Auto Shanghai: Trends der Neuen Mobilität

„Local for Local“ wird zur Strategie-Maxime

Automarkt_ChinaChina ist der wichtigste Markt der Welt für Automobilhersteller und Zulieferer.  Foto: eyetronic - stock.adobe.com

Die Unsicherheiten, die US-Präsident Trump durch seine Politik der Zölle verursacht hat, hebt die Bedeutung des chinesischen Marktes für deutsche Automobilhersteller und Zulieferer auf ein nochmal anderes Niveau. Ohne China geht ohnehin nichts – jedes Unternehmen von Rang produziert seit vielen Jahren vor Ort. Mit insgesamt rund 31 Millionen verkauften Fahrzeugen war China auch 2024 der global größte Automarkt. Die deutschen Marken haben aber in den letzten fünf Jahren massiv Marktanteile verloren. Auf der Messe Auto Shanghai war deutlich zu sehen, wie diese zurückerobert werden sollen: die Bedürfnisse der chinesischen Kundschaft finden deutlich stärker Ausdruck in den Produktstrategien. „Local for Local“, so lautet die vorherrschende Strategie für China. 

Die gesamte Innovationskraft der Automobilindustrie bündelt sich aktuell in den Bereichen Elektromobilität, Software und KI, Vernetzung und autonomes Fahren. Die auf der Auto Shanghai präsentierten Modell-Neuheiten und -Studien zeigen eindeutig, wo die Musik spielt. Da kann man hierzulande noch so häufig über Technologieoffenheit und neue Kraftstoffe parlieren, die Zukunft der Mobilität ist bereits in voller Fahrt. Allein VW zeigte auf der Auto Shanghai mit dem SUV ID.Evo, der Limousine ID.Aura und dem ID.Era gleich drei E-Studien. Über Joint Ventures mit chinesischen IT-Unternehmen wurde in Rekordzeit eine Software-definierte Umgebung auf ein für deutsche Hersteller neues Niveau gehoben, zudem werden Reichweiten von bis zu 1000 Kilometern schon bald Wirklichkeit sein. Dass dies auch das Interesse und in der weiteren Ausprägung das Verlangen der hiesigen Kundschaft füttern wird, dürfte klar sein. 

VW war lange Jahre tonangebend in der Bearbeitung des Wachstumsmarktes China. Die Kräfteverhältnisse haben sich aber massiv verschoben. Der Marktanteil ausländischer Automobilhersteller in China lag im Jahr 2020 noch bei 64 Prozent. Aktuell werden annähernd 70 Prozent der in China verkauften Fahrzeuge von nationalen Herstellern produziert. Schaut man sich die rein elektrisch betriebenen Einheiten an, so wird die Marktdominanz mit 90 Prozent noch evidenter. BYD ist in Verkaufsvolumen gerechnet die Nummer 1. VW ist auf Rang 3 abgerutscht, hat jedoch nach wie vor einen chancenreichen Marktzugang. Eine stärkere Adressierung der Bedürfnisse chinesischer Autofahrer soll künftig wieder Augenhöhe herstellen. Alle ausländischen Automobilhersteller lassen jetzt von lokalen Teams speziell für chinesische Kunden entwickeln. Mit der vorherigen Strategie, also globale Modelle mit Anpassungen in China zu vermarkten, lassen sich keine Anteile mehr gewinnen. 

Schlüsselmarkt China

Dem Prinzip „Local for Local“ hat sich auch die Zulieferindustrie verschrieben. Der Continental-Unternehmensbereich Automotive verkündete auf der Auto Shanghai, dass er zukünftig unter dem Namen Aumovio firmieren wird. Als eigenständiges Unternehmen sollen Potenziale besser genutzt werden. Als Anbieter von Elektronikprodukten und modernen Mobilitätslösungen für das software-definierte Fahrzeug will Aumovio in der vernetzten und autonomen Mobilität der Zukunft eine relevante Rolle spielen. Im Geschäftsjahr 2024 hat der Conti-Bereich Automotive rund 14 Prozent seines weltweiten Umsatzes in China generiert. Der chinesische Automobilmarkt wird laut Einschätzung einiger Analysten in den kommenden fünf Jahren voraussichtlich schneller als der globale Markt wachsen. Für Aumovio ist China von zentraler Bedeutung, will das Unternehmen aus dem Conti-Konzern herausgelöst noch Mitgestalter der Automobilindustrie bleiben. “Unser Anspruch ist es, unsere Position in den Zukunftsfeldern und Wachstumsmärkten der Mobilität weiter auszubauen. Gerade in China wird diese Strategie deutlich. Hier setzen wir unter anderem auf unsere starke lokale Präsenz, indem wir vor Ort für den chinesischen Markt produzieren und entwickeln“, bekräftigt Philipp von Hirschheydt. Der Unternehmensbereich Automotive ist seit 30 Jahren in China präsent und beschäftigt derzeit dort rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Division hat ihre Wertschöpfungskette in China in den vergangenen Jahren lokal ausgebaut, um chinesische und internationale Automobilhersteller mit Fertigung vor Ort und lokalen Lieferketten bedienen zu können.

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Aumovio – Philipp von Hirschheydt stellte den neuen Namen der Conti-Division Automotive auf der Auto Shanghai vor. Foto: Continental

Beschleunigte Entwicklungszyklen

Die Entwicklungszeiten auf Hersteller- und Zulieferer-Seite müssen sich beschleunigen. Dies ist eine zentrale Erkenntnis, die sich aus der Nachreflektion der Auto Shanghai gewinnen lässt. Produkteinführungs-Zyklen von annähernd fünf Jahren sind nicht nur in China, sondern auch in den globalen Märkten kaum noch vorstellbar. Zu schnell entwickeln sich die digitalen Möglichkeiten, die das Auto der Zukunft definieren. China ist nicht nur aufgrund der Größe, sondern auch hinsichtlich der Kundenbedürfnisse ein Entwicklungs-und Strategie-Bootcamp. Wer hier besteht, kann es überall schaffen. Von zentraler Bedeutung für den Erfolg werden auch Partnerschaften sein. Gerade im Bereich Software und Vernetzung ist es unerlässlich, Entwicklungs-Know-how und Agilität miteinander zu verbinden. Aktuell ist es eher so, dass die europäischen Akteure viel von Chinesen lernen. Lange Zeit war der umgekehrte Informationsfluss der gängige. 

Die Bereitschaft zu Kooperationen wurde auf der Auto Shanghai sichtbar. Volkswagen öffnete wie eingangs angerissen den Vorhang für ein elektrisches Stufenheck-Modell von FAW-Volkswagen, ein Elektro-SUV im B-Segment von SAIC Volkswagen sowie ein vollelektrisches SUV von Volkswagen Anhui. Alle drei Studien sollen die neue China-DNA von Volkswagen verkörpern – sowohl bei Technologie und Design als auch in Sachen Entwicklungszeit, die um mehr als 30 Prozent reduziert wurde, heißt es seitens VW. Durch ein Joint Venture zwischen Cariad, der VW Software-Sparte, und Horizon Robotics haben die Wolfsburger zudem ihre regionale Entwicklungskompetenz für autonomes Fahren in China gestärkt. Aber nicht nur Volkswagen beweist seine Offenheit und Adaptionsfähigkeit. Auch Mercedes investiert kräftig in Partnerschaften vor Ort und bereitet die Einführung exklusiver Fahrzeugeinheiten für China vor. BMW hat auf der Auto Shanghai 2025 eine Kooperation mit dem chinesischen KI-Unternehmen DeepSeek angekündigt. Diese ist aber auf den chinesischen Markt beschränkt. Und Audi lernt von SAIC in Sachen Software, KI und Elektromobilität.

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Die Auto Shanghai fand erstmals 1985 statt – sie zählt mittlerweile zu den wichtigsten Automobilmesse weltweit. Foto: Messe München

Und wie strahlt das in den Aftermarket, was auf der Auto Shanghai präsentiert wurde? Nicht nur aufgrund der Größe des Marktes und der Dynamik lässt sich am chinesischen Automarkt ablesen, wohin die Reise gehen wird. Die Zweifel an der Elektromobilität, die hierzulande auch unter vielen Automotive-Journalisten vorherrschten, lösen sich auf. Wenn nun von den politischen Handlungsträgern, wie im Koalitionsvertrag der neuen Regierung angedeutet, wieder Fördermaßnahmen zum Hochlauf der Elektromobilität auf den Weg gebracht werden, entfaltet sich auch die Nachfrage in anderem Maße. Bei den Zulassungszahlen verstetigte sich im bisherigen Jahresverlauf (Januar-April) ein Wachstum: PHEV plus 46,6 Prozent, BEV plus 42,8 Prozent. Und auch Kfz-Servicebetriebe sollten nun einschwenken und ihre Kompetenzen im Bereich der Elektromobilität ausbauen. Mit etwas Delay zwar, aber dann geballt werden die Fahrzeuge in die Werkstätten kommen. Der Servicebedarf wird sich etwas anders darstellen: Zündkerzen, Getriebe, Auspuffanlage, Steuerkette, Zahnriemen – diese Komponenten verlieren an Relevanz. Reifen, Elektronik, Lenkung, Bremsen oder Luftfilter werden im Service für Elektrofahrzeuge aber ihre Bedeutung behalten. 

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