Dr. Till Nattermann über das Projekt KISSaF

Künstliche Intelligenz wird zu einer Schlüsseltechnologie in der Mobilität

Dr Till Nattermann ZFDr. Till Nattermann leitete das KISSaF-Projekt – er ist Engineering Manager bei ZF.  Foto: ZF

Für automatisierte Fahrfunktionen nach Level 3 und höher muss das Fahrzeug Verkehrssituationen antizipieren können – agieren, statt nur zu reagieren. ZF hat gemeinsam mit der TU Dortmund und dem Entwicklungsdienstleister INGgreen im Projekt KISSaF den Versuch unternommen, Künstliche Intelligenz darauf zu trainieren, die wahrscheinlichsten Handlungen anderer Verkehrsteilnehmer einige Sekunden vorherzusagen und entsprechend zu agieren. Das Projekt ist laut ZF nun erfolgreich abgeschlossen. 

Die Komplexität im Straßenverkehr, die Möglichkeit potenziell eintretender Situation ist enorm. Herr Nattermann, Sie haben nun im Projekt KISSaF versucht herauszufinden, wie Verkehrskonstellationen möglichst präzise vorhergesagt werden können. Wie präzise kann man sein und wo liegen noch die größten Herausforderungen?

Dr. Till Nattermann: Die Präzision hängt maßgeblich von der benötigten Vorausschau ab. Wir haben unsere Künstliche Intelligenz mittlerweile so gut trainiert, dass sie dynamische Verkehrssituationen problemlos vorhersehen kann, die rund drei Sekunden in der Zukunft liegen. Spurwechsel werden somit zum Beispiel deutlich sicherer. Auch das Anhalten anderer Verkehrsteilnehmer kann die KI frühzeitig erahnen. Deutlich komplexer sind allen voran Szenarien, in denen längere Prädiktionen nötig sind. Dazu gehören zum Beispiel Abbiegevorgänge anderer Verkehrsteilnehmer über eine Spur mit Gegenverkehr. Auch Situationen, die wir selten im Realverkehr erleben und entsprechend nur schwer von der KI gelernt werden können, sind eine Herausforderung, für die wir aber in Zukunft eine immer präzisere Lösung haben.

KISSaF ist abgeschlossen, wie geht es nun auf Seiten ZFs weiter? Wie machen Sie die gewonnenen Erkenntnisse nutzbar, wo finden Sie Anwendung?

Dr. Till Nattermann: Wir nutzen die gewonnenen Erkenntnisse, um unsere fortschrittlichen Fahrerassistenzsysteme (ADAS) weiter zu verbessern. Bei vielen führt der Einsatz unserer KI bereits zu spürbaren Verbesserungen. Die KI selbst werden wir in Richtung Skalierbarkeit für den Serieneinsatz weiterentwickeln. Klar ist auch: Die KI lebt von Daten. Daher schauen wir auch auf mögliche Partnerschaften mit OEMs, um gemeinsam die Weiterentwicklung zu beschleunigen. Das ZF-Know-how in Kombination mit Daten von Partnern aus einer sich bereits im Verkehr befindlichen Fahrzeugflotte kann die Entwicklung massiv beschleunigen. Am Ende profitieren beide Seiten davon, und zuletzt natürlich durch ein Mehr an Sicherheit und Komfort auch die Menschen im Auto selbst.

Welche weiteren Möglichkeiten zur Verbesserung von Verkehrssicherheit sehen Sie in Künstlicher Intelligenz?

Dr. Till Nattermann: Ich bin davon überzeugt, dass Künstliche Intelligenz sich zu einer Schlüsseltechnologie im Bereich Mobilität entwickeln wird. Bereits heute sind beispielsweise mit der General Safety Regulation der EU Geschwindigkeitslimit-Anzeigen in Fahrzeugen Pflicht. Diese werden überwiegend durch Künstliche Intelligenz in der Bildverarbeitung von Kameras erfasst. Solange wir einen Mischverkehr aus menschlichen Fahrern und (semi-)automatischen Systemen haben, wird die Fähigkeit, aus Gesehenem zu lernen, der effektivste Weg sein, sich sicher im Verkehr zu bewegen. Wir Menschen machen es nicht anders: Eine bestandene theoretische Führerscheinprüfung reicht nicht aus. Wir müssen anschließend noch in der Praxis lernen, den Verkehr zu beurteilen. Dem Einsatz von KI sind keine technologischen Grenzen gesetzt. Insbesondere in unübersichtlichen oder ungewohnten Verkehrssituationen ist KI eine wichtige Ergänzung zum Fahrer.

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