Individual Hannover im Porträt

Jedes Fahrzeug ein Unikat

In der Werkstatthalle herrscht stets reges Treiben. Fahrzeuge von Geschäfts- und Privatkunden werden hier umgebaut.  Foto: Kevin Schmidt

Gegründet im Jahr 2012 entwickelte sich Individual Hannover zu einem Spezialisten für maßgeschneiderte Fahrzeugumbauten, mit dem Ziel, körperlich beeinträchtigten Menschen eine aktive Teilnahme am Straßenverkehr zu ermöglichen. Das Angebot dafür ist breit: Umbauten reichen von kleinen Anpassungen bis zu groß angelegten Eingriffen. In das Portfolio fällt etwa ein Multifunktionsdrehknauf, mit dessen Hilfe unter anderem die Fahrzeughupe betätigt, das Fernlicht oder der Scheibenwischer eingeschaltet werden kann – alles über ein einziges Gerät. Auch gibt es ein Linksgaspedal für Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben. „Ein Schlaganfall betrifft oft die rechte Körperhälfte, das heißt, sie können nicht mehr mit dem rechten Fuß Gas geben“, erklärt Mike Sabiel. Er leitet seit etwas mehr als einem Jahr den Geschäftsbereich Individual. Aufwendigere Hilfsmittel wie modifizierte, bewegliche Sitze, die aus dem Fahrzeug herausfahren können und auch Lifte für Vans, die Rollstühle mitsamt Fahrer in das Fahrzeug heben können, gehören zum Angebot.

Mike Sabiel leitet seit etwas über einem Jahr den Geschäftsbereich Individual. Foto: Kevin Schmidt

Maßarbeit mit TÜV-Siegel

Eingebaut und an den Kunden angepasst werden die Hilfsmittel vom Experten-Team des Unternehmens. Dieses achtet beim Umbau ganz genau darauf, dass mit dem Fahrzeug schließlich sicher am Straßenverkehr teilgenommen werden kann, Stichwort Verkehrstauglichkeit. Entsprechend eng ist die Zusammenarbeit mit dem TÜV: „Weil die Umbauten eine bauarttechnische Veränderung am Fahrzeug darstellen, muss jedes Auto komplett vom TÜV abgenommen werden. Der muss feststellen, ob das Fahrzeug zulassungsfähig ist“, so Sabiel. Das hat allerdings auch Konsequenzen für Wartung und Reparatur: „Die modifizierten Fahrzeuge können nicht von jedem repariert oder gewartet werden, da sie auf jede Person angepasst sind. Und da auch mal spezielle hydraulische oder pneumatische Komponenten verbaut werden, kann das nicht unbedingt jede Kfz-Werkstatt, die noch nie damit zu tun hatte“, erklärt der Bereichsleiter.

Umbauten am Lenkrad umfassen beispielsweise einen Multifunktionsdrehknauf. Mit ihm können unter anderem Blinker, Licht, Scheibenwischer und Hupe ohne Loslassen des Lenkrads bedient werden. Foto: Kevin Schmidt

Um ihre Hilfsmittel passgenau im jeweiligen Fahrzeug anzubringen, setzt das Unternehmen auf einen engen Beratungsprozess. „Der Kunde informiert sich vielleicht erstmal über unsere Internetseite, nimmt Kontakt auf, beschreibt sein Handicap“, beschreibt Sabiel. Wenn jemand etwas näher ausgeführt haben möchte, besteht auch die Möglichkeit, mit einem Vorführauto zum potenziellen Kunden zu fahren. Darüber hinaus geht das Team von Individual Hannover auch auf Institutionen wie Reha- und Physiotherapiezentren oder auch Autohäuser zu, um ihre Services anzubieten. „Autohäuser haben oft Kunden mit Handicap, die Neufahrzeuge kaufen, für dieses aber einen Umbau benötigen“, so der Bereichsleiter. Entsprechend bietet Individual Hannover seine Services deutschlandweit an, was nicht zuletzt am Ausschreibungsverfahren von staatlichen Kostenträgern liegt. „Teilweise werden die Umbauten von Kostenträgern ausgeschrieben. Das heißt, der Kunde muss sich für seinen speziellen Bedarf mindestens zwei Angebote einholen. Dann entscheidet der Kostenträger. So kann es schon mal sein, dass wir einen Kunden aus Berlin haben“, führt Sabiel aus. Günstig ist das natürlich nicht: 8.000 bis 15.000 Euro und darüber hinaus seien bei größeren Anpassungen für Privatkunden keine Seltenheit.

Um den Ein- und Ausstieg zu erleichtern, kann sich dieser Sitz aus dem Auto herausbewegen. Foto: Kevin Schmidt

Handwerk mit Geduld

Bei der Umsetzung der Projekte setzt der Betrieb auf Fachleute mit unterschiedlichsten Schwerpunkten; den einen Beruf gebe es nicht. Wichtig sei vielmehr, dass die Mitarbeiter eine Affinität zum Kfz-Bereich haben. „Bei uns sind unter anderem Metallbauer, Karosseriebauer und Elektriker tätig“, erzählt der Bereichsleiter. Aber nicht lediglich das Know-how sei von Bedeutung, sondern auch die Muße. Denn ein Umbau kann schon mal dauern – teilweise müssen Bauteile mehrmals angepasst werden: „Zum Beispiel bauen wir eine Halterung, die aber nicht auf Anhieb passt. Dann bauen wir sie wieder aus, flexen sie auseinander, schweißen sie neu und packen sie wieder rein. Manchmal gibt es Teile, die wir zehnmal anpacken müssen. Da muss man auch etwas Geduld mitbringen.“

Die Liftplattform kann bis zu 350 Kilogramm anheben und somit auch schwere elektrische Rollstühle bewegen. Foto: Kevin Schmidt

Wie lange eine Fahrzeuganpassung dauert, hängt schließlich vom Einzelfall ab. Standardumbauten, wie ein Multifunktionsdrehknauf am Lenkrad, können recht schnell integriert werden. Größere Umbauten nehmen auch mal mehr Zeit in Anspruch. „Manche Fahrzeugmodelle sind enger von der Bauform her. Da müssen wir dann schon mal die originalen Sitze ändern, sodass das alles passt. Bei anderen Modellen ist auch mal die Mittelkonsole sehr breit oder es ist wenig Platz im Fußraum“, erklärt Sabiel. Geduld benötigte das Team aber auch schon an anderen Stellen. Die Stichwörter hier sind Technologie und Elektronik im Fahrzeug.

„Hallo? Wo ist der Sitz?“

Moderne Fahrzeuge melden sich, wenn etwas nicht stimmt – und das kann beim Umbau schnell zum Problem werden. Wie Mike Sabiel erzählt, prüfen Sicherheitssysteme in den Fahrzeugen, ob alle Hardwarekomponenten an Bord sind: „Wir stehen ja oft vor der Aufgabe, dass wir einen originalen Sitz raus- und einen anderen Sitz reinbauen müssen. Das merkt das System im Fahrzeug dann und sagt praktisch: Hallo? Wo ist der Sitz?“ Früher konnten sie derartige Probleme mit normalen Testern einfach lösen: „Wir hatten ein Diagnosegerät, womit wir Steuergeräte programmieren konnten. Dann konnten wir dem System praktisch sagen: Pass auf, der rechte Sitz ist nicht mehr da. Brauchst du nicht zu prüfen!“ Heutzutage würden Sicherheitssysteme diesen Prozess allerdings erschweren, wie Sabiel weiter ausführt: „Diese Systeme sind geschützt durch eine Firewall und nur zugänglich, wenn man mit dem Tester über den Originalserver direkt im Herstellerwerk geht. Man geht also auf den Server im Werk, wo ein Ingenieur die entsprechenden Daten verändert. Er schaltet den Diagnosetester frei und dann kann man erst auf das Steuergerät gucken und programmieren.“  Es gebe mittlerweile auch Tester, die das können, aber: „Die Tester sind verdammt teuer und man muss mit den Herstellern Abos abschließen, um über den Fahrzeugherstellerserver die Steuergeräte ändern zu können. Aber nur so ist sichergestellt, dass wir auch tatsächlich in diese Firewall-gesicherten Steuergeräte kommen, wo wir ja auch herein müssen um entsprechende Teile raus zu codieren. Das ist ja auch für den TÜV-Prüfer am Ende wichtig“, erklärt Sabiel.

Mit dem Vorführauto zum Kunden; hier präsentiert ein elektrisch ausfahrender Sitz. Foto: Kevin Schmidt

Manche Umbauten forderten das Team auch ganz besonders heraus. Mike Sabiel erinnert sich an einen ganz besonderen Fall: „Der Kunde hatte von Geburt an keine richtigen ausgebildeten Hände, nur Ansätze von Fingern, kurze und steife Arme und auch keine richtigen Beine. Die Extremitäten waren nicht richtig ausgebildet und dann war der Kunde auch unter einem Meter groß.“ Fahren wollte er aber einen T6, einen VW-Bus. Nach intensiven Gesprächen folgten schließlich zahlreiche Anpassungen. Vom Sitz, über das Radio bis hin zum Lenkrad – alles musste entsprechend an die Möglichkeiten des Kunden angepasst werden: „Der Umbau hat bestimmt ein halbes Jahr gedauert, bis wir all das so hinbekommen haben, dass er das alles auch bedienen kann.“ Schließlich hat auch der TÜV den Wagen abgenommen. Nach jedem Umbau raten die Verantwortlichen von Individual Hannover ihren Kunden zudem zu zusätzlichen Fahrstunden, um sich während der Fahrt und unter Aufsicht an die Umbauten gewöhnen zu können. Denn so ausgeklügelt der Umbau auch sein mag – am Ende liege es beim Fahrer selbst. „Letztendlich muss der Kunde die Bedienung dann schon selber lernen“, mahnt Sabiel abschließend.

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