie gehen Sie mit runderneuerten Reifen in Bezug auf den Unique Item Identifier und den Tire Information Service um?

Riccardo Giovannotti: Das ist eine wirklich wichtige Frage, und die Antwort ist der Tyre Lifecycle Data Service (TLDS). Vereinfacht gesagt, konzentriert sich der TIS heute hauptsächlich auf Informationen, die von den Herstellern auf der Seitenwand dargestellt werden. Das bedeutet, dass Anwendungsfälle wie Runderneuerung, Reparatur und Ende der Lebensdauer vom TIS nicht abgedeckt werden. Wir waren uns der Einschränkungen des Systems bewusst, als wir es entwickelten, und hielten es damals für wichtiger, einen kleinen Schritt für eine sehr große Branche in Richtung elektronische Identifizierung und Datenaustausch zu machen. Die gute Nachricht ist, dass wir bereits an einem neuen Element arbeiten, dem erwähnten TLDS. Dabei handelt es sich um eine IT-Lösung, die auf den Grundsätzen von Datenräumen basiert und deren Architektur so konzipiert ist, dass wichtige Interessengruppen wie Runderneuerer und Altreifenverwerter aktiv an der gemeinsamen Nutzung von Daten teilnehmen können, indem Informationen wie „Dieser Reifen wurde runderneuert und dies sind die neuen Eigenschaften“ oder „Dieser Reifen wurde am Ende seiner Lebensdauer in einem bestimmten Recycling-Kanal verwertet“ ebenfalls berücksichtigt werden können. So wird die Produkt-Rückverfolgbarkeit von der Wiege bis zur Bahre auf alle wichtigen Ereignisse während des gesamten Reifenlebens ausgedehnt.

Wir gehen davon aus, dass wir im ersten Quartal 2025 eine Initial-Version des TLDS mit genügend Funktionen bereitstellen können, sodass sie von ersten Anwendern genutzt werden kann. Der Vollbetrieb ist dann für Mitte 2025 geplant. Parallel dazu arbeiten wir bereits an einer weiteren Datenstandardisierung, um diese Anwendungsfälle zu ermöglichen; wir haben eine Reihe von Runderneuerern und Altreifenverwertern befragt, um ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen, damit der TLDS auch ihre Abläufe vereinfachen und weiter optimieren kann.

Reifendaten Vernetzung
Die kooperative Nutzung von Reifendaten erfordert nach Überzeugung von Riccardo Giovannotti eine neue Denkweise. Foto: Aniroot – stock.adobe.com

Nachhaltigkeit ist heutzutage ein entscheidender Faktor. Wie können die GDSO und ihre Dienste dazu beitragen?

Riccardo Giovannotti: Die Antwort auf diese Frage bezieht sich in Teilen auf meine vorherigen Ausführungen. Der TLDS zielt darauf ab, Anwendungsfälle von der Wiege bis zur Bahre zu ermöglichen, und berücksichtigt zugleich die bevorstehenden technischen Regulierungsanforderungen, die durch die ESPR-Verordnung (Ecodesign for Sustainable Products Regulation) auch an Reifen gestellt werden. Die Verordnung verlangt einen digitalen Produktpass für verschiedene Produkte und Reifen sind diesbezüglich in der Prioritätenliste der Europäischen Kommission aufgeführt.

Ist das System anfällig für Manipulationen bzw. wie ist es um das Thema Cybersicherheit bestellt?

Riccardo Giovannotti: Die GDSO ist wie erwähnt weder eine zentrale Datenbank noch ein Datenvermittler. Die verwendete Architektur impliziert einen dezentralen Datenbankansatz, bei dem die Datenlieferanten die Reifenhersteller selbst sind und die Datenqualität entsprechend von ihnen verwaltet wird. 

In puncto Cybersicherheit gibt es jedoch keine Kompromisse. Die GDSO-Dienste wurden in IT-Umgebungen entwickelt, die den neuesten verfügbaren Cybersicherheitsstandards entsprechen, und sie werden regelmäßig überprüft, damit neue CS-Standards im weiteren Verlauf implementiert werden können. Die Mitglieder werden gebeten, eine Selbsteinschätzung vorzunehmen, die einen technischen Überblick über ihre CS-Risikobewertung und ihr CS-Management gibt. Sollte ein GDSO-Mitglied von einem CS-Angriff betroffen sein, sind die GDSO-Dienste in Bezug auf die Funktionalitäten nicht beeinträchtigt, aber es ist klar, dass der Nutzer die Daten des betroffenen Reifenherstellers dann gerade nicht erhalten kann. Aus diesem Grund und um den Stellenwert der GDSO zu stärken, verpflichten sich die Mitglieder, ein Höchstmaß an Cybersicherheit zu gewährleisten.

Gibt es einen Zeitplan für die nächsten Schritte der GDSO? 

Riccardo Giovannotti: Der TIS ist bereits in Betrieb und die ersten Nutzer haben sich bereits im März 2023 registriert. Die Prioritäten liegen nach wie vor darauf, die Zahl der Mitglieder zu erhöhen, die Standardisierungsaktivitäten voranzutreiben und neue IT-Lösungen zu entwickeln, die den Akteuren der Reifenindustrie bei der Durchführung ihrer Anwendungsfälle helfen.

Zur GDSO
Innerhalb der GDSO engagieren sich aktuell die Vollmitglieder Bridgestone, Continental, Giti Tire, Goodyear, Hankook, Kumho Tire, Michelin, Nexen Tire, Pirelli, Prometeon, Sumitomo Rubber Industries und Yokohama. Als assoziierte Mitglieder wirken die ETRMA (European Tyre & Rubber Manufacturers Association), ETRTO (European Tyre and Rim Technical Organisation), JATMA (Japan Automobile Tyre Manufacturers Association, Inc.), KOTMA (Korea Tire Manufacturers Association), TRA (The Tire and Rim Association), TRAC (Tire and Rubber Association of Canada) und USTMA (U.S. Tire Manufacturers Association).

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