Automechanika-Direktor Olaf Mußhoff im Interview

“Der perfekte Ort, um den Konflikt zwischen dem Independent Aftermarket und den OEMs zu diskutieren”

Berichtet im Gespräch mit Automtive Insights über den Kosmos "Automechanika": Messe-Direktor Olaf Mußhoff.  Foto: Kevin Schmidt

Vom 8. zum 12. September ist Frankfurt wieder die Anlaufstelle für die Menschen des Automotive Aftermarkets. Ihr zeigt auf der Automechanika die im Kfz-Servicegeschäft relevanten Trends: Vernetzte Fahrzeuge, Elektromobilität und natürlich die Daten als zentraler Faktor im Kfz-Gewerbe. Doch vorab, lass uns kurz in die Geschichte der Messe blicken. 

Olaf Mußhoff: Gerne. Die Automechanika ist als Marke weltweit mittlerweile ein Kosmos für sich. Gegründet wurde sie 1971 hier in Frankfurt, als die IAA aufgrund der damaligen Wirtschaftskrise abgesagt wurde. Der Aftermarket, insbesondere die Werkstattausrüster, erkannte damals den Nutzen einer eigenen Plattform für Werkstätten und Servicetechniker. Verbände und die Messe Frankfurt taten sich zusammen und riefen die Automechanika ins Leben. Wir starteten mit 400 Ausstellern und ungefähr 75.000 Besuchern. Das war schon eine ordentliche Hausnummer für damalige Verhältnisse. Seit 1972 fand die Messe dann im Zweijahres-Turnus abwechselnd mit der IAA statt.

Das hat sich einfach in der Branche insgesamt sehr gut etabliert. Was wir im Laufe der Jahre gemerkt haben, ist, dass der Automotive Aftermarket auf der einen Seite ein sehr lokales und regionales Geschäft ist, aber gerade von der Industrie her auf der anderen Seite auch ein globales. Und deswegen haben unsere Vorgänger entschieden, die Automechanika als Marke zu exportieren. 1997 gab es die erste Automechanika im Ausland, das war in Sankt Petersburg. Und dann ging es Schlag auf Schlag: 1999 Mexiko, 2000 Buenos Aires, 2001 Istanbul, 2003 Dubai, Kuala Lumpur, 2004 Shanghai und so weiter. Und unser neuestes Baby ist die Automechanika in Jakarta, und im März 2027 veranstalten wir auch in Baku.

Die diesjährige Ausgabe in Frankfurt soll die Transformation der Branche zeigen und die Themen Nachhaltigkeit sowie Ausbildung und Recruiting in den Fokus rücken. Ansonsten wird die Vielfalt des Marktes sichtbar: Diagnose, Reparatur, digitale Services, Elektronik, Ersatzteilkomponenten, Fahrzeugwäsche, Karosserie, Öl und Schmierstoffe sowie Räder- und Reifenservices. Wo habt Ihr für dieses Jahr in der Konzeption nachjustiert?

Olaf Mußhoff: Wir justieren eigentlich immer nach, weil der Markt sich verändert. Das heißt, wir dürfen und wollen nicht stehen bleiben. Die wichtigen Felder sind Innovation, Transformation und Nachhaltigkeit. Ein ganz wichtiges Thema sind aus meiner Sicht Software-Defined Vehicles. Diese werden den Aftermarket extrem beeinflussen. Aktuell fahren auf den Straßen noch vermutlich um 90 Prozent Autos, die man nicht als Software-Defined Vehicles bezeichnen würde. Aber diese Fahrzeuge kommen sicher weltweit in Masse auf die Straßen. Es gibt nichts Wichtigeres für Werkstätten, als sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Und deswegen wollen wir in unserem Format „HighTech4Mobility" dieses Zukunftsfeld ausleuchten. Was sind die Herausforderungen, die Angebote von OE-Seite und was bedeutet das für den Aftermarket? Und welche Geschäftsmodelle ergeben sich in Zukunft? Wir wollen die Zukunftsfähigkeit des Aftermarkets nach vorne bringen.

Das Thema Datenhoheit hast Du jetzt schon angerissen. Das ist natürlich ein Kernthema des Aftermarkets. Die Hersteller haben große Macht, aber zuletzt gab es ermutigende Urteile für das Kfz-Gewerbe. Die Überarbeitung von Anhang X der europäischen Typgenehmigungsvorschriften weitet unter anderem die Informationspflichten der Hersteller deutlich aus. Die Automechanika ist auch die Plattform für einen Austausch zwischen Herstellern und Aftermarket-Akteuren.

Olaf Mußhoff: Ja, wir wollen diesen Austausch bewusst fördern. Die Automechanika Frankfurt hat sich in den letzten 20 Jahren tatsächlich sehr stark zu einer Messe des Independent Aftermarket entwickelt. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, den gesamten Aftermarket abzubilden. Dazu gehört natürlich auch der markengebundene Aftersales. Wir arbeiten jetzt in diesem Jahr zum ersten Mal mit dem VDIK zusammen. Wir wissen natürlich genau über die Diskussion zum Thema Datenhoheit Bescheid. Wer hat Zugriffsrechte, welche Zugriffsmöglichkeiten gibt es – die werden in Brüssel diskutiert und am Ende des Tages auch in Brüssel für ganz Europa entschieden. Wir als Automechanika Frankfurt sind neutral. Wir bieten eine Plattform, auf der alle Sichtweisen, alle Meinungen ihre Berechtigung haben und miteinander ausgetragen werden. Die Automechanika ist der perfekte Ort, um den Konflikt zwischen dem Independent Aftermarket und den OEMs konstruktiv zu diskutieren und in eine gemeinsame Zukunft zu gehen.

Lass uns in eine Art Vogelperspektive gehen, ein wenig allgemeiner auf das Messegeschäft und den Wettbewerb unserer Zeit schauen. Was macht die Automechanika bedeutsam?

Olaf Mußhoff: Die Automechanika Frankfurt ist natürlich die wichtigste Messe für den Automotive Aftermarket in Deutschland – und wir sind auch global eine Leitmesse. Die Globalität ist ein wesentliches Kriterium, das uns von anderen Messen der Branche unterscheidet. Und unsere Messe lebt vom fachlichen Austausch. Eine Herausforderung für eine Fachmesse ist es aber auch, neben rein beruflichen auch emotionale Bedürfnisse zu befriedigen. Nach der Pandemie haben wir viele neue Formate entwickelt, die wir jetzt in diesem Jahr noch mal verstärken, weil wir der festen Überzeugung sind, dass wir dieses Persönliche, dieses Miteinander und das Emotionale brauchen. Bindungen herstellen und die Relevanz behalten, auch losgelöst von den fachlichen Themen. Zusammengefasst: Fachlich auf der einen Seite, emotional auf der anderen Seite, dies beides zusammengeschnürt und eine große schöne Schleife drum gemacht, ergibt die Automechanika Frankfurt.

… eine Emotionalisierung, auch wenn es als Fachmesse erstmal vielleicht sehr technisch ausgerichtet klingt. Aber es gibt gewisse Eventanteile bei Euch und Begegnungsplattformen. Hinsichtlich der Internationalisierung dürfte es aber auch einen Sättigungsgrad geben?

Olaf Mußhoff: Wir veranstalten 16 Ausgaben der Automechanika auf der ganzen Welt. Ich werde immer wieder auch von Ausstellern gefragt: Kannibalisiert ihr euch mit euren vielen Veranstaltungen nicht selbst? Und die Antwort ist relativ einfach: Nein! Denn der Charakter der Veranstaltung unterscheidet sich. Ich habe beschrieben, was die Automechanika in Frankfurt ausmacht: Sie ist eine Weltleitmesse. Die ganze Welt kommt hierher. Dann haben wir noch drei andere Messen, die auch sehr international sind. Das sind die Automechanika Shanghai, Dubai und Istanbul – auch internationale Plattformen, aber bei weitem nicht so international wie Frankfurt und auch nicht so auf Innovationen ausgerichtet. Und dann haben wir die vielen anderen Veranstaltungen, die regionale Märkte oder teilweise sogar nur lokale Märkte bedienen. Wir gehen in solche Märkte, wenn wir wissen, dass die Nachfrage auf der Aussteller- und Besucherseite da ist, wo wir gebraucht werden. Und wir kannibalisieren uns deswegen nicht, weil wir eben diese unterschiedlichen Zielgruppen ansprechen und Sichtbarkeit in relevanten Märkten schaffen.

Namen & Fakten zur Automechanika Frankfurt 2026
Zur diesjährigen Messeausgabe erwarteten die Veranstalter mehr als 4.400 Aussteller aus 80 Ländern. Zulieferer-Größen wie Aumovio, Bosch, Brembo, Mahle, Schaeffler und ZF zeigen in Frankfurt, mit welchen Lösungen und Konzepten sie Werkstätten unterstützen. Der Bereich Öle & Schmierstoffe wird unter anderem von Castrol, Emka, Liqui Moly, Mannol, Ravenol, Rowe, Vierol und Zeller+Gmelin vertreten. Als weitere bekannte Marken zeigen auch die Alzura AG, Carbon, Encory, Hengst, Herth+Buss, Hunter, Mann+Hummel, Meyle und Stahlgruber Flagge, während etwa BMW und Stellantis den markengebundenen Aftermarket repräsentieren. Einen detaillierten Überblick liefert das vollständige Ausstellerverzeichnis, Tickets für die Messe sind über die Automechanika-Website zu erwerben.

Viele potenzielle Ausstellerfirmen kürzen ihre Marketingausgaben und Messebudgets. Warum muss man eine Automechanika-Präsenz in Frankfurt haben?

Olaf Mußhoff: Die Frage ist leicht gestellt und extrem schwer zu beantworten. Natürlich könnte ich jetzt aus meiner Sicht sagen: … weil wir die tollste Messe sind und man einfach hier sein muss. Aber nur weil ich das sage, ist es für das Industrieunternehmen ja noch keine Begründung, bei uns auszustellen. Was ich im Laufe der letzten Jahre gelernt habe, ist, dass jedes Unternehmen seine eigene Strategie in Bezug auf Messe-Teilnahmen verfolgt. Messebudgets unterliegen natürlich immer wieder der Überprüfung. Wir schaffen langfristige Kundenbeziehungen zwischen uns als Veranstalter und unseren Ausstellern und bieten Unternehmen eine vernünftige Plattform, ihre Messebeteiligungsziele zu erreichen. Und die können völlig unterschiedlich sein. Von „Ich will meine stabile Marke zeigen und brauche gar keine neuen Kunden" bis hin zu „Ich bin ganz neu und muss überhaupt mal den Markt verstehen und meine Marke bekannt machen". Und dazwischen kann sich so ziemlich alles abspielen, was man sich im Marketing und im Markenauftritt vorstellen kann.

E-Mobilität kommt auch hierzulande im Massenmarkt an und verändert den Aftermarket. Die Komponentenvielfalt wird langfristig schrumpfen. Was bedeutet das für die Automechanika?

Olaf Mußhoff: Auf der einen Seite werden sicherlich Aussteller und Industrieunternehmen wegbrechen, die sich komplett auf den Verbrennungsmotor spezialisiert haben. Insgesamt ist die Wirtschaftsstruktur stark mittelständisch geprägt. Das ein oder andere Familienunternehmen, das sich auf bestimmte Herstellungsprozeduren konzentriert hat und bestimmte Teile für Verbrennungsmotoren produziert, also hauptsächlich den aktuell bestehenden Fahrzeugpark bedient, wird in zehn Jahren nicht mehr dabei sein. Der große Vorteil im Aftermarket ist aber, dass der bestehende Fahrzeugpark nicht innerhalb von zwei Jahren komplett von Verbrenner auf Elektro umgestellt wird. Es ist eine Entwicklung, die sich über Jahre zieht, was vielen Unternehmen die Möglichkeit zur Anpassung bietet. Es wird zudem, losgelöst von der Art des Antriebs, neue Geschäftsmodelle geben, die sehr stark aus der Digitalisierung erwachsen. Wir werden in zehn Jahren eine Automechanika in Frankfurt erleben, die viel datengetriebener und geschäftsmodellgetriebener sein wird. Und trotzdem glaube ich, wenn wir den Horizont zehn Jahre im Blick behalten, bedienen wir als Weltleitmesse eben auch alle Märkte weltweit, und wir werden künftig nicht davon sprechen, dass es keine Verbrenner mehr gibt, sondern von einem Nebeneinander verschiedener Lösungen.

Brandmanager Michael Johannes und Kommunikationsmanagerin Dr. Ann-Katrin Klusak sprachen im Rahmen eines Pre-Events zur Automechanika. Foto: Kevin Schmidt

Wir haben eine Komponente im Markt, die ganz sicher auch in zehn Jahren noch eine Rolle spielen wird: der Reifen. Und der wird tatsächlich auch im Zuge der Elektromobilität nochmal an Bedeutung zulegen, wenn es um den Faktor Wirtschaftlichkeit geht. Gibt es Eurerseits Bestrebungen, dem stärker Rechnung zu tragen und das Ausstellerfeld hier zu erweitern?

Olaf Mußhoff: Ja, natürlich ist die Bestrebung da, weil Reifen ein relevanter Teil des Aftermarket sind. Nicht nur in der Erstausrüstung, sondern gerade im Ersatzmarkt. Aber wir sehen dann auch, dass es etablierte Veranstaltungen in Deutschland gibt, die den Herstellermarkt abdecken. Ich glaube, was wir als Automechanika liefern können, ist, dass wir das gesamte Servicegeschäft mit Reifen bei uns abbilden können. Alles, was mit dem Reifenservice zu tun hat, findet man auf der Automechanika Frankfurt, und ich freue mich außerordentlich, dass wir jetzt auch schon zum zweiten Mal mit Pirelli einen durchaus renommierten Reifenhersteller als Aussteller haben. Continental ist sowieso schon seit vielen Jahren Aussteller. Das Thema Reifen ist für mich sicherlich etwas, mit dem ich mich die nächsten Jahre weiter beschäftigen werde.

Als Messegesellschaft wisst Ihr um Eure Stärke und die Bedeutung für die Stadt Frankfurt. Die Abstrahleffekte für die Region sind erheblich.

Olaf Mußhoff: Um Euch mal eine Idee zu geben: Wir als Messeunternehmen erwirtschaften ungefähr einen Umsatz von 780 Millionen Euro weltweit. Der wirtschaftliche Gesamtbeitrag, die sogenannten sozioökonomischen Effekte, die wir hier in Deutschland auslösen, liegt bei ungefähr 3,7 Milliarden. Messebauer, Hotelbelegungen, Restaurants, Taxis usw. Es hängen etwa 30.000 Arbeitsplätze bundesweit von den Aktivitäten der Messe Frankfurt ab, ungefähr 5.000 Arbeitsplätze in Hessen. Losgelöst davon, was wir mit einer Automechanika Frankfurt für die Automotive-Branche leisten, machen wir eben auch sehr viel Positives für das Land Hessen und die Bundesrepublik Deutschland. Knapp 700 Millionen Euro Steuereinnahmen werden durch unsere Tätigkeiten generiert, und wir schütten pro Jahr circa 45 Millionen an unsere Eigentümer aus.

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