Verschiebungen im Reifenersatzmarkt

Faktor Wirtschaftlichkeit wird immer wichtiger

AdobeStock_Oleksiy_KIIm Reifenersatzmarkt lässt sich eine Verschiebung der Marktanteile registrieren.   Foto: Oleksiy – stock.adobe.com (KI)

“Die Inflation und wirtschaftliche Unsicherheiten haben dazu geführt, dass Endverbraucher und B2B-Kunden verstärkt preissensibel agieren. Werkstätten und Autohäuser benötigen eine flexiblere Produktpalette, um Kunden mit unterschiedlichen Budgets bedienen zu können”, berichtet Marc Straub. Der Großhandelsbetrieb Reifen Straub pflegt seit vielen Jahren Geschäftsbeziehungen zu Reifenherstellern aus Asien, die mit starkem Fokus auf das Verhältnis Preis-Leistung Marktanteile erobern wollen. Besonders in chinesischen Akteuren erkennen die Straub-Verantwortlichen erhebliches Potenzial. “Reifen aus China sind längst nicht mehr nur eine ‘günstige Alternative’. Die Qualität hat sich in den letzten Jahren drastisch verbessert, so dass viele Produkte inzwischen echte Alternativen zu etablierten Marken darstellen”, wirbt Marc Straub. Die Skepsis chinesischen Reifenherstellern gegenüber ist hierzulande noch groß, entsprechend knifflig ist die Vermarktung. Die Warnungen vor “Billigprodukten aus China” seitens der etablierten Reifentestmedien hallen nach. Diese Wahrnehmung ins Positive zu verkehren, ist ein mühsamer, beratungsintensiver Prozess. Wie es aber gehen kann, haben einige koreanische Reifenhersteller in den letzten Jahren vorgemacht – solide Produktqualität, entwickelt und produziert in Europa, preislich nachvollziehbar im Markt positioniert. Mit Reifen Straub als Generalimporteur haben die aufstrebenden chinesischen Marken Linglong und Sailun jedenfalls einen starken Fürsprecher zur Erschließung des deutschen Marktes. 

Und wie der aktuelle Sommerreifentest der AutoBild zeigt, entwickeln sich eben diese beiden Marken in Sachen Produktqualität. Im Falle Linglongs liegt dies sicher auch im europäischen Reifenwerk in Serbien und den speziell auf den europäischen Markt abgestimmten Produkten begründet. Bei Sailun sieht das noch etwas anders aus. Über eine Reifenfabrik in Europa verfügt der Reifenriese aus China (noch) nicht. Dies dürfte der nächste Schritt zu einer stabilen Positionierung und Lieferfähigkeit für die europäischen Märkte sein. In Sachen Kommunikation bemüht sich Sailun mittlerweile um gesteigerte Transparenz. Dialogfreudig präsentierte sich zuletzt auch die deutsche Division von Linglong. Auf Einladung besuchte die Redaktion von Automotive Insights Ende des vergangenen Jahres die neue Reifenfabrik und sprach mit den Verantwortlichen über die ambitionierten Pläne, in die Top-Liga der internationalen Reifenhersteller aufsteigen zu wollen. Die aktuellen Testergebnisse weisen in jedem Fall in beiden Fällen in die gewünschte Richtung: Mit dem Linglong Sport Master und dem Sailun Atrezzo ZSR2 bremsten sich die beiden chinesischen Hersteller in der Qualifikationsrunde in die Top 10 des Sommerreifentests der AutoBild. 

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Der Faktor Wirtschaftlichkeit gewinnt an Bedeutung – er wird unter anderem durch das Reifenlabel zur Kraftstoffeffizienz gekennzeichnet. Foto: Zigmunds – stock.adobe.com

Schwächelndes Sommerreifen-Segment

Dominiert wird der Markt noch immer von den bekannten Namen der Reifenindustrie. Verstärkt treten aber weitere fernöstliche Hersteller auf die Bildfläche. Blickt man auf die Zahlen im Reifenersatzmarkt, so tritt neben den sich abzeichnenden Verschiebungen in den Absatzvolumina die Härte des Kampfes um Marktanteile zu Tage. Das Geschäft mit Sommerreifen hat nämlich zuletzt erheblich schwächelt – im deutschen und im europäischen Ersatzmarkt. Dies hat diverse Gründe, vor allem aber die signifikant steigende Nachfrage nach Ganzjahresreifen. Sowohl die Zahlen der ETRMA zeigen dies, als auch interne Auswertungen von Alzura Tyre24. Getrieben durch eine weiterhin hohe Ganzjahresreifen-Nachfrage schließen die ETRMA-Mitgliedsunternehmen das Jahr 2024 auf Consumer-Seite mit leichten Volumenzuwächsen ab – insgesamt wurden rund 223,3 Millionen Einheiten im europäischen Ersatzmarkt abgesetzt. Die im Jahresverlauf schwächelnde Sparte Sommerreifen legte in den letzten drei Monaten 2024 zu (+1 Prozent). In Verbindung mit den deutlichen Zuwächsen bei All-Seasons (+18 Prozent) und bei Winterreifen (+15 Prozent) ergab sich für Q4 ein Consumer-Plus von 12 Prozent (56,5 Millionen Einheiten). Auf das ganze Jahr gerechnet liegt das Plus gegenüber 2023 bei 5 Prozent, wobei Sommerreifen (-2 Prozent) die positive Entwicklung bei Winter- (+7 Prozent) und vor allem bei Ganzjahresreifen (+16 Prozent) schmälern. 

Ganzjahresreifen-Anteil bei 34,8 Prozent

Die für Automotive Insights exklusiv veröffentlichten Zahlen der über Alzura Tyre24 vermarkteten Reifen bestätigen die Verschiebung der Anteile von Sommer- zu Ganzjahresbereifung. Bei über Tyre24 gehandelten Sommerreifen steht im Vergleich zum Vorjahr in 2024 ein Minus von 12,1 Prozent. Das Segment All-Season wächst hingegen um 15,9 Prozent. Der Gesamtanteil von Allwetter-Gummis steigt nach 32,2 Prozent im Vorjahr 2024 auf 34,8 Prozent. Im Ranking der Hersteller zeigt sich bei Ganzjahres-Profilen an der Spitze keine Änderung. Hankook ist die meistgehandelte Reifenmarke über Tyre24. Im Vergleich zu den Jahren 2022 und 2023 zeigen sich dahinter aber auffällige Veränderungen. Vredestein fällt als in den Vorjahren auf Platz 2 einsortierte All-Season-Marke komplett aus dem Top-5-Ranking. Einige negative Meldungen – etwa zu “schlechten Verschleißwerten” – könnten hierzu beigetragen haben. Dabei konnte der Vredestein Quatrac im letzten Ganzjahresreifen Test der AutoBild sogar den Sieg einfahren. Bei Tyre24 wird Vredestein aber durchgereicht. Goodyear rückt vor auf die Position 2, es folgen Nexen, Kumho und Conti.

Die Top-5-Reifenmarken bei Tyre24 im Segment Ganzjahresreifen

  1. Hankook
  2. Goodyear
  3. Nexen
  4. Kumho
  5. Conti

Meistverkaufte Ganzjahresreifen über Tyre24 (2024)

  1. Hankook H750 Kinergy 4S 2
  2. Kumho HA32 Solus 4S
  3. Nexen N'Blue 4 Season
  4. Goodyear Vector 4 Seasons G3
  5. Continental Allseason Contact 2

Das Ranking im Segment Sommerbereifung führt ebenfalls Hankook an. Continental, Michelin, Pirelli und Nexen reihen sich dahinter ein. Um an dieser Stelle noch einmal auf chinesische Reifenmarken zu sprechen zu kommen – deren Anteile sind hierzulande noch kaum relevant. Die preissensible Kundschaft wird bisher vornehmlich über die koreanischen Akteure oder über Zweitmarken der Premium-Hersteller bedient. Die Testergebnisse chinesischer Reifenfabrikate fahren in Tests noch nicht konstant genug im guten Bereich, um die sicherheitsrelevanten und wirtschaftlichen Kriterien auf einem selbstverständlichen Niveau im Verkauf überzeugend verargumentieren zu können. Ein genauer Blick hilft zur Einordnung. Ein Sommerprofil wie der Goodride Solmax 1 des ambitionierten Herstellers ZC Rubber kann im Test der AutoBild (2023) noch immer keine Augenhöhe mit den Marktführern herstellen. In Nässeperformance, Gripniveau und auch in der Umweltbilanz kann dieses Goodride-Profil laut den Reifentestern kaum überzeugen. Die eingangs genannten Marken Linglong und Sailun kommen in dieser Saison diesbezüglich einen Schritt weiter. Sie bremsen sich in sicherheitsrelevanten Disziplinen nun in gute Bewertungsspektren – und diese Linie muss sich im Sinne eines weiteren Vertrauensaufbaus fortführen. 

Die Top-5 Reifenmarken bei Tyre24 im Segment Sommerreifen

  1. Hankook
  2. Continental
  3. Michelin
  4. Pirelli
  5. Nexen

Meistverkaufte Sommerreifen über Tyre24 (2024)

  1. Hankook K127 Ventus S1 Evo3
  2. Hankook K135 Ventus Prime4
  3. Hankook K125 Ventus Prime3
  4. Continental Eco Contact 6
  5. Nexen N'Blue HD Plus

ADAC: Reifenmodelle aus der mittleren Preisklasse überzeugen

Der wohl meistbeachtete Reifentest ist der des ADAC. Neben vielen Profilen von “Premiumherstellern” überzeugen im aktuellen Sommerreifentest des ADAC auch Reifenmodelle aus der mittleren Preisklasse mit guten Bewertungen. “Sie belegen, dass auch in diesem Segment eine gute Balance zwischen Fahrsicherheit, Umweltbilanz und Preis möglich ist”, so der ADAC in einem Statement. In diesem “guten Mittelfeld” tauchen Reifenmarken wie Falken, Yokohama, Nexen und Kumho auf. Und besonders Produkte, die der preissensiblen Kundschaft angeboten werden können, gewinnen an Attraktivität für die Vermarktung im Reifenhandel und Kfz-Gewerbe. Die aufstrebenden Reifenmarken dürfen im Kampf um Marktanteile aber keinesfalls den Faktor Wirtschaftlichkeit und Effizienz in der Produktentwicklung untergewichten. Dies zahlt letztlich negativ auf das eigene Image ein. Die Balance entscheidet – in Entwicklung und Vermarktung. 

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