Liqui Moly ist in Ulm beheimatet, erzielt aber inzwischen etwa zwei Drittel seiner Umsätze im Ausland. Welche Rolle spielt die lokale Verwurzelung respektive das Label “Made in Germany” im Rahmen dieser fortgeschrittenen Internationalisierung?
Günter Hiermaier: ‘Made in Germany‘ hat uns in vielen Ländern die Türen geöffnet und so gehörigen Anteil an unserer erfolgreichen Internationalisierung. In unsere DIN-ISO-zertifizierten Standorte in Ulm und Saarlouis investieren wir permanent. So werden wir dem ebenfalls permanent steigenden Umsatzwachstum gerecht. Liqui Moly gibt es weltweit in 150 Ländern mit inzwischen acht Auslandsgesellschaften. Die jüngste ist die 2022 gegründete Liqui Moly Austria GmbH. Weitere gibt es in Australien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Südafrika, in den USA sowie in Spanien und Portugal zusammengefasst als Liqui Moly Iberia. Für weiteres Wachstum gibt es reichlich Potenzial, weshalb wir unsere Geschäftsanstrengungen auf internationaler Bühne deutlich verstärken werden. Taktgeber bleibt die Firmenzentrale in Ulm.
In welchen Bereichen verändert die E-Mobilität die Anforderungen an Öl- und Schmierstoffunternehmen?
Günter Hiermaier: Während in Fahrzeugen mit hybridem Antrieb immer noch Motoröl Verwendung findet, wenn auch in deutlich geringeren Füllmengen als bei reinen Verbrennern, ist unser Kernprodukt bei ausschließlich elektrisch angetriebenen Autos außen vor. Für Additive gilt das in gleichem Maße. Das bedeutet, dass in mehr oder minder ferner Zukunft andere Produkte und Geschäftsfelder die Hauptumsatz- und Ertragsbringer sein müssen. Für elektrisch betriebene Fahrzeuge bieten wir ein noch kleines Sortiment speziell für dieses Segment an, das wir stetig weiterentwickeln. Die Produkte tragen das Kürzel EV für Electric Vehicle. Als Vollsortimenter kommt es uns zupass, dass wir auch Artikel anbieten, die unabhängig von der Antriebsart Verwendung für den Werterhalt des Fahrzeugs finden, beispielsweise Serviceprodukte für die Wartung, Angebote speziell für Werkstätten und Autohäuser wie Reparatursets für Verbundglasscheiben und das notwendige Rüstzeug für den Scheibentausch.
Für Profis wie für Endverbraucher stellen wir ein umfassendes Autopflegemittelsortiment bereit. Auch Artikel für den Haushalt und Gartenarbeiten zählen dazu. So stehen wir nicht blank da, sondern können aus einem großen Reservoir schöpfen. Aber noch liegt unsere Zukunft dort, womit wir in der Gegenwart unser Geld verdienen: Schmierstoffe und Additive. Das mag überraschen, doch weltweit wächst der Fahrzeugbestand und die Nachfrage nach Schmierstoffen steigt weiter.
Inwiefern spielt in diesem Zusammenhang die internationale Ausrichtung von Liqui Moly eine Rolle?
Günter Hiermaier: Eine sehr große! Mal davon abgesehen, dass der Beschluss inzwischen auf wackligen Beinen steht, betrifft das Aus für Verbrenner bis 2035 ausschließlich die EU. Auf anderen Kontinenten und in anderen Regionen ist die Nachfrage nach kraftstoffbetriebenen Fahrzeugen ungebrochen. Weltweit wird der Großteil auf diese Weise angetrieben – auch nach 2035. Insofern macht sich unsere früh initiierte Internationalisierung bezahlt.
Wiederum andere Anforderungen ergeben sich bei Hybriden, wobei nicht nur bei derartigen Antrieben zunehmend dünnflüssigere Motoröle zum Einsatz kommen. Wie positioniert sich Liqui Moly hier?
Günter Hiermaier: Dünnflüssigere Motoröle macht die Motorenentwicklung erforderlich. Je dünner das Öl, desto größer die Kraftstoffersparnis. Eine simple Gleichung, aber der Teufel steckt im Detail. Ist das Motoröl zu dünn, reißt der Schmierfilm. Die Folgen können fatal sein. Wichtig sind Alterungsbeständigkeit, Schmutztragevermögen und andere Eigenschaften, über die das Motoröl verfügen muss, weil der Verbrenner unregelmäßig und meist nur kurz zugeschaltet wird. Das ist auch der Grund, weshalb der Kraftstoff in Hybriden stärker altert. Vor diesem Hintergrund hat Liqui Moly ein Hybrid-Additiv entwickelt. Eine seiner Aufgaben: Den Alterungsprozess des Benzins zu verlangsamen und so dessen Qualität stabil zu halten. Andernfalls kann sich die Motorleistung verschlechtern und unverbrannter Kraftstoff ins Motoröl gelangen und dieses verdünnen. Deshalb ist ein sauberes Kraftstoffsystem ungeheuer wichtig.
Aus unserer Sicht unnötig sind spezielle Schmierstoffe für Hybride. Sie würden die ohnehin riesige Vielfalt an Motorölen unnötig weiter vergrößern. Entscheidend sind die Freigaben der Hersteller und diese erfüllen wir. Gleichzeitig wollen wir dem Verbraucher die Auswahl des passenden Motoröls und eine sichere Entscheidung so einfach wie möglich machen. Auf den Kanisteretiketten bietet ein Hybridsymbol visuelle Hilfestellung. Der Liqui-Moly-Ölwegweiser im Internet und unsere Experten am Servicetelefon unterstützen Kunden bei Bedarf ebenso.
Seit Ende Mai gilt auch die neue Öl-Spezifikation API SQ. Worauf zielt diese ab und wie hat sich Liqui Moly vorbereitet?
Günter Hiermaier: Die neue Spezifikation nimmt vorrangig die Themen optimierte Kraftstoffeffizienz, verstärkte Reinigungskraft, reduzierte Aschebildung in den Fokus und besserer Schutz vor LSPI. Das Kürzel steht für Low Speed Pre Ignition und bezeichnet die unerwünschte Vorentflammung des Kraftstoffs vor der eigentlichen Verbrennung. Das kann zu Motorklopfen und schwerwiegenden Schäden führen.
Betroffen davon sind vorrangig moderne Downsizing-Benzinmotoren mit Direkteinspritzung. Wie gut ein Motoröl vor LSPI schützt, wurde bislang an Frischöl getestet. Neu bei der API SQ ist, dass der Gesamtzustand des Öls betrachtet wird. Der eingeführte LSPI-Aged-Test untersucht den Schutz vor LSPI im gebrauchten beziehungsweise gealterten Öl. Diesen Test haben unsere Produkte erfolgreich bestanden. Liqui Moly hat mehrere Produkte der Serie Special Tec AA umgestellt. Die Motoröle, die vorrangig für amerikanische und asiatische Fahrzeuge geeignet sind, erfüllen die Anforderungen der aktuellen Norm des American Petroleum Institute.
Welche Bedeutung haben die Aktivitäten rund um Autopflegeprodukte und das Tankstellengeschäft? Und haben sich auch hier die Anforderungen verändert?
Günter Hiermaier: Als Vollsortimenter für Autochemie sind Produkte zur Autopflege für uns ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Portfolios. Diese Artikel spielen in der Wahrnehmung bei Automedien und Endkunden eine besondere Rolle, weil sie, ganz im Gegensatz zu Motorölen und Additiven, häufig in Tests von Redaktionen und Influencern mit Produkten unserer Wettbewerber verglichen werden. Additive und Schmierstoffe können nur auf Fahrzeugprüfständen valide getestet werden. Das ist teuer und Verlage scheuen die Kosten, was nachvollziehbar ist. Während Öle und Additive im Motor bzw. Kraftstoffsystem und damit im Verborgenen wirken, lassen sich Anwendung und Wirkweise von Pflegeartikeln sehr gut darstellen und bebildern. Weil ein schlechtes wie ein hervorragendes Testergebnis die Wahrnehmung der Verbraucher in Bezug auf die Marke und die Qualität aller Produkte beeinflussen kann, stellen wir auch an unsere Pflegeprodukte höchste Ansprüche mit dem Ergebnis, dass wir in der Vergangenheit bei Vergleichen ganz vorne oder zumindest auf dem Treppchen und/oder Preisleistungssieger gewesen sind.
Eine ebenfalls positive wie rasante Entwicklung hat unser Tankstellengeschäft in den letzten Jahren gemacht. Für den Verkauf wurde ein eigenes Team im Außendienst gegründet und ein spezielles Tankstellenkonzept entwickelt, das sich mit den besonderen Anforderungen in Tankshops auseinandersetzt. Im Innendienst gibt es einen Key-Account für diese Vertriebssparte. Weshalb diese Anstrengungen? Nun, die Produkt- und Anbietervielfalt auf dem Markt ist enorm. Mit unserer Strategie der persönlichen Beratung und Betreuung vor Ort sowie mit unserem an Tankstellen angepassten wie übersichtlichen Produktportfolio unterscheiden wir uns gründlich vom Wettbewerb.
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