Im europäischen Reifenersatzmarkt ist eine Vielzahl an Herstellern aus Fernost über die letzten zwei Jahrzehnte zu kräftigen Wettbewerbern erwachsen. Japanische Marken spielen seit langer Zeit im Premium-Segment mit, im Sog rückten auch die koreanischen Playern auf und zuletzt schickten sich mit Macht chinesische Namen in aussichtsreiche Position. Doch der angekündigte Punch aus China scheint zumindest im Consumer-Bereich vorerst zu verpuffen. Antidumping-Zölle auf dort produzierte Reifen mischen die Karten im Markt in gewisser Weise neu.
Zwar produzieren die hungrigsten Hersteller aus China ihre Reifen ohnehin bereits auch in Thailand, Kambodscha, Vietnam und sogar direkt in Europa. Wirksamkeit dürften die Zölle dennoch entfalten, da die Reifenwerke außerhalb Chinas eine höhere Nachfrage in Europa aus dem Stand nicht abdecken können. Die Umgehung der Antidumping-Zölle über Drittländer ist dennoch das zu erwartende Muster. Ein Reifen, der zu einem ausreichenden Wertschöpfungsanteil in Vietnam oder Thailand gefertigt wird, unterliegt grundsätzlich nicht den China-Zöllen, auch wenn das Mutterunternehmen chinesisch ist. Es dürfte etwa zwei bis drei Jahre brauchen, die Kapazitäten der Reifenwerke in Kambodscha, Indonesien, Thailand oder Vietnam zu vergrößern. Unverändert groß bleibt die Herausforderung, dem immer wieder erneuerten Vorwurf des unfairen Wettbewerbs aus China entgegenzuwirken. Antidumping-Zölle und die von Reifentestern oder Prüfinstanzen gern pauschal formulierten Warnungen vor chinesischen „Billigreifen” prägen ein Bild bei Verbraucherinnen und Verbrauchern, das sich nur über einen langen Atem und große Marketingbudgets aufweichen lässt. Die Marktanteile im Consumer-Bereich sind hierzulande unverändert marginal. Dies zeigt auch eine Auswertung der B2B-Plattform Alzura Tyre24. Sicher, im europäischen Vergleich gesehen, stellt der deutsche Markt aufgrund seiner Premium-Affinität die größte Hürde dar – mit der aber für das Image einer Marke größten Strahlkraft.
Reiner Winterreifen-Markt im Minus
Der deutsche Pkw-Winterreifen Markt des vergangenen Jahres zeigte eine Fortsetzung der Trends aus den Vorjahren: Eine höhere Preissensibilität, Korea-Power und eine weiter steigende Nachfrage nach Ganzjahresreifen. Da wo kein Schnee fällt, wird es im Handel immer schwieriger, reine Winterreifen zu vermarkten. Auch der Blick auf die gesamteuropäischen Zahlen verdeutlicht die steile All-Season-Kurve. Über 110 Millionen Consumer-Reifen verkauften die Tyres-Europe-Mitgliedsunternehmen im ersten Halbjahr 2026, das moderate Plus von 2 Prozent wurde jedoch ausschließlich vom anhaltenden Ganzjahresreifen-Trend (+9 Prozent) getragen. Winterreifen wiederum gaben im ersten Halbjahr insgesamt um 5 Prozent nach. Zurückgeschwenkt auf den deutschen Markt, dokumentiert sich diese Entwicklung auch auf nationaler Ebene: In 2025 betrug der Anteil vermarkteter Winterreifen über Alzura Tyre 24 im Gesamtjahr 2025 30,8 Prozent, nach im Vorjahr noch 35,2 Prozent. Das Top-Ranking der Reifenhersteller in diesem Segment bleibt unverändert. Hankook und Continental geben das Tempo vor. Es folgen Nexen, Kumho, Bridgestone und Pirelli.
Die Top-Winterreifenhersteller im AlzuraTyre24-Ranking
- Hankook
- Continental
- Nexen
- Kumho
- Bridgestone
- Pirelli
Dunlop sucht nach Re-Start den Anschluss
Die B2B-Onlinekanäle zeigen eine weitestgehend stabile Ordnung der Marken im Winterreifen-Segment. Lediglich Dunlop hat an Boden verloren, was aber mit dem Re-Start unter dem Sumitomo-Dach wieder umgekehrt werden soll. Bislang allerdings verhält man sich in der Zentrale der Dunlop Tyre Europe GmbH weiter defensiv. Nach Ankündigungen – auch im Podcast von Automotive Insights – von Managing Director Markus Bögner, den Markt intensiv mit der Marke anzugehen, wirkt im Hintergrund aktuell doch wohl eher noch die Abstimmung in strategischen Fragen, die eine größere Welle verhindert. Marketingmaßnahmen Richtung Handel und Werkstatt wurden bislang außer in einem eilig aufgesetzten Fahrevent in Spanien und einer Präsenz auf The Tire Cologne im laufenden Jahr ansonsten kaum sichtbar initiiert. Es ist noch eine gehörige Strecke zu gehen, um Dunlop im Premium-Segment wieder stabil zu etablieren.
Die Top-Profile im Winterreifen-Segment bei den über Alzura Tyre24 vermarkteten Produkten sind der Hankook W462 Winter i*cept RS3, der Hankook W330 Winter i*cept EVO3 und der Kumho WP52 Wintercraft. Korea-Power dominiert also das Profil-Podium. Dass beispielsweise Michelin oder Goodyear, aber auch eine traditionelle Winterreifen-Marke wie Nokian auf dem deutschen B2B-Onlinemarkt nicht mal in Sichtweite der relevanten Produktkonkurrenz erscheint, lässt sich auf vielerlei Ebenen deuten. Zuallererst zeigt es aber deutlich, dass andere Hersteller den Takt vorgeben. Die über Alzura am häufigsten vermarkteten Reifengrößen sind mit 205/60 R16, 205/60 R16 und 195/65 R15 allesamt Dimensionen für kompakte Autos, Kombis und Fahrzeuge der unteren Mittelklasse.
Aus der gesamteuropäischen Sicht auf den Reifenersatzmarkt galt es in den vergangenen Jahren immer auch die Importquote einzuordnen. Deutlich sichtbar waren die Auswirkungen der angekündigten Antidumping-Zölle auf Importe über alle Reifen-Segmente hinweg. Bei den von Tyres Europe ermittelten Importen machten sich erneut die Anfang Juli final festgesetzten Antidumping-Zölle auf Reifen aus China bemerkbar. „Aus Angst vor einer rückwirkenden Erhebung von Zöllen bauten die Importeure in den ersten drei Quartalen des Jahres 2025 Lagerbestände auf, wobei auf China zu diesem Zeitpunkt 70 Prozent der EU-Importe entfielen”, heißt es hierzu in einer Mitteilung des Verbandes. Als diese Lagerbestände abgebaut wurden, gingen die chinesischen Importmengen laut Tyres Europe-Angaben im ersten Quartal 2026 um 57 Prozent zurück, wodurch sich der Anteil Chinas auf 42 Prozent verringert habe. In den ersten beiden Monaten des zweiten Quartals blieben die Mengen dann unverändert, so der Verband. Interessant ist auch der Blick auf das Vereinigte Königreich: Dort liegt der Anteil von aus China importierten Reifen unverändert bei rund 75 Prozent. In der EU stiegen unterdessen die Einfuhren aus anderen Quellen in die EU in den beiden ersten Quartalen des Jahres 2026 um rund 40 Prozent, sie glichen den Rückgang aus China jedoch nicht vollständig aus. Bis Ende Mai lag das Importvolumen in die EU um knapp 11 Prozent unter Vorjahresniveau.
Unabhängig von Importverschiebungen aufgrund der Antidumping-Zölle sind die für Reifenhandel und Werkstatt entscheidenden Fragen die der Bevorratung, des Preises und der Verfügbarkeit. Und wie viel Lagerfläche gehört eigentlich morgen noch dem klassischen Winterreifen? Die Beantwortung knüpft sich immer stärker an die bearbeitete Region, den Fahrzeugbestand und das Nutzungsprofil im Kundenstamm. Der europaweite Trend zum Ganzjahresreifen ist die eigentliche Wachstumsstory im Reifenersatzmarkt. Am Kuchen der Saisonal-Spezialisten wird also weiter geknabbert, nur die Bissgröße entscheidet sich zunehmend im Lager.
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